Opel bläst zum Angriff auf VW

Mit tausend „Kadetten“ pro Tag – Ein neues Firmen jahrhundert, eine neue Fabrik, ein neuer Wagen von Heinz Michaels

Es wird ernst auf dem Automarkt. Am Montag – sechs Tage nach der Jubiläumsfeier – haben die Opel-Werke zum Angriff auf das Volkswagenwerk geblasen. „Am letzten Dienstag blickten wir in die Vergangenheit“, meinte Vorstandsmitglied de Wolff emphatisch. „Heute ist der Tag der Zukunft.“

Die Zukunft präsentierte sich in Rüsselsheim auf einem drehbaren Podium: ein ein eischalenfarbenes Auto moderner (jedoch nicht modischer) Linienführung – der Opel Kadett, mit dem das deutsche Tochterunternehmen des größten Automobilkonzerns der Welt, den General Motors‚ dem drittgrößten der Branche (und größten europäischen Produzenten), dem Volkswagenwerk, eine Schlacht auf dem Markt der Ein-Liter-Wagen liefern will. Drei Wochen noch und der zweitgrößte Autokonzern, die Ford Motor-Company, wird mit seinem Kölner Werk in den Kampf eingreifen.

Anzeige

In Wolfsburg hat man diesem Augenblick nicht ohne Bedenken entgegengesehen. In der letzten Hauptversammlung hatte der Vorstand alle Versuche, die hausväterisch wieder angesammelten Reserven anzugreifen, gerade deshalb entschlossen abgewiesen. Mahnend sagte Prof. Nordhoff damals: „Hinter beiden Unternehmen (General Motors und Ford) steht eine Finanzkraft, der kein deutsches Unternehmen etwas auch nur annähernd Gleichwertiges entgegenzusetzen hat, und der Wille des Eindringens in den deutschen Markt um jeden Preis scheint vorhanden zu sein.“ War es doch auch nicht zuletzt der Sinn der so heiß umstrittenen VW-Preiserhöhung, einem Schwund der finanziellen Polster vorzubeugen.

Über eine Milliarde Mark haben die Opel-Werke sich bisher die Vorbereitungen für die Produktion des neuen Kadetts kosten lassen. Innerhalb von zwei Jahren stampften sie im Herzen des Ruhrgebiets, in Bochum, eine neue Fabrik aus dem Boden, unter dem die Bergleute just ihre Arbeit eingestellt hatten, weil sich das Kohleschürfen nicht mehr lohnte. In einem halben Jahr, so rechnet man in Rüsselsheim, sollen dort täglich 1000 Wagen vom Band laufen – fast ein Drittel der Wolfsburger VW-1200-Produktion.

Erleichtert wurde den Amerikanern dieses Unternehmen durch die Steuergesetze beiderseits des Atlantiks. Da nach der deutschen Gesetzgebung der ausgeschüttete Gewinn nur mit 15% (statt 51%) besteuert wird, brauchte die deutsche Tochtergesellschaft nur ihren gesamten Gewinn auszuschütten, um die hohe Besteuerung für Kapitalreserven zu vermeiden. Da nach der amerikanischen Gesetzgebung Gewinne, die im Ausland gemacht worden sind und dort wieder angelegt werden, in den USA nicht besteuert werden, brauchte General Motors den Gewinn der Opel-Werke diesen nur wieder als Darlehen zuzuführen, um so um die Einkommensteuerklippe herumzukommen. Das Ergebnis dieser völlig legalen Steueraktionen – Ford konnte genauso handeln – bekommen die Europäer nun zu spüren.

Da stand er nun also, der neue Kadett, das Ergebnis einer mehr als fünfjährigen Entwicklungsarbeit. In seinen Erläuterungen sparte Chefingenieur Mersheimer nicht mit Seitenhieben auf den VW – selbstverständlich ohne ihn auch nur einmal zu nennen. Ausführlich verbreitete er sich über die Argumente gegen einen Heckmotor, in hohen Tönen pries er den Nutzen eines großen, gut proportionierten Kofferraums.

Natürlich hat der Kadett den Motor vorn und wird über die Hinterräder angetrieben. (Mersheimer: „Die teuerste aller möglichen Antriebsarten.“) Und wie bei allen Opel-Wagen kann man erstaunlich viel Gepäck verstauen – auf Kosten des Tankvolumens, will es scheinen, das mit nur 33 Litern etwas klein ausgefallen ist.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 24.8.1962 Nr. 34
  • Schlagworte BMW | General Motors | Opel | Fiat | Gewinn | USA
Service