DIE ZEIT

Atempause in Berlin?

Ohne viel Aufhebens davon zu machen, sind die sowjetischen Wachmannschaften für das Kriegerdenkmal im Tiergarten von Schützenpanzerwagen wieder in ungepanzerte Omnibusse umgestiegen.

Die tote Monroe-Doktrin

Die Monroe-Doktrin ist tot; nichts könnte das deutlicher machen als Kennedys Kuba-Politik. Wir Europäer aber haben keinen Grund, das Hinscheiden dieser historischen Doktrin nach 139 Jahren unsteter Existenz zu beklagen – im Gegenteil.

Mehr Vollmachten

Was zu erwarten war, ist eingetreten. De Gaulle – als Sieger über die deutschen Herzen nach Frankreich heimgekehrt – hat seinen Landsleuten das Ansinnen gestellt, schleunigst dem Plan einer Verfassungsänderung zuzustimmen: Präsidentenwahl zukünftig nicht mehr über Wahlmänner (es sind deren allerdings 70 000), sondern in direkter Entscheidung durch das Volk.

Regieren in Bonn

In Bonn wird wieder regiert“ – so berichteten in der letzten Woche einige Kommentatoren aus der Bundeshauptstadt. Niemand wird dieser These erstaunliche Kühnheit absprechen wollen.

Bei Bundy ist Wissen Macht

Als John F. Kennedy vor knapp zwei Jahren – er war als Präsident schon gewählt, aber noch nicht im Amt – auf Mitarbeitersuche ausging, ließ er Adlai Stevenson wissen, er würde ihn gern als Botschafter bei der UN einsetzen.

Wahl ohne Wahl

Ben Bella ist nun zum dritten Male angetreten, die Macht in Algerien zu erringen: Anfang August, nach der Unabhängigkeits-Erklärung, zog er als „Vater der Revolution“ in das Land ein; vor wenigen Tagen kehrte er, nachdem ihn die Offiziere des Militärbezirks 4 aus Algerien verjagt hatten, unter dem Schutz der „Nationalen Volksarmee“ in die Stadt zurück.

Zeitspiegel

„Eines habe ich in den vier Jahren in Amerika gelernt: wenn einmal ein bestimmtes Bild von jemand gezeichnet ist, hängt ihm das an.

Zweikampf im Norden

Das hatten die Kieler in diesem Wahlkampf noch nicht erlebt: Nur wer eine Eintrittskarte hatte, wurde eingelassen. Und schon einen Tag, nachdem die Parteien zu dieser Veranstaltung eingeladen hatten, waren die Karten vergriffen.

Deutsche Besucher im Weißen Haus

Ludwig Erhard und Fritz Erler seien die beiden deutschen Besucher des Weißen Hauses, mit denen sich John Kennedy bisher am liebsten unterhalten habe, ist aus der Umgebung des amerikanischen Präsidenten zu hören.

Vor 100 Jahren: Bismarcks Berufung

Am 17. September 1862 führte in Preußen das Ringen um die Bewilligung des Heeresetats zu einer Situation, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben schien.

Hat Deutschland eine Zukunft?

Golo Mann: Ich könnte die Frage stellen, die zu stellen ich mich beinahe schäme, weil sie billig ist, die sich aber doch aufdrängt: Wie wollen wir denn ohne Krieg – im kalten Krieg – eine Oberhand gewinnen? Nicht nur so, daß wir moralisch besser dastehen; das haben wir ja seit zehn Jahren alles in allem reichlich getan? Nicht in dem Sinne, daß wir wirtschaftlich besser dastehen oder wohlhabender sind, sondern in dem Sinne, daß wir den Gegner zwingen könnten, herauszugeben, was er hat? In dieser Richtung ist doch, seit wir das in anderer Beziehung so erfolgreiche atlantische System haben, gar nichts erreicht worden.

Der Pfarrer konnte nicht rechnen

Der Fernsprechanschluß 5037 in Gießen melcet sich nicht mehr. Im Telefonverzeichnis ist unter dieser Nummer der „Verein Deutsche Familien-Ferienerholung e.

„Gefallen für Deutschland”

In dem Prozeß gegen Professor Leibbrand steht Aussage gegen Aussage – Sicher ist nur: 26 Italiener wurden erschossen

Erntet schneller, Genossen!

Abend für Abend wird im Zonenfernsehen das Ernte-Barometer vorgeführt. An seinen Skalen läßt sich ablesen, wieviel Prozent der Getreidefelder in der Zone gemäht und geräumt sind.

In hoher Einsamkeit der Seele

Sein Schiff mußte bereits aus dem Hafen heraus sein. Sie stellte die Flasche fort, wusch das Glas aus, tat es in den Schrank und löschte das Licht.

Robert Neumann:: Kitsch as Kitsch can

Erlebnis zwei: Ort im Salzkammergut, der Papierhändler betreibt nebenbei eine Leihbibliothek, ich stehe bei. ihm, um mir Papier auszusuchen für den neuen Roman – einen jener Romane, von denen Leonhardt; koketterweise behauptet, er lese sie nicht, während er sie in Wirklichkeit liest und liebt (besonders den letzten, der dieser Tage erscheinen wird).

Zeitfragen

Immer wieder hören wir von Verlegern, von Buchhändlern und von Literaturfreunden überhaupt die Klage: Die Buchkritik in Deutschland sollte besser werden.

Lob des Stotterns

Seit einiger Zeit ist eine seltsame und ein wenig irritierende Erscheinung zu beobachten: das intellektuelle Deutschland diskutiert unaufhörlich.

Über Weill läßt sich nicht streiten

Es ist ein Spaß, bei Alfred Polgar nachzulesen, wie sich in Leipzig Anno 1930 die Premiere der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ abgespielt hat.

Herbstliche Seufzer eines Buchhändlers

Der Verfasser ist Buchhändler in der Universitäts- und Bundeshauptstadt Bonn. Er äußert hier Ansichten, die – wie dem Stammleser dieses Kulturteils nicht verborgen bleiben kann – in Einzelheiten von den unseren abweichen.

Zeitmosaik

Unsere Literatur krankt so schwer und so chronisch werdend an der Doublettenkrankheit, daß wir, glaube ich, an einem Punkt angelangt sind, wo sich das Originelle, wenigstens vorübergehend, als gleichberechtigt neben das Schöne stellen darf.

Kleiner Kunstkalender

Für Kunstausstellungen gibt es keinen überregionalen Programmgestalter und Koordinator. Also ist es reiner Zufall, daß in diesem Spätsommer plötzlich überall Christliche Kunst zur Schau gestellt wird.

Das Goldstück

Den Vierzehnjährigen hatte es nicht länger mehr zu Hause gelitten. Dieses Zuhause war eine Hafenschenke in Marseille, die sein Vater bewirtschaftete, und die Mutter kochte den Gästen auf und hielt die drei Schlafkammern im ersten Stock sauber, ohne darin zu übertreiben.

Film

„Phaedra“ (Frankreich, Verleih: United Artists): Jules Dassin, seit „Sonntags nie“ in die Schauspielerin Melitta Mercouri verliebt – er heiratete sie inzwischen –, hat ihr diesen Film nicht nur auf den Leib geschrieben, er hat sich um seines Stars willen auch an der klassischen Literatur vergriffen.

Nie wieder ein Haus eröffnen...

Von fünf Inszenierungen sollte hier berichtet werden, mit denen das neue Kölner Schauspielhaus in der ersten Woche aufwarten wollte.

Fernsehen: Staudte auf der Bildröhre

Das Fernsehen, gescholten als Mittel der Verdummung und interpretiert als Verfallserscheinung von Theater und Film, macht eine erstaunliche Entwicklung durch: Es wird das Rückzugsgebiet für heiße Themen und unbequeme Regisseure.

Theater

Die Eröffnungsinszenierung war Harry: Mayen übertragen worden. „Ob, er wohl das Düsseldorfer Publikum mit Hilfsschülern verwechselte?“ fragt „Der Mittag“.

Auf welche Bücher sind Sie am meisten gespannt?

1) Reinhard Baumgart: „Hausmusik“ (Walter) – weil ich Baumgart, auch wenn seine Freunde nicht immer die meinen sind, für einen der gescheitesten und (man verzeihe das unzeitgemäße Wort) manierlichsten jungen Männer des deutschen Nachwuchses halte.

Eine Kumpanei zur Verhinderung von Unfug

Es gab einmal eine Zeitschrift der jungen Generation, sie hieß Der Ruf und wurde im Jahre 1947 wegen eines zu demokratischen Gebrauchs des demokratischen Grundrechts, frei seine Meinung sagen zu dürfen, von den Amerikanern verboten.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT Gedichte, Prosastücke und (zum Teil unveröffentlichte) Briefe, aus jedem Abschnitt des Bennschen Lebens etwas Repräsentatives, von dem „Gespräch“ des Jahres 1910, einer frühen, noch vorexpressionistischen Poetik, bis zu den Versen „Kann keine Trauer sein“ vom Januar 1956; Widmungen und Faksimiles; und auf eingeschobenen, blauen, römisch gezählten Seiten: Kritiken, Essays, Kommentare, Nachrufe, vor allem von Ernst Stadler, Max Rychner, L.

Heinrich! Mir graut’s vor dir

Oft geschieht es, daß Literaturkritiker oder Verlagslektoren der Verlockung, einmal selber einen Roman oder Erzählungsband zu schreiben, nicht widerstehen können.

Vielheit und Einfalt deutscher Politik

Als Hellmuth von Gerlach Preußens Polenpolitik attackierte, da sie die Polen zu zweitklassigen Staatsbürgern degradiere, entgegnete Max Weber, das Gegenteil sei der Fall: „Wir haben die Polen erst zu Menschen gemacht.

Kein Held und auch kein Herr Niemand

Die Auguren schütteln sorgenvoll die Köpfe. Eine flaue Buchsaison stehe bevor. Der Roman, von dem man sich am meisten versprach, sei, so heißt es, nicht rechtzeitig fertig geworden – trotz gerungener Verlegerhände.

Politik – eine Kunstform

Drei Große unserer Literatur werden, so oft man ihre Größe und Wirkung zu messen, zu ermessen sucht, unausbleiblich mit der Nation konfrontiert, mit den Deutschen also – unter einhelligem Verzicht auf die naheliegende Frage: Mit welchen Deutschen? Allen? Schwerlich käme jemand auf den Gedanken, Racine und die Franzosen, Shakespeare und die Engländer gegenüberzustellen, am wenigsten ein Franzose oder ein Engländer.

Was man aus der Geschichte lernen soll

In seiner „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ wägt Golo Mann bei Gelegenheit einer Abschweifung über die Intellektuellen der Weimarer Republik das politische Denken seines Vaters und seines Onkels, Thomas und Heinrich Manns also, gegeneinander ab.

Aus der Schatzhöhle der Bibel

Das Wort „bestürzend“ ist ein albernes Modewort der Kritiker geworden, sie nennen alles mögliche bestürzend, was sie erstaunlich gut finden, und doch kommt mir diese Vokabel jetzt einmal in den Sinn und zur Hand, weil mir keine treffendere einfällt und ich bestürzt bin.

Das gereinigte Schubert-Bild

Wenn die Möglichkeit oder gar die Notwendigkeit gegeben ist, aus der unüberschaubaren Flut der Schubert-Publizistik aller Arten ein Buch herauszuheben und nachdrücklichst allgemeiner Beachtung zu empfehlen, so will das schon etwas sagen.

Zement – Metapher für das Böse

In seiner „Philosophie der Kunst“ unternahm Taine einmal den Versuch, eine Hierarchie der Literatur nach Dauer und Gültigkeit ihrer Gegenstände zu entwerfen.

„Eklatant versagt“

„Ich weiß, daß Sie alle furchtbar klug sind, aber die Welt hat seit je unter intellektuellen Halbidioten gelitten, so gerade auch die Luftfahrt.

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