Von Rudolf Fischer

Paris, Ende September

Den Betrachter aus der Ferne erinnert die politische Szene Algeriens bisweilen an ein amerikanisches Rodeo: ein Spiel, in dem die starken Männer ihre Kräfte messen. Wer sich am längsten auf einem wilden Hengst im Sattel zu halten vermag, hat gewonnen. Die Geschicklichkeit Ben Bellas in diesem Spiel – das ist eine Feststellung, die heute gemacht werden kann – schlägt dabei jegliche Konkurrenz aus dem Felde. Ihm scheint zu gelingen, woran Ben Khedda ebenso wie Fares gescheitert ist, nämlich jene Zügel der öffentlichen Ordnung zu erfassen und zu straffen, die Frankreich hat schleifen lassen, als das Referendum den wuchtigen Entscheid für die Unabhängigkeit Algeriens brachte. Daß Ben Bella dabei von den Sporen ziemlich rücksichtslos Gebrauch macht, die Oberst Boumedienne ihm lieh, ist allerdings ein Schönheitsfehler, der auch den wohlwollenden Zuschauer des Husarenstücks nicht froh werden läßt.

Es wäre eine herbe Enttäuschung, wenn das politische Temperament Algeriens allein durch Peitschen, Sporen und Bajonette in Zucht gehalten werden könnte. Denn über kurz oder lang müßte Oberst Boumedienne dann wohl dem Anreiz erliegen, sich selbst in die Arena zu werfen.

Ben Bella hat seinen feurigen Araberhengst, der mehrfach den Gehorsam verweigerte, nun endlich über ein weiteres Hindernis des in Evian abgesteckten Spring-Parcours gebracht: Mehr denn 6,5 Millionen algerische Wähler haben die Schaffung einer Konstituierenden Versammlung gutgeheißen und ihre Stimme den 196 Kandidaten der Einheitsliste gegeben. Es war keine Darbietung, die auf demokratischen Turnierplätzen mit Applaus bedacht werden könnte, denn der Vorgang erinnerte allzusehr an jene qualvolle Wahl ohne Wahl, wie sie uns aus östlichen Satellitenstaaten sattsam bekannt ist.

Ben Bella hatte sogar gegenüber einer ersten Kandidatenliste vom August dieses Jahres beträchtliche Streichungen vorgenommen, die das Gremium noch mehr zu einem auf ihn eingeschworenen Clan machten. Ja, man mußte sich ernstlich fragen, ob dieses Parlament jemals in der Lage sein würde, seine demokratische Aufgabe zu erfüllen: nämlich die öffentliche Konfrontation und Diskussion politischer Alternative.

In der Tat läßt sich der Charakter dieser Konstituierenden Versammlung am deutlichsten aus der Liste jener Persönlichkeiten ersehen, deren Kandidatur willkürlich boykottiert worden ist, ohne daß das algerische Volk jemals eine Chance gehabt hätte, über ihre Mitwirkung zu entscheiden. So blieben der frühere Präsident der Provisorischen Algerischen Regierung, Ben Khedda, sein Armeeminister Boussuf, und verschiedene hohe Funktionäre des Außenministers – abgesehen von Bei Kassem Krim und Mohamed Jasid – auf der Strecke: also sämtliche Unterhändler von Evian.