Ob sich hier wohl noch das romantische Mißverständnis auswirkt, auf dem „flacher Lande“ lebten nur Bauern, und Bauern suchten und brauchten nun einmal keinen Anteil am Leben der Gegenwart? Dabei unterscheiden sich die Berufswünsche der Landkinder kaum noch von denen der Kinder aus der Stadt. Im Jahre 1957 traten nur 1,7 Prozent der Kinder, welche aus ein- bis vierklassigen Schulen entlassen wurden, in land- und forstwirtschaftliche Lehr- und Anlernberufe ein. Dreißig von hundert Kindern suchten eine handwerkliche, elf von hundert eine industrielle Lehre. Jedes fünfte Kind wählte einen Beruf bei der Post, der Bahn, der Verwaltung, im Büro oder im Geschäft. Allein diese Angaben lassen die Lieblosigkeit einer Gesellschaft ahnen, die diesen Kindern eine Schulordnung verwehrt, welche gleiche Startchancen eröffnet.

Jedenfalls geht es auch anders: In aller Welt – in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Großbritannien, in Frankreich, in Schweden, in Finnland, in Norwegen, in Dänemark, in der Sowjetunion, in der Tschechoslowakei, in Polen – besuchen die Kinder der Volksschuloberstufe zentral gelegene Schulen mit zeitgemäßen Einrichtungen. Bei größeren Entfernungen werden sie mit Schulomnibussen kostenlos zum Unterricht gebracht.

Ein Beispiel: Im Bezirk Cato und Meridian des Staates New York gab es bis 1938 dreißig einklassige Schulen mit dreißig Lehrern. Seitdem werden die Kinder dieses Bezirks in einer Schule von 41 Lehrern betreut. In den Vereinigten Staaten sorgen 100 000 Omnibusse täglich dafür, daß fünf Millionen Kinder in ihre Schulen gelangen. Übrigens stehen diese Omnibusse meistens auch den Erwachsenen zur Verfügung, wenn sie am Abend gesellige oder kulturelle Veranstaltungen besuchen wollen. So können Zentralschulen und Omnibusse dazu beitragen, daß der Zusammenhalt und das geistige Leben auf dem Lande wach bleiben.

In der Bundesrepublik ist der Plan einer Dörfergemeinschaftsschule mancherorts anrüchig. Die Sowjets haben ihn auch erwogen und weithin sogar verwirklicht. Somit kann er wohl nichts taugen. Daß diese Zentralschule in den Vereinigten Staaten von Amerika und bei unseren westlichen Nachbarvölkern die Regel ist, wird geflissentlich verschwiegen. So fragte der Abgeordnete Goppel im Bayerischen Landtag, ob das Kultusministerium wisse, daß dieser Plan „auf der Konzeption der Landschule und der ländlichen Ausbildung in der Sowjetzone“ beruhe. Und die katholische Zeitschrift „Mann in der Zeit“ prophezeite unter der diffamierenden Überschrift „Schul-Kolchosen?“, daß die Zentralschule dazu beitragen werde, „unser ganzes Volk der Tingeltangelkultur städtischer Geschäftemacher“ auszuliefern.

Die vergleichsweise armen Länder der Bundesrepublik gaben die richtige Antwort darauf. Hessen und Niedersachsen ließen sich in ihrer Verantwortung für eine faire Startgleichheit zwischen Kindern aus Stadt und Land nicht beirren und begannen die wohlerwogenen Pläne zu verwirklichen. Zu Beginn dieses Schuljahres konnte der niedersächsische Kultusminister mitteilen, daß in seinem Land bereits 167 Mittelpunktschulen errichtet worden sind und ferner 194 Schulen bestehen, in denen Kinder des 7. bis 9. Schuljahres zusammengefaßt sind.

Niemand kann unserem Staat nachsagen, daß er sich nicht um die Heranwachsenden kümmere. Durch strenge Bestimmungen bewahrt er sie vor dem Aufenthalt in Gaststätten, vor öffentlichen Tanzveranstaltungen, vor den Darbietungen eines Varietes oder gar einer Revue, vor, Tabakgenuß und vor Glücksspielen. Seit Jahren stehen in diesem Zusammenhang Film, Fernsehen und die Presse im Kreuzfeuer schärfster Kritik. Hier werden die Ursachen für schädliche Einflüsse gesucht.

Vor anderen Einrichtungen und Äußerungen des Lebens, denen sie noch unreif ausgesetzt werden, wie vor der Fabrik und dem Büro, in denen sie Erfahrungen machen können, die sie in keinem Organ der Publizistik finden, bewahrt sie niemand. Als halbe Kinder werden dreiviertel der Jugend unseres Volkes in eine Welt geschickt, in der es von Ursachen der Verwahrlosung nur so wimmelt. Das Bayerische Kultusministerium bezeichnet eine der Ursachen: „Die sexuelle Enthemmung der Jugendlichen und Heranwachsenden stammt vielfach aus der Betriebsatmosphäre, wo sich der Einfluß älterer Arbeitskollegen nachteilig bemerkbar macht, ohne daß ihm von Betriebsrat und Betriebsführung entscheidend entgegengewirkt wird.“