Märchen, Sagen, Fabeln

von Gustav Kemperdicft

Wenn man jahrelang geglaubt hat, Märchenbücher sollten eigentlich nicht illustriert werden, weil die Vorstellungswelt des Kindes dadurch einschränkend festgelegt wird, dann läßt man sich nur schwerlich vom Gegenteil überzeugen. Nikolaus Plump hat mich mit seinen Illustrationen in

J. K. A. Musäus: „Rübezahl“, ausgewählt und bearbeitet von Otto Hohenstatt, mit acht Farbtafeln von Nikolaus Plump; Union Verlag, Stuttgart; 56 S., 4,95 DM

bekehrt. Die großflächig-farbigen Bilder lassen genügend Raum für die Phantasie, und obwohl der kunstfertige Plump gleich mehrere Bände einer Reihe illustriert hat, gibt es kaum eine Wiederholung. Dabei ändert der Graphiker nicht einmal die Technik. Drohend, freundlich und furchterregend erscheint der Berggeist auf den Bildern, aber die Illustration bleibt nur Anregung, Andeutung für die Vorstellungskraft, und bereichert dadurch den Text, der von Otto Hohenstatt vorzüglich überarbeitet ist. Auch Hohenstatt hat glücklicherweise darauf verzichtet, die Sprache „auszubügeln“. Wer will, kann sich also an Wörtern wie „die Reisigen“ und „Hecktaler“ stoßen. Viele Kinder sind ihm, glaube ich, dankbar für seine Kauzigkeit. Die Bücher dieser Reihe sind aus einem Guß, Druck und Typographie nicht zu vergessen. Dabei sei noch darauf hingewiesen, daß diese Bande nicht mehr kosten als zum Beispiel die betulich-einfallslosen Machwerke einer Enid Blyton.

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Ebenfalls reich illustriert sind die

Brüder Grimm: „Kinder- und Hausmärchen“, mit vielen Bildern von J. Grabianski; Verlag Carl Überreuter, Wien/Heidelberg; 352 S., 9,80 DM.

Der Verlag bezeichnet den Band als „Jubiläumsausgabe“. Allerdings fragt man sich, ob in diesem Buch zum Ausdruck kommt, was Jakob und Wilhelm Grimm sich bei der Erstausgabe im Krisenjahr 1812 gedacht hatten: „... weil aber einen jeden ihre einfache Poesie erfreuen und ihre Wahrheit belehren kann, und weil sie beim Haus bleiben und sich forterben sollen, werden sie auch Hausmärchen genannt.“ Die sehr bunten Illustrationen, von Janusz Grabianski sind bisweilen arg wienerisch, wohl nicht so sehr für’s Haus als für eine Bühne geeignet. Die Bilder – kaum eine Seite bleibt ohne Illustration – sind in ihrer Aquarelltechnik manchmal zauberhaft und ausdrucksvoll, manchmal jedoch nur galant. Etwas weniger wäre mehr gewesen. Rund 250 Abbildungen sind sogar zuviel für einen Comic-Strip, und Märchen wollen ja schließlich auch erzählt werden; als Lektüre oder gar als Bilderbuch sind sie doch wohl nur in zweiter Linie gedacht. Die sprachliche Bearbeitung der Überreuter-Ausgabe ist sorgfältig durchgeführt, obwohl man sich manchmal nicht ganz des Eindrucks erwehren kann, der Herausgeber hätte zuviel Rücksicht auf die gleichzeitig in mehreren Fremdsprachen erscheinenden Fassungen genommen, und die Brüder Grimm seien dadurch ins Hintertreffen geraten.

Wilhelm Matthießen: „Der bunte Kuckuck“, Einband und Textzeichnungen von Evi Schmidt; Hermann Schaffstein Verlag, Köln; 152 S., 7,80 DM

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