Seine Liebe galt den Pferden

Zum Tode von Manfred Graf Lehndorff

Ein schwerer Verlust hat Rennsport und Pferdezucht in Deutschland getroffen. Am 23. November starb Graf Manfred Lehndorff, der Leiter des Gestüts Röttgen im Rheinland. Er starb 79jährig. Niemand freilich konnte diesem trainierten, trockenen, eleganten Typ die Jahre – und es waren sehr schwere Jahre darunter gewesen – ansehen. Bis er vor Jahresfrist beim Reiten schwer stürzte (das Pferd war gestiegen und hatte – sich nach hinten überschlagend – den Reiter unter sich begraben), ritt er tagtäglich zwei Pferde, winters in der Reithalle und sommers in der Morgenarbeit auf der Galoppierbahn. Und er ritt immer die schwierigsten Pferde, mit denen kein anderer fertig wurde.

Röttgen war ihm nach 1945 zur neuen Heimat geworden. Das 300 Hektar große Gut war in der Gründerzeit von dem Kölner Unternehmer Mülhens erworben und zu einem Mustergestüt ausgebaut worden. Eine hohe Mauer umgab den ganzen Besitz, auf dem fernab der Welt und der sich immer weiter in das Land hineinfressenden Städte ein Pferdeparadies entstand, wie es in Europa kaum seinesgleichen hat: Alleen, musterhaft gehaltene Koppeln, kilometerlange Hecken, weit auseinanderliegende Ställe.

Anzeige

Als der alte Mülhens im Schreckensjahr 1945 starb, stand seine Erbin Maria Mülhens inmitten von Trümmern und Ruinen. Die Rennpferde waren auf der Flucht von Hoppegarten nach Westen teils umgekommen, teils beschlagnahmt worden, die Stutenherden verhungert, güst nur noch in Rudimenten erhalten.

Es schien hoffnungslos, das Gestüt wieder aufzubauen. Aber Maria Mülhens schreckte nicht vor dieser Aufgabe zurück. Und der erste Schritt, den sie tat, trug entscheidend zum Gelingen des Unternehmens bei: Sie engagierte Graf Manfred Lehndorff als Leiter des Gestüts. Der Name Lehndorff ist seit Generationen weit über die Grenzen Deutschlands in allen hippologisch interessierten Kreisen bekannt; seit den Tagen des berühmten Oberlandstallmeisters Graf Georg Lehndorff und später dessen Sohnes, des Trakehner-Landstallmeisters Siegfrid Lehndorff.

Jahrelang hatte Röttgen unter den deutschen Vollblutgestüten zwar eine achtbare Position, war aber nie an die anderen großen Gestüte, Erlenhof, Waldfried, Ravensberg, Schlenderhan herangekommen. Allmählich aber schoben sich die Farben Türkisblau und Altgold in den Vordergrund. Die Erfahrung und das züchterische Genie des Gestütsleiters trugen Früchte. Bis dann schließlich das Jahr 1959 im Rennsport zum Röttgener Jahr wurde. Vier Pferde aus diesem Stall liefen damals im Derby und die vierte Farbe als Sieger. Das hatte es in der langen Geschichte des deutschen Derbys (seit 1869) noch nicht gegeben. Und auch das ist selten genug gewesen, daß der erste und der zweite Platz vom gleichen Stall belegt wurden. Vom Anfang der Saison bis zum Ende beherrschte der Stall Röttgen das Rennjahr 1959.

Im Juli 1961 übergab der Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen den großen Staatsrennpreis für die züchterischen Erfolge an das Gestüt Röttgen. Es war das erste Mal, daß die Vollblutzucht dieser Ehrung teilhaftig wurde, und niemand, am wenigsten Maria Mülhens, zweifelte daran, daß dies in erster Linie Manfred Lehndorff zu danken war.

Vor dem Kriege waren seine Pferde unter den eigenen, den Lehndorffschen Farben rot-weiß, auf den deutschen Rennplätzen gelaufen. Aber das Jahr 1945 hatte ihn aus. seiner Heimat Ostpreußen, mit dessen Schicksal seine Familie seit eh und je verbunden war, vertrieben. Eine der ersten Urkunden, die der deutsche Ritterorden über ostpreußischen Grund und Boden ausgestellt hatte, war die Verleihung der „Großen Wildnis“ in Masuren an den Ritter von Lehndorff. Dort auf dem Besitz „Steinort“ mit seinen 500jährigen Eichen am Rande des Mauer-Sees hatten die Lehndorffs während sechs Jahrhunderten gelebt.

Service