Die alte, neue deutsche Literatur

Frischer Wind für die deutsdie Literaturgeschichte / Von Reinhard Baumgart

Kein Zweifel, die deutsche Literaturwissenschaft ist besser als ihr Ruf und schlechter als ihr Ansehen. Zu leicht macht es sich jene Kulturkritik mit weinerlichem Zungenschlag, mit der Sehnsucht nach guten alten Zeiten, die über unseren Bildungsapparat schon deshalb die Nase rümpft, weil er der Gesellschaft nachwächst, weil er sich vergrößert hat. Auch unsere Germanistik ist beileibe nicht dadurch verdächtig, daß sie im Jahr einige hundert mehr lesbare oder unlesbare, schwerfällig gescheite Dissertationen hervorbringt als in der Ära Schmidt oder Walzel. Der Zirkelschluß, der von zunehmender Zahl auf nachlassende Güte folgert, verrät nur zu bald sein, eigentliches Interesse: Bildung weiterhin als Privileg gewahrt zu sehen. Doch wer die Mühe nicht scheut, der sollte getrost den braven, dürftigen Durchschnitt germanistischer Nachwuchsarbeit um 1910 oder 1925 an dem messen, was sich heutzutage auch durchschnittliche Kandidaten an Selbständigkeit abzwingen müssen. Dann fällt es schwer, an die Dekadenz eines Faches zu glauben, das seine Ansprüche steigert.

Nicht das Niveau dieser Wissenschaft fordert zur Kritik heraus, eher ihre, Tendenzen. Rückblickend, so will es zunächst scheinen, könnte sie stolz sein auf ihre Entwicklung, auf die Elastizität, mit der sie immer neue Methoden ausgebildet und durchgespielt hat, um ihr Objekt, das literarische Kunstwerk, allmählich einzukreisen. Aber die Einkreisung ist fast immer nur bis zum Halbkreis gediehen. Die gebotene Schauseite hat ihre Rückseite beharrlich unterschlagen. Um sie, um das zweite Gesicht der deutschen Literatur geht es in einem Buch, dessen geringer Umfang nicht hinwegtäuschen sollte über sein inneres Gewicht — Robert Minder: „Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich", fünf Essays; Insel Bücherei Nr. 771, Insel Verlag, Frankfurt; 139 S , 4 50 DM.

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Die deutsche Germanistik nämlich war von Anfang an verbündet mit dem deutschen Bildungsbürgertum, teilte willig dessen politische Misere, glaubte gemeinsam mit ihm, verschämt oder trotzig, an die Glorie auf dem „Weg nach Innen". Auf welche Richtung sie auch jeweils eingeschworen war, auf rechtschaffenen Positivismus, auf geistesgeschichtliche Höhenflüge oder auf stolze historische Abstinenz im „werkimmanenten Interpretieren" — alle ihre Moden und Methoden, ob materialistisch brav, idealistisch verwegen oder phänomenologisch diskret, haben nur selten den Bannkreis verlassen, in dem bürgerliche Kultur sich ängstlich und selbstbewußt abschirmt gegen den Schmutz der Welt, gegen Politik. Als vulgär galt der marxistische Versuch, die ganze Geschichte wieder in die Geschichte der Literatur hineinzuzwingen. Die Gewalt, mit der das zuweilen geschah, das parteiliche Interesse, das dabei mitregierte, bei Franz Mehring und noch bei Hans Mayer, ganz zu schweigen von Lukacs knochenhartem Spätwerk, machten es den Herausgeforderten leicht, die kühle Schulter zu zeigen.

Jetzt aber kommt jemand, der nicht altes Klasseninteresse gegen neues eintauschen möchte, der einfach die Fenster aufstößt, um versuchsweise frische Luft in die gute Stube zu lassen. Er nämlich hat etwas auf dem Herzen gegen die stete „Verwechslung der festen Burg der Seele mit dem bürgerlich geschmückten Heim", dieser Robert Minder, Germanist an der Sorbonne und am College es ernster als die Festredner, hat geerbt von dem menschenfreundlichen Feuer und der unbestechlichen Kühle des achtzehnten Jahrhunderts, das in Deutschland nie ganz heimisch geworden ist. Seine Beweisgänge lesen sich einfach, so einfach, daß der vom zähen deutschen Tiefsinn verwöhnte Leser ihnen schon wieder mißtrauen möchte. Fünf Beweisgänge sind es genau genommen, die aber auf einen gemeinsamen Schluß zulaufen. Untersucht werden Pfarrhaus und Kadettenhaus, ein frühes und ein spätes Sozialmodell, in ihrem Einfluß auf die deutsche Literatur und ihre Autoren. Neue, erstaunliche Denkmäler werden der Madame de StaeI und Schiller errichtet, einem Schiller ohne goldenen Schnitt, dem Jakobiner mit dem württembergischen Pastorenherzen. Und schließlich mißt Minder den Lauf der deutschen am Lauf der französischen Literatur, den Rückzug ins „innere Reich" mit der Einbürgerung des Dichters. So reimen sich fünf Essays auf ein gemeinsames Programm, sie bilden ein Ganzes. Ja, die deutsche Literatur zurückzuholen in die Gesellschaft und ihre Geschichte, sie zu heilen von jener hierzulande alteingesessenen Schizophrenie, die das Abstraktum Geist gern in Vitrinen der Außenwelt vorenthalten möchte, genau das ist die Absicht des Bandes: „Es soll hier versucht werden, wie alte Landärzte es tun, wieder einmal das Ganze in den Griff zu bekommen " Alte Landärzte arbeiten einfach, dem ersten Blick erscheinen sie schlechthin naiv, so auch Minder. Er beginnt mit einem Blick in deutsche Lesebücher. Dort natürlich entdeckt er nicht, was deutsche Literatur ist, sondern was an ihr landläufig Geltung hat, was von ihr beflissen unterschlagen wird. Sein Erstaunen klingt nur zu verständlich. Einen „Morgenthau Plan der Literatur" sieht er in diesen Anthologien verwirklicht: „Ein Stilleben von Riesenausmaß! Agrarliteratur im durchorganisierten Industriestaat!" Unangefochten vom bitteren Geschmack ihrer Zeit, von Brechts Scheu vor dem „Gespräch über Bäume", Adornos Mißtrauen gegen das „Gedicht nach Auschwitz", unangefochten haben diese Schulmänner ihre idyllischen Fibeln kompiliert. Oder sollten sie im Recht sein? Wäre deutsche Literatur wirklich nur ein stetes Wegblikken vom Schauplatz Welt, ein bloßes ObdachSuchen im Gras, im Herzensgrund und zwischen den Sternen? Schritt um Schritt gewinnt Minder diesem weltflüchtig beschaulichen Bild der deutschen Literatur einiges ab von seiner Betörung und seinem Kredit. Er beschreibt das fatale Auseinanderleben des „inneren Reichs" der Dichtung und des politischen Reichs der Deutschen, von Innerlichkeit und Macht. Aus dem Pantheon voraussetzungsloser Verehrung versetzt er Werke und Autoren wieder zurück in die härtere Luft ihrer Jahrzehnte und Jahrhunderte. Was sie an Würde dabei verlieren, gewinnen sie an Vertrauenswürdigkeit dazu. Nicht nur das fraglos gelungene Werk, das dadurch vorgeblich geadelte Leben, sondern gerade auch Irrwege, Verbogenes und Gescheitertes beginnen nun deutlicher zu uns zu sprechen als in kanonischer Darstellung, die das Geschehene allzu gern als das Notwendige und Gute hinnehmen möchte. Ein Reichtum an Ausblicken und Assoziationen, über die deutschen Grenzen hinweg, quer durch die Zeiten, fächert sich aus, zwingt den Autor oft zu stenographischer Eile und Kürze. Doch nie versandet die Darstellung im Zettelkasten. Daß sie andeutet und anregt, statt überall behäbig auszuschöpfen, nützt nur ihrer Lebendigkeit.

Genügt das Stichwort „soziologisch", das solchen Verfahren gern auf die Stirn gepappt wird? Dem „Ganzen" der Literatur, von dem ästhetische und psychologische, historische und politische Teilansichten sich nicht unabhängig voneinander herauspräparieren lassen, genügt kein Etikett. Minder allerdings nimmt die öffentliche Erscheinung der Literatur ernster, als das in deutscher Literaturwissenschaft üblich ist. Ihre aktiven Werte beschäftigen ihn schärfer als ihre kontemplativen, doch auch ihm bleibt bewußt, „daß Kunst nie allein auf gesellschaftliche Elemente reduzierbar ist". Die Rede über ihre schwer faßbaren Hintergründe geht ihm allerdings nicht so leicht und professionell über die Lippen wie so vielen Literaturkaplanen. Lieber hält er sich an das, was offen zu Tage liegt oder gar zum Himmel schreit.

Es gilt hier also nicht, der deutschen Literatur ihre Eigenart abzukaufen, sondern diese Eigenart überhaupt kenntlich zu machen, statt sie feierlich und zufrieden wie selbstverständlich hinzunehmen. Es gilt auch nicht, durch soziologische und politische Bevormundung die Literaturwissenschaft um ihre poetologische Aufgabe zu bringen: die gerechte Anschauung und Deutung der Werke — sondern Werke wie Autoren, statt von einer bequemen Schauseite, in ihrem ganzen Volumen wahrzunehmen. Als Plädoyer und Gegenstimme will das kleine Buch verstanden werden. Die- offiziöse deutsche Literaturbetrachtung kann diesen. Widerspruch, den scharfen Spiegel vor der verinnerlichten Miene brauchen und vertragen. Ein solches Plädoyer ficht freilich niemand durch, für den die Welt nur in Büchern und in denen, wie in einem Gewächshaus windgeschützt enthalten ist. Robert Minder ist ein Germanist, der sich seiner Weltkenntnis und seines Weltbürgertums, der Anwendbarkeit und Patentheit seiner Vernunft nicht schämt. Seine Absichten verbergen sich weder in Talarfalten noch hinter Augenaufschlägen, sie sind offenherzig und streitbar. Doch nie gerät ihnv die Polemik zur bloßen Schimpfrede. Sie ist präzis, sie kann es sich leisten, immer den Überblick zu behalten. Ihr, wie dem ganzen Buch, steht freilich Sprache zur Verfügung, das originale Deutsch eines Pariser Germanisten, das ihm wenige seiner deutschen Kollegen nachschreiben könnten: schlank, doch ohne Dürre, sachlich und pointiert, nie in sich selbst vergafft. So wünscht man sich eine Gelehrtensprache, so genau, so ohne Geiz und Umstände, durch nichts als die Passion zur Sache in Form gehalten. Begeisterung statt Andacht regiert hier, Wachheit statt Tiefsinn, Übersicht statt Verbohrtheit.

Immerhin, wen sollte das alles interessieren? Bleibt nicht auch dieses Buch trotz seiner Lesbarkeit Fachliteratur, Fachleuten vorbehalten? Doch wem an der Literatur liegt, dem kann nicht gleichgültig werden, was an deutschen Universitäten über sie gelehrt wird. Das heute dort Verkündete predigen morgen die Studienräte, und erst übermorgen glauben daran Primaner. Ob deutsche Literatur in Carossa, Weinheber, Bergengruen tatsächlich ihre zeitgenössische Vollendung gefunden hat oder ob nicht andere Linien vom Früheren zum Aktuellen laufen, zu Graß etwa oder Dürrenmatt oder Arno Schmidt — diese für viele schon lächerliche Frage ist an unseren Schulen noch längst nicht entschieden. Wie sie entschieden wird und wann, das hängt davon ab, wie dort und an deutschen Universitäten Kleist, Schiller oder Heine gelesen und den Zeitgenossen nutzbar gemacht wird.

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