Als die Großmachtsträume Napoleons gescheitert waren und die Staatsmänner Europas in Wien über die zukünftige territoriale Gestaltung ihres Kontinents berieten, stellte Talleyrand fest: Frankreich hört nun auf, gigantisch zu sein, um sich wieder den historisch herkömmlichen Voraussetzungen seiner natürlichen Größe zuzuwenden.“

Wer gehofft hatte, das Frankreich unserer Tage werde nun, da es einen 23 Jahre währenden Kriegszustand beendet hat und nun, da abermals die Neugestaltung Europas beraten wird, sich einer ähnlich realistischen Einschätzung seiner Situation befleißigen, der wurde schwer enttäuscht. Zu de Gaulles Lebzeiten ist mit solchem Realismus wohl kaum mehr zu rechnen. Für große Männer ist es offenbar sehr schwer, sich mit den herkömmlichen Gegebenheiten und Größenordnungen abzufinden.

Der Bundeskanzler hat seinen Versuch, de Gaulle zum Einlenken in Brüssel zu überreden, sehr bald aufgeben müssen. Zu stolz, zu starrsinnig und zu sicher der eigenen Unfehlbarkeit ist der französische Staatschef, als daß er sich von irgend jemand beeinflussen ließe. Weder Kennedys Abgesandte noch Macmillan noch der Kanzler vermochten mit ihren Beschwörungen irgend etwas auszurichten. De Gaulle bleibt bei seiner Ablehnung des englischen Beitritts zur EWG und auch bei seiner Zurückweisung des amerikanischen Vorschlags einer multilateralen NATO-Atomstreitmacht.

Der General hat damit – und darüber muß man sich ganz klar sein – die Atlantische Gemeinschaft ausgeschlagen. Dies, die Entscheidung gegen Amerika, das ist es, was jenem Entschluß ein so ungeheures Gewicht verleiht. Die Sunday Times schrieb, die von de Gaulle dem isolierten Europa zugedachte Rolle einer unabhängigen Politik, werde die Amerikaner früher oder später über den Atlantik zurücktreiben, das aber sei „die größte Katastrophe für die zivilisierte Welt seit dem Rückzug der römischen Legionen“.

Der Vertrag von Paris, der Schlußstein im Werk der deutsch-französischen Versöhnung, hätte Anlaß zu eitel Freude, Genugtuung und Bewunderung sein sollen, sein können. Er ist es nicht mehr. Die Krönung dieses Friedenswerks fällt zusammen mit dem schwersten Schlag, der der entstehenden atlantischen Einheit je zugefügt wurde: de Gaulle hat sich für eine kontinentale Lösung gegen die Amerikaner und gegen die Engländer entschlossen. Und wir schicken uns im gleichen Moment an, innerhalb der kontinentalen Sechser-Gemeinschaft ein zweiseitiges Bündnis mit eben dem abzuschließen, der sich mutwillig isoliert.

Was bedeutet das? Es bedeutet das langsame Absterben aller Gemeinschaftsimpulse im Kreise der Sechs. Es bedeutet darüber hinaus die Wiederbelebung alter polarer Denksysteme: „Wenn die Deutschen und die Franzosen sich so eng zusammenschließen, dann müssen wir Angelsachsen in Großbritannien und USA noch enger zusammenrücken...“ Und schon sind Fronten da, schon entwickeln sich neue Antagonismen.

Dem Bundeskanzler blieb keine andere Wahl, er mußte nach Paris fahren – eine Verschiebung der Reise hätte überdies grundsätzlich gar nichts geändert. Und er mußte den Vertrag, der die Krönung all seiner Bemühungen darstellt, unterschreiben. Aber das Parlament, daß seinen Sorgen und Befürchtungen bereits deutlich Ausdruck verliehen hat, das muß jetzt wissen, welche Verantwortung angesichts der Ratifizierung auf seinen Schultern ruht. Marion Gräfin Dönhoff