Die Stewardeß der Boeing 707 wundert sich, daß ich ein Dutzend Exemplare der Pariser-Ausgabe der „New York Times“ und der „New York Herald Tribune“ mit auf den Flug nach New York nehme. Heißt das nicht Eulen nach Athen tragen?

Sie ahnt nicht, wie sich Yvonne, Henry und David über die „Papers“ freuen, die ich ihnen aus Hamburg mitbringe. Am dankbarsten zeigt sich ein Streikposten vor dem Gebäude der New York Times in der 43. Straße. Ich bedaure zum ersten Male, daß ich kein flinker Photoreporter bin und die historische Szene nicht im Bild festhalten kann. Joe Doe, der seine Streikplakate („Weareonstrike against the New York Times“) auf Bauch und Rücken trägt, wirft einen raschen Blick auf die Schlagzeilen und steckt das Blatt dann rasch tief in seine Manteltasche. Seine Streikgenossen könnten ihm womöglich die Lektüre doch verübeln; „I don’t want to be illoyal, but thanks a lot – ich möchte nicht illoyal sein, aber vielen Dank.“ Der Leser Joe Doe hatte über den Streikposten Joe Doe gesiegt.

Joe Doe ist nur einer von 8,5 Millionen New Yorkern, die von dem Zeitungsstreik betroffen sind und seit über zwei Monaten ihre „Papers“ vermissen. Er ist nur einer von rund 3000 Druckern, die auf eine schmale Arbeitslosenunterstützung angewiesen sind – anstatt zwischen 147,65 und 157,65 Dollars die Woche nach Hause zu bringen. Er ist nur einer von etwa 20 000 Arbeitern und Angestellten, die vor dem 8. Dezember; 1962 von neun New Yorker Zeitungen beschäftigt worden, sind und nun auf der Straße liegen oder mit einem Verlegenheitsjob vorliebnehmen müssen.

Man sieht es dem Streikposten Joe Doe nicht ohne weiteres an, daß er zu den (normalerweise) bestbezahlten Arbeitern – nicht nur New Yorks, sondern wahrscheinlich der Welt zählt. Wenig höhere Durchschnittslöhne erzielen in diesem Lande nur die Elektriker und die Graveure. Das mag der Grund dafür sein, weshalb seine Gewerkschaft, die „Typographical Union No. 6“, mit Lohnforderungen gekommen ist, die den Verlegern den Atem verschlagen haben.

Bertram A. Powers, der Boß der Druckergewerkschaft, hat seinem Namen wahrhaftig alle Ehre gemacht, als er für seine Leute Anfang Dezember Lohnaufbesserungen um nicht weniger als 38 Dollar je Mann und Woche forderte. „Das ist eine reine Prestigeangelegenheit – und Wahnsinn obendrein“, erklärten die Verleger. „Die Drucker möchten sich wieder an der Spitze der Lohnpyramide sehen.“ Die Drucker und Setzer haben sich – nicht nur in New York und Amerika – immer schon für die „Aristokratie“ der Arbeiterschaft gehalten.

Powers glaubte sich sehr geschickt anzustellen, als er seine Forderungen zunächst jenen Zeitungen stellte, von denen angenommen werden kann, daß sie (immer noch) Gewinne machen: „The New York Times“, die „News“, das „World-Telegram and Sun“ und das „Journal American“. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Solidarität der übrigen fünf New Yorker Zeitungen. Seit dem 9. Dezember haben die „Herald Tribune“, der „Mirror“, die „Post“, die „Long Island Press“ und das „Long Island Star Journal“ die Rotationsmaschinen angehalten und ihr Erscheinen eingestellt. Es wird sich allerdingst erst noch herausstellen müssen, ob das ein kluger Schachzug war – oder ob diese Sympathie-Kundgebung beispielsweise die „Herald Tribune“ oder den „Mirror“ nicht Kopf und Kragen kostet. Auf der anderen Seite hätte Mister Powers mit seinen Lohnforderungen auch vor diesen Zeitungen, die bereits mit roten Zahlen arbeiten, sicherlich auf die Dauer nicht haltgemacht.

Die Krisis, in der sich die Mehrzahl der New Yorker Tageszeitungen befindet, ist durch den Streik und die damit unweigerlich verbundenen Verluste wahrscheinlich nur ein wenig beschleunigt worden. Es sieht ganz so aus, als ob das große Zeitungssterben, das in den Vereinigten Staaten seit nunmehr vierzig Jahren im Gange ist, noch um einige weitere „Trauerfälle“ bereichert wird. Seit Anfang der zwanziger Jahre ist die Zahl der amerikanischen Tageszeitungen von 552 auf 55 geschrumpft.