DIE ZEIT

Adenauers Geschichtsstunde

Konrad Adenauer ist nicht nur ein Staatsmann, der Geschichte machte, er lehrt auch Geschichte. Kürzlich kam Roswell Gilpatric‚ der stellvertretende amerikanische Verteidigungsminister, nach Bonn, um die Stellung der Bundesrepublik zur NATO nach Abschluß des deutschfranzösischen Vertrages sowie die multilaterale Atomstreitmacht zu besprechen.

Frost in Brüssel

Schon eine Woche nach der EFTA-Ministertagung in Genf waren am 25. und 26. Februar die EWG-Minister an der Reihe: auch sie mußten nun demonstrieren, wie es weitergehen soll.

Semper idem

Als Alexander I. nach der Ermordung seines Vaters Paul I. zum Zaren gekrönt wurde, beschrieb Talleyrand, das alte Schandmaul, diese Szene folgendermaßen: „Der Kaiser trat in den Dom unter Vortritt der Mörder seines Großvaters, umgeben von den Mördern seines Vaters, und gefolgt von seinen eigenen Mördern.

Vorsicht: Ansteckungsgefahr

Prominente Politiker der CDU/CSU werden Ende April nach Frankreich fahren. Der Parteivorstand der gaullistischen „Union der Neuen Republik“ hat sie zu einer Zusammenkunft in der Umgebung von Paris eingeladen.

Wie sag ich’s dem Kanzler?

Nicht nur die Personenfrage bei der Kanzlernachfolge, auch deren Termin bereitet der CDU-Führung Sorgen. Trotz aller Versicherungen prominenter CDU-Politiker, daß der Rücktrittstermin Konrad Adenauers feststehe, daß „an einem Kanzlerwort nicht gerüttelt werden sollte“, daß es also beim Oktober bleibe und „der Fraktionsvorstand keinen Grund habe, an diesem Termin zu zweifeln“, sind sich die Männer an der Parteispitze dieses Zeitpunkts nicht so sicher, wie sie öffentlich vorgeben.

Wirrwarr im Westen

Den Amerikanern wird in letzter Zeit oft vorgeworfen, daß sie auf die Wünsche ihrer Verbündeten keine Rücksicht nähmen, daß sie ihren Partnern rücksichtslos Gewalt antäten.

Frappe de force

Die Zahlmeisterei folgt nach.“ Auf diesen Satz aus dem militärischen Lehrbuch hat sich General de Gaulle bis heute berufen, wenn es um wirtschaftliche Fragen ging.

Neue innerdeutsche Gespräche?

Jetzt nach seinem Wahlsieg wird Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt nach Mitteln und Wegen forschen, um die innerdeutschen Verhandlungen wieder zu aktivieren.

Politische Pipeline?

Besuche finnischer Politiker in Moskau werden selbst in Skandinavien nur noch am Rande registriert. Der Grund liegt auf der Hand: Im Norden weiß man nur zu gut, wie sehr Finnland auf das Wohlwollen des mächtigen östlichen Nachbarn angewiesen ist, will es seine einmal erkämpfte Neutralität auch weiterhin behaupten.

Verbrecher aus verlorener Ehre

Meine Herren, durch Ihren festen Entscheid werden Sie kundtun, daß es in Frankreich keinen Bürgerkrieg geben wird. Frankreich, das wahre Frankreich der Moral, der Freiheit und des Fortschritts, erwartet Ihr legales Urteil; nicht aber jenes zerrissene Frankreich, auf das sich einige Streber, Profitmacher, Hasser oder Verschwörer berufen.

Zeitspiegel

„Wer eine offene Gemeinschaft zu einem exklusiv abgeschlossenen Klub umbilden will, worin er sich durch eine Koalition die Vorherrschaft sichern kann, der versucht, europäische Geschichte mit dem Blick in die Vergangenheit zu machen, der steuert auf ein Europa los, in dem jeder das tun darf, was er, dieser eine, will.

Kennedys Kreuz im Süden

Kuba ist nur die Spitze des Eisberges. Darunter hat sich in Jahrhunderten ein unübersichtliches und unberechenbares Massiv lateinamerikanischer Probleme gebildet.

Nach dem Berliner Sieg der SPD – was nun?

Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt hat es vornehmlich seinem politischen Widerpart, dem Landesvorsitzenden der CDU, Franz Amrehn, zu verdanken, daß er heute – nach dem Wahlsieg des 17.

Sondierung am Potomac

Drei Zusicherungen sind es vor allem, die die Amerikaner von den Deutschen hören wollen: Bonn werde weiterhin seine großen Waffenkäufe in Amerika tätigen; Bonn werde die Bundeswehr bis zu einer halben Million Mann verstärken und die Divisionen in ihrem Kampfwert den amerikanischen angleichen; Bonn werde die amerikanische Konzeption einer „multilateralen NATO-Atomstreitmacht“ sofort und tatkräftig unterstützen.

„Aus Lust am Skandal“

Der Bundesgerichtshof hat dem Landgericht München I einen Prozeß entzogen: Das Verfahren gegen zwei Redakteure der Münchener „Abendzeitung“.

Der Geldwunderdoktor von Altona

Der Ehrenbergstraße in Hamburg-Altona mit ihren klassizistischen Fassaden sieht man an, daß Altona nur durch einen Verwaltungsakt an Hamburg angehängt wurde: hier wirkt noch altes Preußen.

Der Trick mit dem Betonstumpf

Hamburgs Erster Bürgermeister, Dr. Paul Nevermann, kam braungebrannt vom Krankenurlaub auf Teneriffa zurück und konnte schon in seiner ersten Pressekonferenz einen schwer erkämpften Sieg verkünden: Der höchste Profanbau der Hansestadt wird seinem Wunsch entsprechend noch höher.

Kehraus ohne Strauß

Jahr für Jahr pilgerten sie, verkatert noch von der letzten Faschingsnacht, am Aschermittwoch in das niederbayerische Donaustädtchen Vilshofen – Bayerns Politiker.

Unerwünschter Tucholsky

Mit Wiesbaden verbanden Kurt Tucholsky nur wenig angenehme Erinnerungen. Es war 1929, als der Schriftsteller nach einem Vortrag in Wiesbaden überfallen werden sollte; doch die nationalistischen Schläger verwechselten einen Wiesbadener Bürger mit ihm, den sie an seiner Stelle verprügelten.

Karl Jaspers

Jaspers: Philosoph, als ein die Philosophie Liebender, war ich, seitdem ich mit siebzehn Jahren den Spinoza las. Als ich von der Psychiatrie kam, war das ein Weg nicht zur Philosophie, sondern zum Philosophieprofessor.

Lebensfrage

Amerika gilt, gewiß nicht mit Unrecht, als das Land, in dem mehr als sonstwo jeder des anderen Meinung gelten läßt. Nur bei gewissen Lebensfragen sind der Toleranz Grenzen gesetzt, gegenwärtig zum Beispiel bei der kommunistischen Frage.

Zeitfragen: Wird das Inselschiff wieder flott?

Daß die „Insel“, Anton Kippenbergs altehrwürdiges Verlagshaus, zum Verkauf stand, wußten die Eingeweihten seit längerem. Dennoch waren auch sie überrascht von der kurzen, knappen Mitteilung.

Zwei junge deutsche Dramatiker

Wellershoff hatte schon mehrere Hörspiele geschrieben, bevor ihn seine erdichteten Figuren auf die Bühne verwiesen. „Anni Nabels Boxschau“ lautet der Titel eines „Schauspiels“, in dem es weder eine Schau noch ein Spiel zu sehen gibt, in dem geboxt würde.

Dem Dirigenten Ferenc Fricsay

Ferenc Fricsay ist nicht einmal fünfzig Jahre alt geworden. Er starb in Basel, nachdem er in seinem Hause zu Ermatingen am Bodensee in äußerster Zurückgezogenheit gelebt hatte.

Neues vom Dschungel

„Weißt du, wenn man wie ich in jeder Hinsicht buchstäblich im Dschungel gelebt hat, dann tut es richtig wohl, wieder in einem Land zu sein, wo alles klappt, wo alles stimmt, wo Ordnung und Recht herrschen und man nicht dauernd befürchten muß, daß.

Kleiner Kunstkalender

An dem großen graphischen Zyklus Miserere hat Georges Rouault von 1918 bis 1928 gearbeitet, die Blätter sind erst 1948 erschienen.

Zeitmosaik

Lautstark hatte der Münchner Wilhelm Goldmann Verlag dem verbreitenden Buchhandel und dem lesenden Publikum seinen 1000. Taschenbuchband angekündigt.

Unser Seller-Teller Februar 1963

Seit drei Monaten bietet unser Seller-Teller, von milden Variationsversuchen abgesehen, den gleichen Anblick liebgewordener Beständigkeit.

Verleger treiben Italien-Archäologie

Als ich durch die Thomas-Mann-Ausstellung ging, die in Rom im Palazzo dell’Esposi-.zione eingerichtet war, durfte ich mich wundern, wie schnell die italienischen Verleger gespürt hatten, daß hier eine Wunderpflanze für sie wuchs.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT 74 den Griechen und Römern, aber sprachlich offenbar auch den Mönchen und Scholaren des deutschen Mittelalters nachempfundene „Epigramme“ („Sinngedichte“, „Stachelverse“) des gebildetsten deutschen Journalisten – 54 deutsch und lateinisch (lateinisch meistens lustiger), die restlichen 20, wo’s dann wirklich lustig wird, nur noch lateinisch.

Überforderte Nation der Deutschen

Bedeutende Auguren unserer Zeit, historisch Feinfühlige und „zu Ende“ Denkende sigen schon seit Jahren, daß wir mitten in einen Umbruch der Geschichte stehen – „Umbruch“ auch als jene Katastrophe verstanden, die in alten griechischen Wortsinn Wandel und Neubeginn meint.

Am Steuer sitzt der Haß

Viele Verkehrsunfälle würden sich verhindern lassen, wenn auch Kraftfahrer als Menschen miteinander reden könnten, meint Dr.

Schutzpatron der Kybernetiker

Eine geheimschriftliche Erfindung, bisher unerhört, womit jeder beim Lesen in seiner eigenen Sprache verschiedene, ja, sogar alle Sprachen durch eintägiges Einarbeiten erklären und verstehen kann“.

Vergeßliche Jugend

Wir können es uns nicht mehr leisten, dieMethoden unserer Pädagogik auf philosophischen Spekulationen über das Denken aufzubauen.

Funk: „Der Zirkus“

Nicht um einen bestimmten, nicht um einen erfundenen Zirkus handelt es sich hier. Dieser Zirkus ist ein Extrakt der Manegen, Arenen und Zelte, welche Welt, Literatur und Phantasie besitzen und besaßen.

Dieses Jahr in Oberhausen

Auf dem westlichen Festival erwies sich die künstlerische Überlegenheit östlicher Kurzfilme

Film

„Der Mörder“ (Deutschland; Verleih: Schorcht): Ein Mann ist seiner Frau überdrüssig; Scheidung ist unmöglich; lebend wird er die Gattin nicht los.

Fernsehen: Synchron-Seminar

Die Woche brachte ein mäßig interessantes Experiment: die doppelte Ausstrahlung eines englischen Imports, im Original und in Synchronfassung.

Theater

Mit ungewöhnlich differenzierter Kritik reagierte das Premierenpublikum auf eine Molière-Inszenierung des in Berlin keineswegs unbekannten Regisseurs Karlheinz Zeiser.

Das achtzehnte Programm

Für unsere Ohren klingt es beinahe wie ein Märchen: Es gibt ein Land, in dem sich das Transportministerium, das Finanzministerium und der zuständige Ausschuß der Regierungspartei auf einen von sieben Wissenschaftlern ausgearbeiteten Vorschlag geeinigt haben und ihn auch mit Hilfe der Banken verwirklichen.

Planification à la Bonn

Vom „Planen und Rechnen“ hat das Bundeswirtschaftsministerium bislang nur wenig wissen wollen. So widersprach das Ministerium noch 1960 in einer sehr lesenswerten Schrift über „Möglichkeiten und Grenzen volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen als Hilfsmittel der Wirtschaftspolitik“ mit Nachdruck der Behauptung, daß eine „gesamtrechnerische Vorausschätzung“ eine unentbehrliche Voraussetzung für rationale Wirtschaftspoltik sei.

Am Rande Vermerkt

Wie Bonner Auguren wissen wollen, sind die Ministertage des Dr. Hans-Christoph Seebohm gezählt. Zwar gibt es auch Stimmen, die ihn bis 1970 an der verkehrspolitischen Macht halten wollen – das gäbe dann ein 20jähriges Ministerjubiläum –, aber diese Stimmen sind in der Minderzahl.

Die Last, die jeder trägt

Im April 1960 betraute die Kommission der EWG einen -unabhängigen Steuer- und Finanzausschuß, dem neben Prof. Fritz Neumark als Vorsitzendem die Professoren Albers (Kiel), Barrere und Vedel (Paris), Cosciani und Stammati (Rom), Masoin (Brüssel), Schendstok (Den Haag), Shoup (New York) und Staatsrat Dr.

Finanzausgleich notwendig

Auf dem Gebiet der persönlichen Einkommenbesteuerung empfiehlt der Ausschuß die allgemeine Einführung einer der deutschen Regelung entsprechenden, das Gesamteinkommen erfassenden synthetischen .

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