G. Z., Wiesbaden

Mit Wiesbaden verbanden Kurt Tucholsky nur wenig angenehme Erinnerungen. Es war 1929, als der Schriftsteller nach einem Vortrag in Wiesbaden überfallen werden sollte; doch die nationalistischen Schläger verwechselten einen Wiesbadener Bürger mit ihm, den sie an seiner Stelle verprügelten.

Auch heute scheint das Verhältnis zwischen Wiesbaden und Kurt Tucholsky nicht sehr herzlich zu sein. Bei einer Sitzung der Mitglieder des Ortsbeirates für den Stadtbezirk Wiesbaden-Schierstein stritt man sich unlängst darüber, ob es wohl angebracht sei, eine Straße nach dem Satiriker der Weimarer Zeit zu benennen. Beiratsmitglied Gerhard Mengen (CDU) war strikt dagegen. Er begründete die Ablehnung damit, daß Tucholsky oft den Standpunkt der Kommunistischen Partei vertreten und durch seine Angriffe gegen Weimar zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie beigetragen habe.

Menges stieß nicht nur auf Widerspruch. Er fand auch Beifall. Das in Wiesbaden erscheinende „Tagblatt“ veranstaltete eine Umfrage „Hat Tucholsky eine Straße verdient?“, in der sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Robert Krekel mit Menges auseinandersetzte: „Es handelt sich hier um einen Fall von falsch verstandener Geschichtsauffassung. Es stimmt nicht, daß Tucholsky Kommunist war.“ Damit assistierte Krekel dem Oberbürgermeister Georg Buch, der im Ältestenausschuß der Stadtverordnetenversammlung vorgeschlagen hatte, mit einem Straßennamen an Tucholsky zu erinnern. Er sagte: „Ich halte den Schriftsteller durchaus für einen würdigen Repräsentanten der deutschen Literatur.“ Auch Regierungsrat Horst Dreitzel, Referent im Hessischen Kultusministerium, widersprach Menges: „Ich kann diese Äußerungen nur als literarische und historische Unbildung bezeichnen.“ Es sei für eine Stadt wie Wiesbaden sogar eine Ehrenpflicht, die Erinnerung an ihn lebendig zu halten.

In Wiesbadener CDU-Kreisen hielt sich die Tucholsky-Begeisterung jedoch in Grenzen. Dr. Wilhelm Fresenius, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat: „Ich habe mich bis jetzt noch nicht so sehr mit dieser Frage beschäftigt, da ich der Meinung bin, daß es zur Zeit wichtigere Aufgaben für uns gibt. In der Fraktionssitzung wurde der Vorschlag, eine Straße nach Kuit Tucholsky zu benennen, bereits diskutiert, doch war ich leider dabei nicht anwesend.“ Wenig Sympathien für „Tucho“ hegt der FDP-Fraktionsvorsitzende Alfred Köddermann: „Die Persönlichkeit Tucholskys ist so umstritten, daß es das beste wäre, man würde der Entscheidung aus dem Wege gehen, und sich auf einen ‚neutralen‘ Straßennamen einigen.“

Selbst der Intendant des Hessischen Staatstheaters, Dr. Grese, gab zu bedenken: „Mai sollte den Namen Kurt Tucholsky auf jeden Fall im Gedächtnis behalten. Es ist bestimmt keine Schande für Wiesbaden, wenn man eine Straße nach ihm benennt. Ob dafür aber eine zwingende Notwendigkeit besteht, ist eine andere Frage.“ Die entschiedenste Stellungnahme kam von Erich-Curt Paul, Vorsitzender des Bundes der Berliner in Wiesbaden: „Es ist meine Meinung, daß es nicht sehr angebracht ist, eine Straße nach Kurt Tucholsky zu benennen. Mai liest seine Werke, ist manchmal unangenehn berührt und stellt sie dann wieder beiseite. Er ist kein geeigneter Vertreter für Berlin.“

Vorläufig behielt Menges die Oberhand. Die Stadtverordneten verweigerten einem Beschluß des Magistrats, der für eine Tucholsky-Straße eingetreten war, einfach die Zustimmung. Der Beirat des „betroffenen“ Wiesbadener Stadtteils soll nun einen neuen Vorschlag machen. Den Namen eines anderen deutschen Schriftstellers, Heinrich Heine, werden sie sicher nicht als „Ersatz“ anbieten. Der war bei den Stadtvätern auch schon „durchgefallen“.