DIE ZEIT

Genormtes Gewissen

Dies hat sich so mancher in den letzten Tagen gefragt. Und wohl auch noch dieses: Wie mag das Gewissen der Abgeordneten – dem allein sie doch verantwortlich sind – beschaffen sein, wenn eine ganze Fraktion sich gedrängt fühlt, im wichtigsten Moment, nämlich dann, wenn es um politische Entscheidungen geht, in die Wandelgänge zu flüchten? Und dies nur, weil ein Pfiffikus entdeckt hatte, daß dann an der für Beschlußfassungen vorgeschriebenen Zahl fünf Abgeordnete fehlten.

Kurzes Gedächtnis

Dufhues denkt, aber Adenauer lenkt. Vor einer knappen Woche noch vertrat der geschäftsführende CDU-Vorsitzende die Meinung, Adenauer werde auch den Parteivorsitz niederlegen, wenn er als Kanzler zurücktritt.

Modus vivendi?

Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt hat sich in seiner Regierungserklärung vor dem neuen Abgeordnetenhaus noch einmal zu dem von den Vereinigten Staaten angestrebten Modus vivendi für Berlin bekannt.

Warnschuß aus Washington

Heinrich von Brentano, der dritte Sendbote Bonns, der sich nach dem Brüsseler Fiasko auf den Weg nach Washington gemacht hat, wird es am Potomac noch schwerer haben als seine beiden Vorreiter Carstens und von Hassel, auf diese Fragen eine plausible Antwort zu geben.

Altbadische Träume

Wieder einmal wurde im Bundestag stundenlange über eine Frage debattiert, die innerhalb Badens nur wenige, außerhalb Badens fast niemand versteht: Ob nämlich das ehemalige Land Baden wiederhergestellt oder in der bestehenden Gemeinschaft mit Württemberg verbleiben solle.

Zeitspiegel

In Afghanistan ist ein Mann Ministerpräsident geworden, der in Göttingen zum Doktor der Physik promovierte: Mohammed Jussuf, der bisherige Industrie- und Bergbauminister.

Der Marsch der Schwarzgesichter

Am Sonntag in Lens, da zogen die Bergarbeiter durch die Stadt. Die Kommunisten haben 40 000 geschätzt. Rechnet man, daß sie die Zahlen, die ihnen nützlich erscheinen, vierfach zu übertreiben pflegen, bleiben immer noch 10 000 Demonstranten.

Die protestantische Kirche mahnt

Während es für die politischen Spitzen der Bundesrepublik seit Monaten nur zwei Themen gibt. Kanzlernachfolge und Spiegel-Affäre, hat der Rat der Evangelischen Kirche auf der Synode in Bethel die großen Fragen der Gegenwart angepackt.

Kritik ist nicht Landesverrat

Allenthalben in Deutschland wird seit der Spiegel-Affäre die Frage des Landesverrates und die Frage seiner strafgesetzlichen Ahndung aufgeworfen.

Schlechter Start in Berlin

Kaum hatten SPD und FDP den neuen Berliner Senat gebildet, da wurden vier CDU-Senatsdirektoren in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Verbrauchte Koalition

Die ersten Monate des Jahres 1963 waren in Österreich durch ein schleichendes Unbehagen gekennzeichnet. Ein sibirischer Winter lastete auf dem Land, der Wasservorrat in den größten Städten drohte knapp zu werden, die Bahnen schränkten den Betrieb ein, Rundfunk und Fernsehen stellten wegen eines Streiks die Tätigkeit ein, die Prawda befaßte sich auf einmal wieder mit der Alpenrepublik und warnte vor einer Assoziierung mit der EWG, und schließlich gab und gibt es noch immer eine Regierungskrise.

Ärger mit Röhren

Noch ungeschickter hätte man das umstrittene Röhrengeschäft kaum anpacken können. Das peinliche Schauspiel, zwischen Vertragsbruch und Verletzung der Allianztreue wählen zu müssen, ging schließlich in aller Öffentlichkeit vor sich.

Chruschtschow in Schwierigkeiten

Ist Chruschtschows Position bedroht? Der Kremlherr scheint gegen eine wachsende Flut von Schwierigkeiten kämpfen zu müssen. Nicht genug damit, daß er sich mit den Dogmatikern aus Peking und den nach Liberalisierung drängenden Schriftstellern und Künstlern im eigenen Lande auseinandersetzen muß; neuerdings scheint auch der Widerstand im Wirtschaftsapparat, und in der Armee zu wachsen.

Absage an die „alten Kämpfer“

Allabendlich tritt auf einer Bühne in Madrid eine junge, schlanke Schauspielerin auf. Ihr Name: Elena Maria Tejeiro. Das Stück trägt den Titel „Champagne Complex“.

„Erfüllt von Hitlers Gegenwart”

Die täglichen Aufzeichnungen des Kriegsgeschehens, das „Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht“, hat der Göttinger Historiker Percy E.

Brief aus dem Rheinland (VI)

viel mehr als die restlichen Spuren des Christentums im Rheinland, über die ich Dir immer noch Auskunft schuldig bin, beschäftigt mich im Augenblick das Christentum in Unterfrankens Hauptstadt.

Zeitfragen: Wer ist Tibor Déry?

Tibor Déry wurde am 18. Oktober 1894 in Budapest geboren. Er war ein schwaches Kind, litt lange an Knochentuberkulose und wurde von seinen Eltern deshalb verwöhnt.

Ein eigenartiger Begriff von Niveau

Einige Künstler haben eigentümliche Auffassungen vom Weltniveau. Sie übertragen mechanisch das Weltniveau aus der Wissenschaft und Technik in die Kunst und landen bei der Leugnung der Klassengebundenheit des Kunstschaffens .

Noch nicht ganz zu Haus in der Kohle

„Auch für uns gilt es heute, ökonomisch denken zu lernen, denn ökonomisches Denken ist nationales Denken. Wir müssen von dieser Warte aus unsere Literatur schreiben, um somit zu völlig neuen ästhetischen Maßstäben zu gelangen.

Unser Leben in feurigen Farben

Die Schriftsteller sind wieder einmal die Prügelknaben der Nation – diesmal zu beiden Seiten der Elbe. Einige Parallelen lassen sich ziehen – Jürgen Habermas zog sie auch im letzten Heft des Merkur – zwischen dem literarischen Unverstand hüben und drüben.

Zeitmosaik

Rolf Hochhuths Schauspiel „Der Stellvertreter“ wurde bereits von vier ausländischen Bühnen zur Aufführung angenommen. Leon Epp, der Direktor des Wiener Volkstheaters, erwarb eine Option auf die österreichische Erstaufführung, in London hat Peter Halls Royal Shakespeare Company für das Aldwych Theatre als erste zugegriffen, die holländische Schauspielbühne „Haag’sche Comedie“ wird mit dem Stück auf Tournee durch die niederländischen Theaterstädte gehen, und Friedrich Schramm, s:it kurzem Intendant in der Schweiz, hat sich den „Stellvertreter“ für das Stadttheater Basel gesichert.

Jean Pauls wechselnder Nachruhm

Daß sein eigenes Schreiben als Schöpfung humoristischer Dichtung zu betrachten sei, war für Jean Paul niemals zweifelhaft. Poesie war für Jean Paul, den Dichter wie den Ästhetiker, nur als humoristische Dichtung vorstellbar.

Edward Gorey

veröffentlichte in Deutschland: „Der zweifelhafte Gast“ (deutscher Text von Fridolin Tschudy, 1961), „Ein sicherer Beweis“ (deutscher Text von Wolfgang Hildesheimer, 1962) und „Die Draisine von Untermattenwaag“ (1963), alle im Diogenes Verlag, Zürich.

Ich bleibe ihm treu!

Jetzt, wo alle, die ihn einst gepriesen, über ihn herfallen; jetzt, da sie ihn alle verlassen, da niemand sich jetzt, noch ein gutes Wort über ihn zu verlieren, da es fast schon gewagt erscheint, irgend etwas an ihm – sagen wir seine Rüstigkeit – zu loben, jetzt stehe ich an seiner Seite.

Kleiner Kunstkalender

Mit reichlich tausend Objekten dokumentiert diese Mammutschau eine Epoche der angewandten Kunst, für die der modisch strapazierte Begriff „Jugendstil“ entschieden zu eng ist.

Mittwoch, 13. März, das Hörspiel:: Die Zwischenlandung

Heinz Pionteks Hörspiel beginnt mit dem Monolog eines Mannes in einem Segelflugzeug. Er dauert ungefähr eine Viertelstunde. Die Aktion ist unterdessen einem pfeifenden Geräusch überlassen, dem Vorbeistreichen der Luft am Flugzeug.

Es ist nicht gut um den Menschen bestellt

Auskunft über das Leben: da umgibt sich der Mensch mit dem Glamour der Wohlanständigkeit, obgleich es meist mit der Trefflichkeit seines Handelns nicht sonderlich weit her ist.

Film

„Botschafter der Angst“ (USA; Verleih: United Artists): östliche „Gehirnwäsche“-Spezialisten bearbeiten (im Koreakrieg) einen Amerikaner so teuflisch-raffiniert, daß er zu Hause von Heldentaten faselt, worauf man ihm den höchsten amerikanischen Kriegsorden verleiht – ohne blasse Ahnung, daß er ein abgerichtetes und willenloses Mordwerkzeug in der Hand Moskaus ist.

Fernsehen: Hinterhalt

Das Zweite Fernsehen wirft seine Schatten voraus: Beim Ersten beginnt man von Woche zu Woche mehr zu mauern, der neuen Konkurrenz soll ein Hinterhalt gelegt werden.

Theater

Kurt Hübner hat seiner Bremer Theaterarbeit einen Tiefschlag versetzt, indem er dieses Musical annahm. Ist eine „deutsche Erstaufführung“ denn so begehrenswert? 1957 soll „Music Man“ am Broadway der erste große Erfolg seiner Gattung nach „May Fair Lady“ gewesen sein.

Das Maß ist der Mensch und nicht die Ideologie

Vieles spricht dafür, daß die Horaz-Verse über die Flüchtigkeit der Jahre, die der ungarische Schriftsteller Tibor Déry seiner unvergeßlichen Erzählung „Der Riese“ vorangestellt hat, als Motto auch vor seinen anderen Werken stehen dürften.

Ein Schnorrer in aller Offenheit

Die vier deutschen Heine-Bilder, die ein Jahrhundert am Leben waren, sind Historie. Niemand interessiert sich mehr für den einst so gehaßten Rassefremden, der von Treitschke und Richard Wagner bis zu Barth und dem Stürmer immer grausliger wurde.

Verschleuderte Begabung

Jules Pascin – der Name ist ein Anagramm aus Pincas, seinem Vatersnamen – lebte von 1885 bis 1930. Er ist der Prototyp des peintre maudh, der Exzentrischste unter den Exzentrikern des Montmartre.

War Fontane ein Sozialdemokrat?

Fontane macht es seinen Freunden nicht leicht; viele seiner Korrespondenzen sind interessanter als manche seiner mißglückten Erzählungen; und seit eh und je schwanken seine Bewunderer, ob sie den Briefen oder den Romanen den Vorzug geben sollen.

Listenreiche Fragebogen

Bevor der in der Bundesrepublik studierende Inder Prodosh Aich mit der Materialsammlung für seine Dissertation begann, ging es großzügig her: Das Auswärtige Amt, die UNESCO und das Kultusministerium in Düsseldorf stellten ihm – aus Interesse an seinem Thema – erhebliche Mittel zur Verfügung, welche die langwierige und komplizierte Untersuchung finanziell sicherten.

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ES ENTHÄLT Reproduktionen von mehr als der Hälfte der 610 Bilder, die heute nach der Rückführung der Bilder aus Rußland im wiederhergestellten Semper-Bau gezeigt werden.

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