Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit

I. Ein Kerl, den alle Menschen hassen...

Von Arno Schmidt

Wahrheit‘ –? seggt Pilatus, un grifflacht... Eyn schön alt maulaufreißend Wort, zugegeben; aber: Wahrheit – Was ist das?‘

Denn ich weiß es wirklich nicht. Mir kommt schon seit Jahrzehnten der Mensch wie eine Tierart mehr vor (gar nicht erniedrigend gemeint; sondern ganz schlicht im Sinne einer biologischen Zurechtrückung der Tatbestände); ausgerüstet mit nicht übermäßig bewundernswerten Sinnesorganen zum Behuf des Broterwerbs; mit einem Gehirn, das sich den Raum auf drei Dimensionen vereinfacht, während jeder bessere Mathematiker oder Astronom mir, ohne sich zu überanstrengen, nachweisen kann, daß er zumindest vier, vermutlich noch mehr, hat, so daß unsere simpelsten Sinneswahrnehmungen von vornherein nicht direkt „falsch“, aber nur eine Art Annäherung an die Wirklichkeit sein können. Nein: „Wahrheit“ ist nichts für uns; und diejenigen, die behaupten, sie wüßten mehr davon, die wissen am allerwenigsten (womit, ganz recht, unter anderem sämtliche Religionen gemeint sind; sowie alles, was sonst noch am Unendlichkeitsfimmel laboriert).

Aber ich bezweifle, daß im hier abzuhandelnden Fall diese Sorte Nicht-ganz-Irrtum gemeint ist – man scheint vielmehr wissen zu wollen, was mich eventuell daran hindern könnte, die CDU-Fürsten „blinde Führer von Blinden“ zu nennen. Sei’s drum: ich betrete auch diese (ziemlich plumpe) Falle, die Hände auf dem Rücken und mich aufmerksam umschauend; denn mich interessieren „Fallen“, und ich habe mich schon erfolgreich in mehreren befunden, mußte ich doch zum Beispiel sechs Jahre Soldat und Kriegsgefangener sein.

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Da macht es mir wenig aus, Dinge zu äußern wie etwa, daß mir die Betulichkeit all dieser EWGen einzig darauf hinauszulaufen scheint, möglichst einen leidlich konkurrenzfähigen Weltstaat zu gründen, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Katholiken wären. Aber ich bin mir der Unfruchtbarkeit solcher Bemerkungen völlig bewußt. Denn ich wiege mich mitnichten mehr, wie zwischen 1945 und 1950 – eine Zeit, die mich an die schönste, „freieste“ meines Lebens, nämlich die Jahre der Weimarer Republik, nie wiederkehrenden Angedenkens, erinnert – in der Illusion, daß es in Deutschland noch einmal gelingen könne, ein annähernd ähnliches Vierteljahrhundert herzustellen.

Ich bilde mir nicht mehr ein, stellvertretend für eine auch nur einigermaßen ansehnliche Minderheit von fünf Prozent zu sprechen: Meine Zeitgenossen haben mir seitdem, nicht nur durch demonstrative Nicht-Teilnahme an meinen eigenen Arbeiten, sondern vor allem durch ihre „Stimmabgaben“ dargetan – und sie wußten es alle, daß sie damit Dinge wie „Adenauer“ und „Wiederaufrüstung“ wählten –, daß sie meine diesbezüglichen Ansichten nicht nur nicht teilen; sondern mehr noch: sie überhaupt nicht einmal hören wollen.

Und ich bin nun immerhin auch schon fast fünfzig; ich habe keine Zeit mehr, Geduld mit Ochsen zu haben, die sich selbst den Fleischer zum König wählen. Daß ich, leider, ein zu guter Demokrat bin, um nicht höflich zurückzutreten, wenn ich „die Mehrheit“ gegen mich sehe, ist eine Schwäche, ich weiß es wohl – zurückzuführen auf die oben angegebenen „Zwanziger Jahre“ – aber ich brauche mich ihrer immerhin nicht zu schämen, wie? (Was unsere Attilaariche ja überhaupt nicht kennen.)

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