Die deutsche Riviera
Ien Sonnengott als Statue habe ich nicht an der deutschen Riviera gefunden, der südlichen Ostseeküste zwischen Hohwacht und Travemünde — Wolfgang Koeppen fand ihn im Herzen von Nizza, einen üppigen Sybariten aus bürgerlicher Zeit. Aber diese Badeorte müßten ihn auch nicht unbedingt haben, besser wäre schon ein Wind und Wellen Gott, ein Strandgott oder besser eine Strandgöttin, doch wozu sie in Stein meißeln, es gibt lebende Strandgöttinnen genug. Ihnen sind freilich Kinder beigegeben, die deutsche Venus hat Familie, und Familienbäder sind hauptsächlich diese Küstengegenden.
Die deutsche Riviera ist diese Landschaft nun doch geworden, noch nicht so reich, so prahlend wie die französische, aber doch eine Ufergegend. Im Sommer scheint sie so dicht besiedelt, daß man glaubt, von Grube und Dahme führe eine einzige Strandpromenade bis in den Travemünder Hafen. Und dahinter bauen sich die Zeltreihen auf, die Bungalowreihen, die Villenreihen, und alles ist darauf aus, mit dem bißchen Ostsee, zu dem wir noch Zutritt haben nach langen, friedlichen Ostseejahren zwischen Memel und Flensburg, zu glänzen, mehr zu scheinen als man in Wirklichkeit ist.
Mit Hobwacht beginnt diese Riviera. Der Boom hat in kürzester Zeit aus einem winzigen Fischerdorf ein Ausstellungstück deutscher Ostseetüchtigkeit gemacht. Der Ort ist in den Wald eingebettet, der Strand scheint weit genug. Der große Binnensee ergänzt den Meeresblick, den jeder Urlauber doch hat, ringsum ist Bauernland. Man hat stilles und vielleicht auch, wenn die Ostsee mit Ostwind herkommt, bewegtes Wasser. Der Buchenwald läßt an die Insel Wollin denken oder Usedom: Hier könnte Penemünde sein. Keine Autostraße führt vorbei, wo alle Wege enden.
son, für Übernachtungen, wenn die Vogelfluglinie benutzt wird. Man hat eine Stadt, und einen Badeort; beide sind getrennt. Gebadet wird auf der Dünenhalbinsel Steinwarder; dorthin führen Fähren.
Südlich Oldenburg in Holstein wird die Europastraße 4 zur schlechten Landstraße. Bei Lensahn sollte man auf die Küste ausweichen, die hier von der Lübecker Bucht charakterisiert wird. Das Badeleben wird, von Norden gesehen, mit einem gewaltigen Nackedeistrand angeführt, der bei Grube liegt. Ein geschlossenes Gelände, das Mitgliedern der DFK (Deutsche Freikörperkultur) offensteht, vielleicht auch Gästen. Hier herrschen strenge Bräuche; es gibt Zelte, man führt ein wohlgeordnetes „Südseeleben". Ein Drahtzaun grenzt diesen Raum von einem ganz ähnlichen ab, der zu Dahme gehört, aber ein Eigenleben führt: Zedano (Zeltstrand DahmeNord). Hier ist der Strand von Zelten, die man auch mieten kann, abgesichert. Man hat zwar noch Platz vor den Zelten im Sand, aber diese Besitzergreifung des Sandstrandes durch Zelte ist schwer zu begreifen. Dahinter dehnt sich die grüne Düne, dann folgt der Deich, hinter dem Bungalowdörfer und Wohnwagenstädte entstanden sind. Ein Teil des Strandes ist für Textillose gedacht. Die Anlage ist privat; sie dürfte das umfangreichste, originellste Feriengelände sein, das jemandem an der Ostsee eingefallen ist.
noch am freien Meer liegt. Der Strand ist wohlgeordnet, die Gastronomie läßt nichts zu wünschen übrig. Die Gegend ist etwas kahl, aber in der Nähe gibt es Eichen- und Buchenwälder. Ein Familienbad, das nichts übertreibt, ähnlich terwald verfügt. Das Ufer ist flach, der Strand ist breit. Zwei stille Ostseebäder, die noch ein wenig abseits liegen.
Über Cismar, das sich im Landesinnern befindet, erreicht man den Naturstrand Lenste. Hier hat sich ein sehr großes, weitgestrecktes Erholungsgebiet entwickelt, das noch wie eine Gpldgräbergegend im Wilden Westen aussieht. Die Bungalows, die Zeltdörfer sind nicht zu zählen. Der Strand, hinter dem Deich und der Düne, ist schmal, der Blick schweift weit. Am nördlichen Ende befindet sich ein textilfreier Strand, zu dem man Zutritt hat, nachdem man sich beim Strandwächter ausgewiesen hat. Tagesgäste zahlen 85 Pfennig Nackedeitaxe, Pardon: Kurtaxe. Diese Gegend ist sehr erfreulich. Zelte dürfen nicht, wie diese endlose Zeltreihen von Zedano, auf den Strand gestellt werden, sie bleiben hinter der niedrigen Düne. Ohne Kleidung darf man nur im Sand sich tummeln; wer sein Zelt aufsucht, hat sich zu bedecken.
- Datum 09.08.1963 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 9.8.1963 Nr. 32
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