In der vorletzten Woche fand in Leningrad – und damit zum ersten Mal in der Sowjetunion – der europäische Schriftstellerkongreß der Comunità europea degli scrittori statt. Es waren unter anderen gekommen: aus der Sowjetunion Ilja Ehrenburg, Michail Scholochow, Jewgenij Jewtuschenko, Alexander Twardowskij; aus Ungarn Tibor Déry; aus der Bundesrepublik Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger und Hans Werner Richter; aus England John Lehmann, Angus Wilson, William Golding; aus Italien Giuseppe Ungaretti; und aus Frankreich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet.

Mit besonderem Eifer diskutierte man über den nouveau roman, der bisher in der Sowjetunion praktisch unbekannt ist und auch wenig Aussicht auf Bekanntwerden hat, über Joyce und Kafka, die dort immer noch als Vertreter einer angeblich dekadenten Literatur der Verteidigung bedürfen (Konstantin Fedin zum Beispiel erklärte, er habe keine Zeit für Schreiber wie Proust, Kafka oder Joyce), und natürlich sprach man über Glanz und Elend des Sozialistischen Realismus.

Alles das griff Ilja Ehrenburg, den man hierzulande bis zur Stunde von der Partei verfemt glaubte, in seiner in der Literaturnaja Gasjeta veröffentlichten, ausgleichenden Rede noch einmal auf. Er machte kein Hehl aus seiner geringen Zuneigung zum nouveau roman: „– als gäbe es nicht auch einen modernen spanischen, italienischen, amerikanischen oder deutschen Roman. Mir persönlich stehen diese letzteren näher.“

Zwar schriebe er weder Kafka noch Joyce auf seine Fahne, aber zur Schießscheibe mache er sie darum noch nicht: „Kafka... hat die schreckliche Welt des Faschismus vorausgesehen. Seine Werke, Tagebücher und Briefe zeigen, daß er die ersten Erdstöße mit seismographischer Genauigkeit verzeichnete. Man greift ihn an, als sei er unser Zeitgenosse und müsse darum Optimist sein, dabei handelt es sich doch um eine historische Erscheinung, eine große.“

Und zu Deutschland: „Im Kriege habe ich mich oft gefragt, wie nicht nur Gebildete, sondern oft auch akademisch gebildete Menschen .. der Barbarei primitiver Existenzen verfallen konnten. Einige Bücher, besonders von Autoren der Gruppe 47, haben mir geholfen, die Perversion der menschlichen Natur durch den Faschismus zu verstehen.“

Ehrenburg warnte die westlichen Teilnehmer des Kongresses, vor einer vorschnellen Verurteilung des Sozialistischen Realismus. „Unsere Schriftsteller schreiben nicht manchmal schlechte Romane, weil sie Anhänger des Sozialistischen Realismus sind, sondern weil ihnen der Herrgott keine Begabung verliehen hat. Wir haben nie behauptet, daß es im Sozialismus keine Unbegabten geben wird.“ Einen Tolstoi, einen Dostojewski oder einen Tschechow gebe es gegenwärtig nicht in der Sowjetunion – „... aber unbegabte Autoren haben wir genug“. Was wiederum wohl nicht nur für die Sowjetunion gilt.

Im Gegensatz zur offiziellen Parteimeinung erklärte Ehrenburg, es müsse Schriftsteller für die Millionen, aber auch Schriftsteller für fünftausend Leser geben – „das Recht auf Experimente in der Literatur darf nicht abgestritten werden.“