Wenn es sie gibt – was ist. Telepathie? Unter den Forschungsgebieten der englischen „Society for Psychical research“, der ältesten parapsychologischen Forschungs-Organisation Europas, steht die Telepathie an erster Stelle. Man nimmt die Experimente des amerikanischen Parapsychologen Joseph Banks Rhine von der Duke-Universität zur Kenntnis, steht aber seinen Schlußfolgerungen recht skeptisch gegenüber. Gewiß, Rhines Resultate aus den Massenversuchen, bei denen zum Beispiel in Jugoslawien die Zahl der Augen geraten werden sollte, die am Institut des amerikanischen Forschers in Durham, North Carolina, zur gleichen Zeit gewürfelt wurden, wiesen mehr „Treffer“ auf, als sie nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erwarten waren. „Diese über dem Durchschnitt liegende Häufigkeit von positiven Ergebnissen kann auf echte Telepathie hinweisen, muß es aber keinesfalls“, heißt es. „Nur eine Häufigkeit von nahezu hundert Prozent würde die Möglichkeit des Gedankenlesens einwandfrei beweisen.“

Rhines Experimente werden auch von sowjetischen Parapsychologen aufmerksam verfolgt, und sie fragen jeden Besucher aus dem Westen, was es denn mit dem Gerücht auf sich habe, daß die Amerikaner eine telepathische Verbindung mit dem Unterseeboot „Nautilus“ gehabt hätten. Die Amerikaner kontern dann mit der Frage, ob es in der Sowjetunion noch Gespenster gibt und ob es stimme, daß einer Moskauerin der Geist Lenins erschienen sei und sie diesen über Stalins wahren Charakter aufgeklärt habe. „Suggestion aus der Ferne“ heißt ein vor wenigen Wochen in Moskau erschienenes Buch, daß sich mit Gedankenübertragung befaßt und sich einer großen Auflage erfreute. Obwohl sich die sowjetischen Wissenschaftler offiziell zu der Theorie bekennen, daß die Telepathie sich mit Hilfe des Elektromagnetismus erklären lasse, scheinen sie den Forschungen des polnischen Wissenschaftlers Stefan Manczarski skeptisch gegenüberzustehen.

Professor Manczarski untersuchte viele Ergebnisse, die von verschiedenen Instituten bei dem Standard-Experiment erzielt wurden, um telepathische Phänomene zu erforschen. Der Experimentator zieht aus einem maschinell gemischten Satz von fünf Bildkarten eine heraus, und eine Versuchsperson hat die Aufgabe, diese gezogene Karte zu erraten. Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit müßte ihm das in einem von fünf Fällen gelingen. Tatsächlich erzielte man aber häufiger Treffer. So ergab sich, daß in einer Reihe von 1200 Experimenten dieser Art, bei denen Tester und Medium 340 Kilometer voneinander entfernt waren, statt der 240 zu erwartenden Zufallstreffer 345 richtige Ergebnisse festgestellt wurden (44 Prozent mehr). Je größer die räumliche Distanz zwischen Experimentator und Untersuchungsperson wurde, desto geringer wurde diese Abweichung von dem Wert, der nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erwarten war. Hierin fand Manczarski einen Hinweis auf die elektromagnetische Natur der Telepathie. Er berechnete nämlich, daß der Trefferüberschuß in gleicher Weise mit der Entfernung abnimmt, wie die Feldstärke eines Radiosenders. Folglich, so schließt der polnische Gelehrte, wäre eine Erklärung der Gedankenübertragung durch elektromagnetische Wellen durchaus plausibel. Er ist der Überzeugung, daß die Kalkulation des amerikanischen Informationstheoretikers Claude Shannon stimmt, nach der die Strahlungsenergie des Gehirns, die sich auf eine Entfernung von tausend Kilometern empfangen ließ, höchstens den hundertmillionsten Teil eines Watts betragen würde.

Mit der Telepathie beschäftigen sich in Amerika seit einiger Zeit selbst so nüchterne technische Forschungsinstitute wie zum Beispiel die berühmte Rand-Corporation, Westinghouse, General Electric die Bell Telephone Company und das Forschungszentrum der amerikanischen Armee in Redstone. Im Auftrage der Regierung soll in den parapsychologischen Labors dieser Organisationen untersucht werden, ob sich die Gedankenübertragung für den militärischen Nachrichtenverkehr verwenden läßt, zum Beispiel bei der Kommunikation mit U-Booten, die über Funk nicht zu erreichen sind oder die Verbindung zu Kosmonauten.

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Die Society for Psychical Research beschäftigt sich auch mit dem Phänomen der Vorahnungen. Sie sind, da man von ihnen immer erst erfährt, wenn sie sich erfüllt haben, natürlich kaum nachprüfbar. In 80 Jahren hat die Gesellschaft eine große Anzahl von Berichten gesammelt, zum Beispiel über vorhergeträumte Naturkatastrophen oder Unfälle. An einigen typischen Merkmalen glaubt man erkennen zu können, ob eine derartige Geschichte frei erfunden ist oder nicht. Einige Berichte, die dieser Prüfung standgehalten haben, wurden in den letzten Ausgaben der eigenen Zeitschrift diskutiert.

Nun denn ... zwei Tage vor einem Unglück auf der Londoner Untergrundbahn, das zahlreiche Menschenleben forderte, traf im Büro der Gesellschaft der Brief eines Mannes ein, der von einem Traum seiner sechsjährigen Tochter berichtete. Das Kind hatte von einem Zusammenstoß geträumt, der manche Ähnlichkeit mit dem Unglück aufwies. Welche Kräfte mochten wohl im schlafenden Gehirn des Mädchens gewirkt haben? Das ist eine der Fragen, auf die man heute noch keine Antwort weiß. Egon Larsen