Den Bundestagsausschuß für Inneres erwartet nach den Parlamentsferien heikle Arbeit. Innenminister Höcherl will – und muß – die Abgeordneten endlich präzise darüber aufklären, wieviele ehemalige Führer von SS, SD und Gestapo jetzt als Staatsdiener im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz über die Wahrung der Grundrechte und das demokratische Verhalten der Bevölkerung wachen, und welche Gründe zur Einstellung eines so umstrittenen Personenkreises geführt haben. Schon im März hatte der SPD-Abgeordnete Ritzel danach gefragt.

Gleichzeitig werden die Bonner Parlamentarier und wohl auch die Strafbehörden klären müssen, wie es möglich ist, daß ausgerechnet diese Grundrechtshüter seit Jahren das Post- und Fernmeldegeheimnis systematisch durchlöchern. Was Innen- und Postministerium stets energisch dementierten und die Staatsanwaltschaft in Bonn nicht nachzuweisen vermochte, wird dennoch seit Jahren betrieben: Die Verfassungsschutzzentrale läßt Telephongespräche zahlreicher Bundesbürger abhören und Briefe öffnen, um. Inhalt und Absender zu registrieren.

Seit dem DDR-Besuch des früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Otto John ist das Bundesamt in der Kölner Barthelstraße 75 nicht mehr derart erschüttert worden wie durch die Kampagne dieser Tage. Die Attacken hatte ein Artikel im STERN ausgelöst, der unter der Überschrift „Der Mann ohne Namen“ die SS-, SD- und Gestapo-Karriere eines höheren Beamten im Verfassungsschutzamt schilderte.

Dieser Gruppenleiter in der Kölner Ost-Abwehr, der 50jährige Regierungsrat Erich Wenger am 1. März 1933 freiwillig in die SS eingetreten (Mitgliednummer 169 200) und mit 31 Jahren zum SS-Hauptsturmführer befördert, war mit knapp 32 Jahren zum Kriminalrat des Amtes IV (Gestapo) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) avanciert. Bis 1944 sorgte Wenger als SD-Mitglied für die Sicherheit der Deutschen Botschaft in Paris, wurde dann noch kurz Soldat, kam in britische Kriegsgefangenschaft und über das Evangelische Hilfswerk bereits 1950 zum eben gegründeten Bundesamt für Verfassungsschutz. Seit mehr als einem Jahrzehnt genießt Wenger bei seinen Vorgesetzten das Ansehen eines vorzüglichen Ost-Spezialisten; seine Kollegen charakterisieren ihn als harten Kommandierer, der sich und seine SS-Kameraden im Amt „rücksichtslos hochgeboxt“ habe.

Der STERN berichtete ferner, daß in der „etatmäßigen Führungsgruppe“ der Kölner Behörde unter Präsident Hubert Schruebbers noch mehrere frühere SS-, SD- und Gestapo-Ränge amtierten. Tatsächlich arbeitet zum Beispiel in der Abteilung des aus der Canaris-Abwehr stammenden Regierungsdirektors Gerken, dem Wenger direkt untersteht, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Gestapo-Kommissar aus dem RSHA namens Johann Strübing. Sachbearbeiter Strübing, so sagen Kollegen aus, habe sich im Kreis seiner alten Kameraden mitunter gerühmt, vor 1945 zahlreiche Leute „aufs Schafott“ gebracht zu haben. Das Innenministerium will jetzt diesen Behauptungen nachgehen.

Gleich anderen Angehörigen des Verfassungsschutzamtes verbarg sich Strübing jahrelang unter falschem Namen vor den zunächst noch mißtrauischen Alliierten. Bis 1955 übten Organe der Hohen Kommissare ein Mitspracherecht bei der Personalpolitik deutscher Sicherheitsorgane aus. Später galt es als Angelegenheit der deutschen Dienststellen, ob sie NS-belastete Personen aufnehmen wolltest oder nicht.

Ströbings Kollege ist ein ehemaliger höherer SS- und Polizeiführer von Elsaß-Lothringen, Werner Aretz. Gerkens Abteilung gehören. außerdem noch mindestens vier Referenten und Sachbearbeiter an, die bei SS, SD, Gestapo oder Geheimer Feldpolizei Meriten und Litzen erworben haben. Der Sicherheitsbeauftragte des Hauses Schruebers, Dr. Halswick, verfügt selbst über einschlägige Erfahrungen: Er war SS-Obersturmbannführer, SD-Mitglied und Lehrer an der Reichskriminalpolizeischule.