Von Ralf Dahrendorf

Selbst wenn wir uns mit einem anderen streiten wollen – oder streiten zu müssen glauben – brauchen wir noch ein gemeinsames Thema. Zwischen peruanischen Schachspielern und dänischen Hausfrauen kann es schwer einen Streit geben. Aber auch friedliches Auskommen ist zwischen diesen beiden Sozialkategorien unwahrscheinlich; zu wenig verbindet sie. Ihnen fehlt nicht nur die gemeinsame Sprache, sondern auch der gemeinsame Erfahrungshintergrund, der das Sprechen erlaubt. Genauer gesagt: dieser Erfahrungshintergrund beschränkt sich auf die „allgemein menschlichen“ Themen – die Familie; die Lebenslage; die schlechten Zeiten, die man erlebt hat, und auch die guten; die Preise, die meist steigen; und das Wetter, jene stärkste Integrationskraft, die die Menschenwelt kennt. Denn gemeinsame Gesprächsthemen sind der Leim, der Menschen zusammenhält; an ihrer Zahl und Bedeutung läßt sich der Grad des Zusammenhalts sozialer Gebilde ablesen; wo sie gänzlich aufhören, hört auch jede menschliche Gesellschaft auf.

In der Familie, vielleicht noch im kleinen Kreis der engen Freunde ist alles, oder doch fast alles, das uns berührt, Gesprächsthema. Genauer: es kann Gesprächsthema sein; denn die Freundschaft, und mehr noch die Familie, beginnt sich aufzulösen, wenn wir anfangen, bestimmte Themen aus ihren Gesprächen auszuklammern. Im Idealfall aber verbindet uns mit unserer Familie und unseren Freunden das ganz Persönliche ebenso wie etwa das Berufliche oder Politische. Hier darf man darüber sprechen, wie deprimiert man ist und wieviel man verdient, aber auch sagen, was man von der Regierung hält oder wie schlecht das Wetter ist. Die große Zahl vielfältiger Gesprächsthemen ist nur ein anderer Ausdruck für die Intimität der Beziehung.

Das sieht schon ganz anders aus an unserem Arbeitsplatz, in dem Verein, dem wir angehören, oder selbst in der Nachbarschaft, in der wir leben. Mit unseren Nachbarn können wir üter das neue Rasenmähermodell fachsimpeln, mit unseren Vereinsfreunden die Kandidaten für die Vorstandswahl besprechen, mit unseren Arbeitskollegen über einen Vorgesetzten schimpfen. Daneben gibt es gewiß auch manche anderen Gesprächsthemen und wo diese besonders zahlreich werden, spricht der Soziologe dann von einer „informellen Gruppe“, die sich am Arbeitsplan oder auch im Verein bildet; zentral ist in all diesen Fällen aber die Fachsimpelei, das Gespräch um Erfahrungen, die mit der Rolle, die wir gerade spielen, zusammenhängen. Solche Themen sind es zumindest, die uns an unsere Nachbari, Vereinsfreunde, Arbeitskollegen als solche bilden und von anderen unterscheiden.

Noch schwieriger, aber auch interessanter wird die Frage der Gesprächsthemen, wenn wir uns aus dem Bereich unmittelbarer Sozialbeziehungen herausbewegen. Was verbindet den Tübinger mit dem Tübinger, den Frankfurter mit dem Frankfurter, den Berliner mit dem Berliner? Was verbindet den Teenager aus einer norddeutschen Kleinstadt mit dem aus einer süddeutschen Großstadt? Was verbindet die Mutter auf einen hessischen Bauernhof mit der in einer badischen Arztpraxis? Man braucht die Fragen nur zu stellen, um die Phantasie anzuregen. Natürlich gibt es auch hier gemeinsame Themen, an denen der jeweils Außenstehende sich nur schwer beteiligen kann. Die Kindersorgen bei den Müttern; die Mopedsorgen und die Filme und manches andere bei den Teenagern. Wir spüren auch, daß die Berliner dank der besonderen Bedrohungen, die sie gemeinsam erlebt haben, mehr verbindet als etwa die Frankfurter; daß die Tübinger dans der Kleinheit der Stadt mehr verbindet als die Frankfurter. Hier kann die Zahl der gemeinsamen Gesprächsthemen wiederum zum Gradmesser des inneren Zusammenhangs sozialer Gebilde werden.

Ein besonders folgenreiches Beispiel liefern unter diesem Gesichtspunkt Oberschichten. Worüber können sich der Bundeskanzler und der Oppositionsführer unterhalten? Können sie nur „politisieren“ oder verbindet sie auch der Skat oder das Rosenzüchten? Welche gemeinsamen Themen haben der General, der Vorsitzende des Vorstandes eines Großunternehmens, der Bischof und der Minister? In Deutschland, so scheint es, verbinden nur wenige Themen die Mitglieder der Oberschicht. Fachsimpelei wird hier groß geschrieben; menschliche Kontakte sind, wo sie überhaupt regelmäßig stattfinden, meist auf formelle Einladungen und Empfänge begrenzt. Zwischen der schmalen Rinde gemeinsamer Interessen und dem fernen Kern des „allgemein Menschlichen“ liegt ein großes Vakuum.

Es gibt aber auch andere Beispiele, darunter vor allem England. Hier ist der Wechsel von einem Bereich zum anderen, von der Wirtschaft zum Militär, in die Politik, in die Verwaltung häufiger; hier gibt es vielfach einen gemeinsamen Ausbildungshintergrund; hier fehlt es daher auch nicht an Gesprächsthemen: die Familie, das Landhaus, die Schule und ihre Eigentümlichkeiten, die Universität, der Klub. Unter solchen Bedingungen blüht der small talk, das kleine, nichtfachliche Gespräch. Unter solchen Bedingungen blüht aber auch die offene Auseinandersetzung nach gemeinsamen Spielregeln. Je mehr Gesprächsthemen die Mitglieder ihrer Oberschicht verbinden, desto besser ist es für eine Gesellschaft.