Katastrophen vor allem haben den Schriftsteller Hans Erich Nossack geprägt. Als kleines Kind verunglückt er beim Eislauf und zieht sich eine lebenslängliche Gehbehinderung zu. Es versteht sich, daß eine derartige körperliche Benachteiligung den Betroffenen, zumal in der Jugend, in eine Sonderstellung drängen muß. Ein Gefühl der Isolation, tatsächliche oder eingebildete Vereinsamung und meist auch Verbitterung sind – in kleinerem oder größerem Maße – zwangsläufige Folgeerscheinungen. Die Überlegung, inwiefern der Unfall auf das Wesen des künftigen Schriftstellers einen unmittelbaren Einfluß ausübt und vielleicht sogar zu Komplexen beigetragen hat, sei den Psychologen überlassen. Indes darf der Kritiker, ohne sich auf den Boden von Spekulationen zu begeben, immerhin feststellen, daß im Mittelpunkt der Romane und Erzählungen Nossacks, die Jahrzehnte später entstanden sind, meist Sonderlinge, jedenfalls aber einsame und verbitterte Menschen stehen, die sich in irgendeinem Sinne ausgeschlossen fühlen.

In seiner Heimatstadt – er wurde 1901 in Hamburg geboren – besucht Nossack ein humanistisches Gymnasium und studiert dann in Jena Jura und Philologie. Nach wenigen Semestern bricht er das Studium plötzlich ab. Der junge Mann wehrt sich jedoch offensichtlich nicht nur gegen die ihm zugedachte berufliche Laufbahn, sondern rebelliert zugleich gegen das großbürgerliche Milieu, dem er entstammt: Er schlägt sich allein in verschiedenen Berufen durch – zunächst als gewöhnlicher Fabrikarbeiter, später als Handlungsreisender, als Angestellter und auch als Journalist.

Über eine politische Betätigung Nossacks in dieser Zeit sind in seinen autobiographischen Äußerungen keinerlei Hinweise zu finden. Lediglich der Umstand, daß er – schon als Schüler hatte er zu schreiben begonnen – Mitte der zwanziger Jahre ein Lenin-Drama unter dem Titel Elnin verfaßt, gibt zu Vermutungen Anlaß. Seine Ansichten in politischen Fragen scheinen nicht unbekannt geblieben zu sein, denn im Jahre 1933 – er beabsichtigt gerade, als Schriftsteller zu debütieren – gilt er als „unerwünscht“. Um sich der drohenden Aufmerksamkeit der neuen Machthaber zu entziehen, sieht er sich genötigt, in die Firma seines Vaters einzutreten, Importkaufmann zu werden: Er wendet sich eben jener Laufbahn zu, die er keineswegs beschreiten wollte. Die deutsche Katastrophe ist also zugleich eine persönliche Katastrophe des Hans Erich Nossack: Seine Meuterei endet vorerst mit einer totalen Niederlage. In den Büchern, die er nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat, erzählt er von Menschen, die glauben ihre Individualität nur dann verwirklichen zu können, wenn sie sich gegen die Umwelt auflehnen und aus ihrem bisherigen Bereich ausbrechen. Ihre verzweifelten Anstrengungen sind jedoch zumeist vergeblich, der Revolte ist auf diese oder jene Weise eine Niederlage beschieden.

Zwischen 1933 und 1945, als Nossack nichts veröffentlichen konnte, war er hartnäckig genug, seine schriftstellerischen Versuche fortzusetzen. In einem Mitte der dreißiger Jahre entstandenen Drama Der Hessische Landbote ging es „nicht um die Person Büchners, sondern um die Auflehnung der Jugend gegen Diktatur und Restauration“. Das Schreiben dieses Stückes sei für ihn damals – meint Nossack – „ein Akt der Resistance“ gewesen. Daran hat sich nichts geändert: Seine literarischen Arbeiten sind Widerstandshandlungen eines durch die Verhältnisse in die Defensive gedrängten Künstlers geblieben.

Freilich ist uns dieses Büchner-Drama nicht bekannt. Bei der Zerstörung eines großen Teils der Stadt Hamburg im Juli 1943 verbrennen alle seine Manuskripte, ungedruckte Zeugnisse einer literarischen Entwicklung aus mehr als einem Vierteljahrhundert. Aber durch diesen Verlust der Manuskripte entsteht eine Situation, die ihn zu jenem Schriftsteller werden läßt, der schließlich, ab 1947, an die Öffentlichkeit treten kann.

Das Besondere dieser Situation hat Nossack, wie aus seiner Skizze Der Untergang hervorgeht, sogleich erkannt. Er berichtet, was er als Zuschauer der Ereignisse beobachtet, was er als ihr Opfer, als unmittelbar Betroffener also, empfunden hat. Und er deutet die Verwandlung seines Bewußtseins an, die durch den Kataklysmus verursacht wurde. Es geht ihm vor allem um die „verlorene Atmosphäre“. Durch eine märchenhafte Parabel veranschaulicht er seine damalige psychische Konstellation, sein Lebensgefühl: „Es war einmal ein Mensch, den hatte keine Mutter geboren. Eine Faust stieß ihn nackt in die Welt hinein, und eine Stimme rief: Sieh zu, wie du weiterkommst. Da öffnete er die Augen und wußte nichts anzufangen mit dem, was ihn umgab. Und er wagte nicht, hinter sich zu blicken, denn hinter ihm war nichts als Feuer.“ Es folgte die knappe Feststellung: „Wir haben keine Vergangenheit mehr.“

Das jedoch, was ihm der völlige Verlust der Vergangenheit zu sein schien, faßte Nossack als seine große Chance auf. Das Jahr 1943 erwies sich als sein Jahr Null. Ausdrücklich heißt es im Untergang: „Was wir gewonnen haben und was anders wurde, das ist: Wir sind gegenwärtig geworden.“ Die Katastrophe machte ihn also zum Gegenwartsdiener, und das bedeutete damals: zum Dichter der Katastrophe.