Von Otto Köhler

Dem Fleiß und der Ausdauer des sudetendeutschen, heute am Aschaffenburger Gymnasium wirkenden Oberstudienrates Georg Ossegg verdanken wir ein Ereignis in der Geschichte der Wissenschaft, das seinesgleichen sucht –

Hans Traxler: „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ – Die Dokumentation des Märchens der Brüder Grimm mit 45 dokumentarischen Photos und Zeichnungen von Peter von Tresckow; Verlag Bärmeier und Nikel, Frankfurt; 132 S., 9,80 DM.

In entschiedenem Gegensatz zu anderen Interpreten von „Hänsel und Gretel“, die das sogenannte Märchen der Brüder Grimm mit einseitig geisteswissenschaftlich-philosophischen Methoden untersuchten (besonders charakteristisch: Prof. F. E. Mergenthaler: „Das Pfefferkuchenhaus als moralische Anstalt“, Wien 1860), hielt Ossegg sich rein empirisch an den vorliegenden Text und nahm ihn beim Wort. Er fand durch vergleichende Textanalyse schnell heraus, daß der Ort der Handlung nur im Spessart liegen konnte. Zufällig stieß er bei einem seiner zahlreichen Spaziergänge auf einen Waldweg, der verblüffend einer Illustration aus dem Jahre 1818 glich, die in eine frühe Ausgabe von „Hänsel und Gretel“ aufgenommen war. Von hier war es nicht schwer, mit Hilfe der exakten Angaben im Märchen den Ort ausfindig zu machen, an dem das Elternhaus von Hänsel und Gretel gestanden haben mußte. Es war dem Moloch der Zivilisation zum Opfer gefallen.

Wir können hier nicht im einzelnen schildern, wie Georg Ossegg zu seinen Forschungsergebnissen kam – das mag jeder selbst in Traxlers vorzüglicher Dokumentation nachlesen, die vom Verlag bereits an alle einschlägigen wissenschaftlichen Institute verschickt wurde. Wir müssen uns hier auf die Ergebnisse selbst beschränken. Danach steht fest: die Figuren des angeblichen Märchens „Hänsel und Gretel“ existierten tatsächlich, aber anders, als die Brüder Grimm sie uns aus zunächst unverständlichen Gründen geschildert haben: Sie lebten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges und waren Erwachsene, die die Namen Hans und Grete Metzler führten. Die alte Hexe war weder alt noch Hexe, sondern eine Kuchenbäckerin in den besten Jahren namens Katherina Schraderin, die ob ihrer vorzüglichen Lebkuchen an allen Höfen Deutschlands berühmt war. Hans Metzler stellte ihr nach, um sich in den Besitz ihres Lebkuchenrezeptes zu setzen. Da sie ihn nicht erhörte, klagte er sie im Jahre 1647 der Hexerei an, doch nach einer hochnotpeinlichen Befragung wurde die Katherina Schraderin freigesprochen. Jetzt sah Hans Metzler keinen anderen Weg; mit Hilfe seiner Schwester ermordete er die Schraderin in ihrem einsamen Haus am Engelesberg im Spessart und verbrannte sie in ihrem Backofen. Das Lebkuchenrezept indes fand er nicht, es wurde erst jetzt von Georg Ossegg in einer verfallenen Hausmauer am Tatort entdeckt.

So sensationell Osseggs Entdeckungen sind, kritische Anmerkungen sind gleichwohl notwendig. Ossegg behauptet, er habe nach dem ausgegrabenen Rezept Lebkuchen backen lassen und dabei festgestellt, daß sie genauso schmecken wie die von einigen Nürnberger Firmen nach – wie er behauptet – geheimgehaltenen Rezepten hergestellten Lebkuchen. Ihm ist offensichtlich entgangen, daß das von ihm entdeckte Rezept der Schraderin so geheim nicht ist. Es findet sich seit Jahren nahezu wörtlich in Dr. Oetkers Kochbuch – bezeichnenderweise wurde nur die Ingredienz Hirschhornsalz durch Dr. Oetkers Backin ersetzt! Es wäre einer genauen Untersuchung wert, wie Dr. Oetker sich in den Besitz dieses Rezeptes setzen konnte. Immerhin muß auffallen, daß sich Dr. Oetker in den Nachkriegsjahren rasch vom Puddingpulverfabrikanten zum Eigentümer einer großen Reedereiflotte entwickelte. Besteht hier ein Zusammenhang?

Eine andere Frage zeigt sehr deutlich, daß Ossegg gewisser wissenschaftlicher Grundvoraussetzungen entbehrt. Er betrieb keine Quellenkritik.