Nagold

Ein in der Militärgeschichte ungewöhnlicher, in der Bundesrepublik einmaliger Fall hat sich ereignet: Eine ganze Kompanie ist mit Schimpf und Schande aufgelöst worden. Der Kommandierende General des II. Korps, Generalleutnant Hepp, hat befohlen: „Die Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 in Nagold wird mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die vor dem 1. August 1963 in dieser Kompanie Dienst getan haben, sind unverzüglich zu anderen Einheiten zu versetzen. Die Nummer der Kompanie ist zu tilgen.“ Kommentar eines Offiziers beim Wehrbereichskommando V, der den Kommandeur als friedfertigen, ruhigen Menschen schildert: „Der General muß diesmal wahnsinnig aufgebracht gewesen sein.“

Was den General und auch seine Mitarbeiter derart in Harnisch gebracht hat, ist das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen über merkwürdige Ausbildungsmethoden in der Nagolder Eisberg-Kaserne. Ein Presseoffizier meinte dazu: „Nach dem, was ich gehört habe, stellt das die Schleiferei bei der alten, deutschen Wehrmacht in den Schatten.“ Allein höheren Ortes bei der Bundeswehr erfuhr man von diesen Ausbildungsmethoden erst nach dem tragischen Tod des Soldaten Trimborn. Der 19 Jahre alte Fallschirmjäger Gerd Trimborn aus Köln war am 25. Juli 1963 nach einem 15-Kilometer-Gepäckmarsch der 6. Kompanie zusammengebrochen und eine Woche später in einer Tübinger Klinik gestorben.

Die Tübinger Staatsanwaltschaft hatte zwar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, es jedoch mit Beschluß vom 19. August eingestellt. Die Staatsanwaltschaft kam nach einem Gutachten des Pathologischen Instituts der Tübinger Universität zu der Auffassung, daß Trimborn, ohne es wahrscheinlich zu wissen, an einer schweren Lebererkrankung gelitten und zudem einen schweren Nierenschaden gehabt hatte. „Bei dieser Sachlage hat die Staatsanwaltschaft davon auszugehen, daß der Hitzemarsch und der im Zusammenhang damit eingetretene Hitzekollaps als mögliche Ursachen des Todes nicht ausgeschlossen werden können. Im übrigen können aber bei der Art und Weise, wie der Übungsmarsch im Zuge des Trimborn durchgeführt worden ist, nach dem bisherigen Ermittlungsergebnis keine Tatsachen festgestellt werden, die einen strafrechtlichen Vorwurf gegen die militärischen Vorgesetzten oder andere Personen begründen. Im Zuge des Trimborn ist es auch zu keinen Mißhandlungen oder sonstigen Übergriffen gekommen.“

Wochen später hat sich die Tübinger Staatsanwaltschaft, die nun noch wegen anderer Vorgänge ermittelte, dennoch mit Mißhandlung und Übergriffen in der Kompanie Trimborns befassen müssen. Allerdings, der Tod des Soldaten steht vorläufig nicht auf der Tagesordnung. Der Rechtsanwalt der Familie Trimborn hat zwar Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung eingelegt; aber der Generalstaatsanwalt in Stuttgart hat darüber noch nicht entschieden.

Es scheint, als habe erst der Tod des Soldaten Trimborn die Zungen gelöst. Bei der Tübinger Staatsanwaltschaft gingen nämlich danach zahlreiche Anzeigen ein. Es fanden sich Augenzeugen dafür, daß auf jenem Marsch am 25. Juli bei einer Temperatur von 28 Grad vier andere Soldaten zusammengebrochen waren. Einer davon/soll vorher von seinem Ausbilder mit dem Gewehrkolben in den Rücken gestoßen worden sein. „So behandelt man doch keinen Menschen!“ hatte sich ein ziviler Beobachter empört. Aber es geht keineswegs nur um den 25. Juli; es geht um regelrechte Schikanen, die von Ausbildern ersonnen worden waren, um Robben durch Schmutz, um „Liegestütz“ über einem offenen Messer. Wie die „Menschenführung“ sonst noch ausgesehen hat, wird vermutlich in einem mehrwöchigen Prozeß vor dem Amtsgericht in der Kreisstadt Calw zur Sprache kommen.

Der Kommandierende General des II. Korps fand jedenfalls die Behandlung von Soldaten so widerwärtig, daß er am 29. Oktober den folgenden Tagesbefehl an die 1. Luftlandedivision erließ: „Am 26. Oktober 1963 wurde mir das Ergebnis von Ermittlungen vorgelegt, die die Staatsanwaltschaft in Tübingen gegen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 in Nagold angestellt hat. Danach ist gegen elf Angehörige dieser Kompanie wegen Mißhandlung und entwürdigender Behandlung Untergebener sowie Mißbrauch der Befehlsbefugnis Anklage vor Gericht erhoben worden.