Vergebliche Aufzeichnungen

Von Waller Widmer

Es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen, sagt das Sprichwort, und für dies eine Mal-, muß man ihm zustimmen. Auch Walter Jens’ „Herr Meister“, der als „Dialog über feinen. Roman“ die pro-domo-These verficht, es sei heute unmöglich, einen Roman zu schreiben, ist eher über eine modische Resignation und einen kokettierenden Ehrgeiz auf uns zugestolpert – gute neue Mär bringt er uns nicht.

Die modische Resignation, von der ich sprach, beruht auf einem Mißverständnis, das Walter Jens, glaube ich, selbst aufgebracht und gehegt hat: Für ihn und seine Nachbeter beginnt mit Hofmannsthals „Brief des Lord Chandos“ die Revolution der heutigen Literatur. Eine bestechende These, gewiß, und Jens verficht sie in seinem Essayband „statt einer literaturgeschichte“ mit großer Eloquenz und unzähligen Hinweisen. Dennoch ist einem etwas unbehaglich bei soviel Überzeugungseifer; man hat das dumpfe Gefühl: hier spricht einer in eigener Sache und verallgemeinert individuelle Schwierigkeiten.

Liest man dann Hans Weigels höchst instruktiven und einleuchtenden Aufsatz „Triumph der Wertlosigkeit“ (Neue Deutsche Hefte, Nr. 95, 1963), in dem, meines Erachtens zu Recht, der Chandos-Brief als persönlichstes Bekenntnis Hofmannsthals erkannt und charakterisiert wird, ist man Jens’ Thesen gegenüber noch skeptischer. Wird da nicht etwas als zeittypisch hingestellt, was im Grunde privatester Art, persönliche Insuffizienz ist? Denn daß „die komplexe Wirkliche keit noch adäquat beschrieben werden kann“, das haben immerhin in den letzten Jahren eine ganze Anzahl Schriftsteller zur Genüge bewiesen. brauche ich Beispiele anzuführen? Doch wohl nicht.

Ich kann mir nicht helfen, Erich Frieds Begeisterung für dieses Buch, das sich so anspruchsvollbescheiden auf Goethe beruft, ist mir unverständlich. Ich meine: Schwierigkeiten mit sich und seinem Werk hat mancher Autor, aber muß er dieses Ungenügen, dieses Unbehagen denn gleich an die große Glocke hängen? Warum muß eigentlich aus jedem geistigen Sodbrennen ein Buch werden? Peinliche Bücher haben wir mehr als genug, und intime Beichten gehören nicht an die Öffentlichkeit, finde ich.

Was ist hier vorgegangen? Ein begabter Kritiker, ein glänzender Rhetor und blendender Essayist fühlt sich zu noch Höherem berufen: Er will Romancier sein. Er konzipiert einen satirischen Roman, seit Jahren ist die Rede von diesem großen Werk, gespannt warten Freund und Feind auf den bedeutenden Wurf. Nun, der Berg hat gekreißt und ein Mäuschen geboren. Gut, man mag es als symptomatisches Produkt unserer schreibwütigen, omnivoren Zeit nehmen. Es ist in seiner Art sogar interessant, freilich von Interesse eher als klinischer Fall denn als wesentlicher Beitrag zur zeitgenössischen Literatur. Mag das Geständnis noch so elegant formuliert, noch so beredt vorgebracht sein, es bleibt eben doch ein Geständnis des Unvermögens.