BERLIN (Akademie der Künste):

„Rückblick und Gegenwart“

Die Berliner Akademie ehrt die sechs ältesten unter ihren Malern und Bildhauern mit einer Ausstellung. Bis auf Gerhard Marcks leben alle in Berlin, die meisten sind oder waren Professoren an der Berliner Hochschule. Die Generation der Siebzig- und Achtzigjährigen: Friedrich Ahlers-Hestermann, Ernst Fritsch, Max Kaus, Heinrich Graf Luckner, Gerhard Marcks und Richard Scheibe – Übergangsmeister, eher konservativ als revolutionär gesonnen, aber gewiß keine grundsätzlichen Gegner des Neuen. Jeder stand zu irgendeinem Zeitpunkt in der vorderen Reihe, im Zentrum des Aktuellen, Ahlers-Hestermann schon vor 1914, Marcks, aber auch Fritsch in den frühen zwanziger Jahren, bis sie dann aus der Reihe ausscheren und sich auf die Tradition zurückziehen. Man sollte diese Wendung nicht als einen Akt künstlerischer Resignation mißverstehen. Es gehört Mut und Selbstsicherheit dazu, sich für das Unzeitgemäße zu entscheiden. Die Ausstellung ist sehr umfangreich, fast 450 Arbeiten aus den Jahren 1900 bis 1962, und sie bringt viele Beispiele dafür, daß Aktualität ein fragwürdiges Kriterium ist. Scheibes „Schwesterngruppe“ von 1932 hat mehr mit Schinkel als mit moderner Plastik zu tun, was ihren Wert nicht mindert. Aus dem gleichen Jahr stammen die „Gärten der Kindheit“ von Ahlers-Hestermann, das Bild steht in keinem Zusammenhang mit den damaligen Stiltendenzen, aber in der deutschen Malerei unseres Jahrhunderts wird man kaum ein zweites Bild finden, das so viel Poesie, so viel künstlerischen Charme enthält (in der reliefartig aufgerauhten Oberfläche sind sogar gewisse malerische Errungenschaften der fünfziger Jahre vorweggenommen). Gerade das Werk von Ahlers-Hestermann wird heute (etwa im Vergleich mit Hans Purrmann, der neuerdings erstaunlich hoch geschätzt wird) entschieden unterbewertet. Graf Luckner ist mit vielen Porträts und einer Reihe hervorragender Tusch- und Federzeichnungen vertreten. Bei Max Kaus interessieren vor allem die neuen Landschaften und Architekturbilder aus Italien, über Gerhard Marcks wird im nächsten Jahr bei den zu seinem 75. Geburtstag geplanten Ausstellungen zu berichten sein. Die Ausstellung in der Berliner Akademie dauert bis zum 29. Dezember. Das Katalogvorwort schrieb Edwin Redslob.

HAMBURG (Atelier Warburgstraße 33):

„Janssen“

Neue Zeichnungen von Horst Janssen in seinem Hamburger Atelier bis zum 15. Dezember (zum Ärger aller Kunsthändler stellt Janssen nicht in Galerien aus, wer seine Sachen sehen will, soll zu ihm kommen). Seit sieben Jahren, als er zum erstenmal Holzschnitte ausstellte, gilt Janssen, Jahrgang 1929, als eine der stärksten graphischen Begabungen. Die neuen Zeichnungen sind thematisch weniger aggressiv, ohne zeitkritisches Engagement, man sieht Gesichter (ein großartiges Selbstporträt) und Figuren, Skelette, Mädchen, Gliederpuppen, Nachtgespinste. Die Titel laufen „mädchen in fis“ oder „Jesuit“ oder „Idiot“ oder „Vollkommen betroffene Freundinnen“ oder ähnlich, es kommt nicht darauf an, wie sie heißen, es geht um keine makabre oder melancholische Bestandsaufnahme der Realität von heute. Janssen ist kein Kritiker und kein Melancholiker, er ist ein fanatischer Zeichner, der mit äußerster Präzision winzig kleine Striche und Strichlagen aneinanderreiht, aus samtiger Schwärze helle Flecken und Spalten herausleuchten läßt, in räumliche Tiefen vorprellt und die aufgerissenen Abgründe mit den zartesten grauen Schleiern überzieht. Eine außerordentliche Talentprobe – Horst Janssen fängt gerade erst an, mit seiner enormen Begabung ernst zu machen. Die brillante Eröffnungsrede hielt Ernst Buchholz.

KÖLN (Lempertz-Auktion):

„Kunst des 20. Jahrhunderts“

Siebenhundert Objekte werden am 6. und 7. Dezember bei Lempertz versteigert. Neben moderner Graphik von Liebermann und Corinth bis Dali und Picasso auch Plastik von Barlach und Kollwitz und einige bedeutende Ölgemälde. Zu den am höchsten taxierten Werken gehören eine „Zirkus-Szene“ von Kirchner (55 000 Mark), zwei Bilder von Emil Nolde (je 35 000 Mark), zwei Bilder von Liebermann (um 20 000 Mark), ein Pastell von Degas (48 000 Mark) und eine Landschaft von Malewitsch, die mit 50 000 Mark ungewöhnlich hoch bewertet ist. Außerdem wird eine Kollektion von Jugendstilgläsern angeboten, die neuerdings bei Sammlern sehr gesucht sind. g.s.