Von Ludwig Marcuse

Wahrscheinlich sind keine anderen elf Druck-Seiten für das Thema „Über Lesen und Bücher“ so stark geplündert worden wie Schopenhauers lakonische Aperçus. Die berühmten Zitate stimmen immer noch. In unsere Tage der Kauflust paßt haarscharf die Entdeckung: „Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit zu lesen mitkaufen könnte.“ Übrigens vergaß er: auch die Fähigkeit, sie aufzunehmen. Wie billig sind Platons Dialoge zu haben – und wie teuer kommt es zu stehen, wenn man sie auch noch verstehen will.

Schopenhauers elf Seiten sind aus-zitiert... und außerdem noch jungfräulicher Boden. Man kann ihn fruchtbar machen: zum Beispiel für die Einsicht, was alles ganz anders geworden ist. Und man kann ihm die Rolle eines kräftigen Partners im schwächlichen Literatur-Gespräch 1963 zuteilen. Wir sollen uns mit ihm anlegen, als säße er zur Rechten oder Linken auf einem Podium dieser Tage. Nachdem er so lange Kronzeuge war, sollte ihm die Ehre erwiesen werden, ein Kontrahent in der Diskussion zu sein. Er wird dringend gebraucht.

Vorsintflutlich erscheint er heute mit dem Diktum: „Unwissenheit degradiert den Menschen erst dann, wenn sie in Gesellschaft des Reichtums angetroffen wird.“ Welcher Unterschied ist zwischen Unwissenheit in Gesellschaft des Reichtums und in Gesellschaft der Armut im Zeitalter des Acht-Stunden-Tags, der Büchergilde Gutenberg und der Taschenbücher? Der verehrte Meister hat hier eine seltsame Verstellung vom Sinn der Bildung durchgelassen: „Den Armen bändigt seine Armut und Not“; „Reiche, welche unwissend sind, leben bloß in ihren Lüsten und gleichen dem Vieh“. Da schimmert das Reich und Arm einer vergangenen Ära durch. Es lohnte sich zu untersuchen, ob heute die Armen nicht mehr Freizeit haben als die Reichen, die wiederum meir Gelegenheit haben, Geschäfte zu machen. Und die Kultur wird voraussichtlich als Dompteur gesehen, als Zwingherr der Sinne – was sie doch nur unter anderem auch ist.

Großartig veraltet ist die herrliche Bemerkung über Xerxes und die Messe. Er habe beim Anblick seines unübersehbaren Heeres geweint, weil keiner dieser Soldaten in hundert Jahren noch am Leben sein werde (über die bevorstehenden Schlachten weinte er offenbar nicht): „Wer möchte da nicht weinen beim Anblick des dicken Messkatalogs“, da es schon nach zehn Jahren von all diesen Büchern keins mehr gibt.

Wandel der Zeiten! Ein Schopenhauer von heute würde sagen: schon im nächsten Herbst, wenn die alte Flut von der neuen überflutet wird. Zehn Jahre: das ist heute die Ewigkeit, nicht zu gebrauchen als Chiffre der Vergänglichkeit. Die Frankfurter Messe 1953 fand in prähistorischer Zeit statt, kennenswert für Archäologen, die im Gebiet der Literatur Ausgrabungen vornehmen.

Das konnte er noch nicht voraussehen, zumal er den Ablauf der Zeit höchst souverän nicht ernst nahm. Ihm ging es nur um das Ewige... und das gibt auch einem starken Denker, der dennoch nicht länger als zweiundsiebzig Jahre durchhielt, falsche Perspektiven. Er erkannte nicht den Reiz des Mode-Buchs. Unglaublich sei „die Torheit und Verkehrtheit des Publikums, welches die edelsten, seltensten Geister in jeder Art, aus allen Zeiten und Ländern ungelesen läßt“, um die „Schreibereien der Alltagsköpfe“ einer Saison zu vertilgen.