Von Golo Mann

Am 27. Oktober starb 57jährig Markgraf Berthold von Baden. Der Chef einer großen Besitzung sah seine Aufgabe nicht nur im Administrieren, sondern auch darin, ein kulturelles Zentrum zu entwickeln. Wie ungewöhnlich groß die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit war, wurde bei der Beisetzung deutlich, der neben dem Herzog von Edinburgh Kaiser Haile Selassie, das griechische Königspaar, Ministerpräsident Kiesinger und der Rektor der Tübinger Universität beiwohnten.

Markgraf Berthold von Baden hätte nicht gewünscht, daß einer über ihn schreibt; weder liebte er Publizität, noch lag es ihm, sein stilles, direktes Wirken auf Begriffe gebracht zu sehen. Aber die Öffentlichkeit hat Rechte, die sich über solche Abneigungen eines bedeutenden Verstorbenen hinwegsetzen, und von ihnen soll Gebrauch gemacht werden, um den Versuch eines Porträts zu geben. Vom Rang in einer ranglosen Gesellschaft, könnte es überschrieben werden; vom Wirken durch Sein; von der Stärke der Tradition und der Stärke der Persönlichkeit. Damit sind die Tugenden angedeutet, die Markgraf Berthold besaß, und die sein Leben, in wie besonderem Rahmen es ablief, zu einem beispielhaften machen.

Er war der Sohn des Prinzen Max, der bis zum Ende der Monarchie der badische Thronfolger und Oktober/November 1918 sechs Wochen lang deutscher Reichskanzler war. Die Erinnerung an den so sehr tapferen, aber ihm zu spät erlaubten und darum gescheiterten Versuch des Prinzen, den Deutschen einen heilen Übergang zur Demokratie und einen glimpflichen Frieden zu retten, die Anfeindungen, denen er ausgesetzt war, lagen als düstere Legende über den letzten Lebensjahren des Vaters und über der Jugend des Sohnes. Er war dem Andenken des Prinzen Max treu ergeben und erbte von ihm gewisse Grundbegriffe von dem, was man tun und nicht tun soll, auch wohl die konstitutionellliberale Staatsphilosophie, in der der Prinz gelebt hatte, ohne jedoch ihm in jedem Detail unkritisch gegenüberzustehen; sogar könnte es sein, daß er aus der Erfahrung des Prinzen die Lehre zog, aktive große Politik sei nicht das, wofür seine Familie bestimmt war. Übrigens war der Vater intellektueller, rascher artikulierend als der Sohn, der wohl klar denken konnte, aber an der Kunst des Denkens nicht interessiert war.

Die Ahnentafel eines solchen Mannes ist leicht zu eruieren. Zum heimatlichen Badener Blut kam bei dem Markgrafen hannoveranisch-welfisches, dänisches, russisches, französisches. Frappant war die Ähnlichkeit der Gestalt mit einem Vorfahren in der vierten Generation, dem Zaren Nikolaus I. Vielleicht auch hatte er im Charakter etwas von einem anderen Ur-Urgroßvater, Eugen Beauharnais, Adoptivsohn Napoleons, dem liebenswürdigen, ritterlichen, taktvoll-klugen Stiefkind des Glücks. Seine Großmutter, Enkelin Eugens, starb, als er acht Jahre war. Bismarck hat sie als Botschafter in Petersburg gekannt: „Bei solchen Gelegenheiten“, schreibt er in den Erinnerungen, „pflegte die damals in der ersten Blüte jugendlicher Schönheit stehende Prinzessin Leuchtenberg, später Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Baden... mit der ihr eigenen Grazie und Heiterkeit die Honneurs zu machen.“ ... Sehr genau kannte der Markgraf die Geschichte der Zähringer, die, Gründer von Freiburg und Bern und Fribourg, im frühen Mittelalter großartiger gewaltet hatten als in modernen Zeiten. Sein eigener Vorname, in der Familie seit Jahrhunderten nicht gebraucht, stammte daher.

Als Kind hat er noch die Monarchie gesehen, seines Vaters repräsentative, karitative Pflichterfüllung beobachtet, ihn an die Schweizer Grenze begleitet, wenn es verwundete Kriegsgefangene im Austausch zu empfangen galt. Daß er es bis zu seinem dreizehnten Jahr nicht anders wußte, als daß er einmal der Großherzog sein würde, dann das plötzliche Ende dieser Aussicht erlebte, muß auf sein Wesen prägend gewirkt haben, wie sehr sich auch später die Kulissen verschoben, die alten Zeiten verdämmerten. Wahrscheinlich blieb er im Grund seiner Seele immer Anhänger der Monarchie, aber wenn dem so war, so war es seine Privatsache; er sprach darüber nicht. Er war sehr jung, als er resignieren lernte.

Aus dem Auftrag, den jungen Prinzen mit einigen Kameraden zu erziehen, den Kurt Hahn, der politische Mitarbeiter des Vaters, 1919 erhielt, entstand die „Schule Schloß Salem“. Sie hat damals und später im Leben des Markgrafen eine bedeutende Rolle gespielt und er alsbald für sie; denn er wurde ihr erster „Wächter“, wie das höchste Amt des Schüler-Self-Government genannt wurde. Nicht so sehr, glaube ich, weil er der Sohn des fürstlichen Gründers war, sondern weil er sich am besten dafür eignete. Er war kein glänzender Schüler und er sprach auch nicht gut. Aber was er tat, war das Gerade, Kluge, unbedingt Zuverlässige, wozu seine edle Gestalt, sein erprobter physischer Mut und seine sportlichen Leistungen kamen. Er war scheu, gütig, manchmal lustig; er flößte das höchste Vertrauen und etwas wie Ehrfurcht ein. Ich erinnere mich an ein Gespräch über Antisemitismus, das wir einmal führten. Ein Lehrer hatte bösartige und verworrene Ansichten im Stil der Zeit geäußert; es wurde beschlossen, eine „Debatte“ zu veranstalten, und da wurde manches geredet. Schließlich, zögernd, meldete sich auch Prinz Berthold zum Woht. Wenn man sich schon anmaßen wollte, einen Menschen zu beurteilen, meinte er, so wäre es doch wohl gerechter, ihn nach seinen Verdiensten zu beurteilen, als nach seiner Herkunft und Rasse – und setzte sich wieder.