Der verdrehte Eichmann

Hannah Arendts Buch:

Überklugheit verstellte die Erkenntnis

Von Golo Mann

Dem Schwall der Bücher über den Eichmann-Prozeß hat Hannah Arendt neuerdings eine Schrift hinzugefügt, welche zuerst in fünf Artikeln von der satirischen Zeitschrift The New Yorker, danach in Buchform veröffentlicht wurde und nun im Piper-Verlag erscheinen wird Ich las sie im New Yorker. Es ist erstaunlich, wie vollkommen die europäische Philosophin, die uns ehedem so tiefschürfende, schwierig zu lesende Werke schenkte, sich dem Ton der metropolitanen Witzbolde anzupassen verstanden hat; dem trockenen, geschliffenen, gewollt monotonen, konzentrierten und dabei, wirklich oder scheinbar, überausführlich genauen, mit Sicherheit an der Grenze des Zynischen manövrierenden, dem zugleich sachlichen und elbischen Stil, den die Zeitschrift prägte. Ob die deutsche Ausgabe dieser bewundernswerten Leistung von Mimikry gerecht werden kann, weiß ich nicht.

Frau Arendts Buch hat eigentlich drei Gegenstände. Es breitet die Tatsachen der Vernichtung des europäischen Judentums noch einmal vor uns aus; über diese Bemühung ist zu sagen, was die Autorin über den Jerusalemer Prozeß sagt, nämlich, daß sie nichts Neues zutage brachte. Es unterzieht die rechtliche Basis des Prozesses und Urteils einer kritischen Analyse. Und, wie es sich gebührt, stehen im Mittelpunkt Schuld und Charakter des Angeklagten, die hier zum erstenmal richtig erfaßt werden sollen.

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Ein Schauspiel nur?

Hannah Arendt mißbilligt die Art der Prozeßführung, den Gedanken, der ihr zugrunde lag, und das eitle, großartig-schauspielerische Gebaren des Staatsanwaltes Hausner. Ein Strafprozeß, betont sie, darf kein großes Schauspiel für die Nation und die Welt sein wollen. Er darf sich auch nicht mit so vagen Dingen wie dem "allgemeinen Bild" oder dem "Hintergrund" befassen. Nichts darf zur Sprache kommen, was sich nicht eindeutig auf die Schuld des Angeklagten bezieht; diese ist von den Leiden seiner Opfer, mögen sie noch so furchtbar gewesen sein, streng zu unterscheiden. Folglich hätten die vielen "Hintergrundszeugen" nicht zugelassen werden, hätten die Leiden des Judentums von Pharao bis Hitler nicht so und soviele Sitzungen in Anspruch nehmen dürfen und auch die Greuel von Auschwitz und Treblinka nicht, weil und insofern sie mit der Schuld des Angeklagten nichts zu tun hatten. Ein Prozeß verlangt Stille, Sachlichkeit, "mehr Kummer als Zorn", die genaueste Isolierung des Tatbestandes. Man durfte nicht gleichzeitig über diesen einen Menschen zu Gericht sitzen und die Welttragödie des Judentums vor einem jüdischen Tribunal zusammenfassend aufführen.

Von so strenger Kritik muß der Refernt sich unbeeindruck erklären. Die histrionisch-ehrgeizigen Neigungen des Staatsanwalts sind eine Sache; wobei noch zu fragen wäre, ob er wohl, seit Cicero, der erste Gerichtsredner war, der sich ihnen hingab? Eine ganz andere Sache ist der Wille Ben Gurions, die Ausrottung des europäischen Judentums vor ein jüdisches Gericht zu bringen und sie noch einmal, zum erstenmal, Gestalt werden zu lassen, gelegentlich des Strafprozesses gegen diesen Einen. Er war für den Zweck geeigneter als irgendein anderer, mit Ausnahme Hitlers; denn er hatte die Juden nicht ermordet, kein einzelner hat es getan, aber die größere Zahl der Opfer eingesammelt und an den Ort geführt, wo sie, wie er wußte, ermordet werden würden.

Nicht nur rechtfertigte die Art seiner Schuld die Verbindung beider Zielsetzungen des Prozesses; diese war auch rechtstechnisch unvermeidlich, weil, gerade um die Schuld des Angeklagten abzugrenzen, die Untersuchung sehr weit über sie hinausgehen mußte. War der Prozeß beispiellos, so war es das in Rede stehende Verbrechen; das gesamte sowohl wie der Teil, den der Angeklagte an ihm hatte. Wer hier den Maßstab herkömmlicher Justiz anlegt, trifft die Sache nicht. Erstaunlich ist vielmehr, wie erfolgreich, wenn nicht der Staatsanwalt so doch die Richter sich mühten, trotz allem die Formen herkömmlicher Justiz zu wahren.

Bloße Wichtigmacherei

Übrigens widerspricht unsere selbsternannte Juristin beständig sich selber. Das Beispiellose des Verbrechens sieht sie sehr wohl und fordert gerade darum einen Gerichtshof der Menschheit, an Stelle des nur nationalen von Jerusalem; gesteht ein, daß ein gesamt-menschheitliches Gericht nicht zustande zu bringen war und will sich mit einem begnügen, dem wenigstens Richter aus allen von den Deutschen heimgesuchten Ländern assistierten; bedauert, daß die Israeli nach ihrem nationalen Strafgesetz urteilten, anstatt nach einem internationalen, das aber nicht existierte, und so fort. Daß beständig ein "Gesamtbild" der Katastrophe beschworen wurde, auch da, wo es mit Eichmanns Schuld nichts zu tun hatte, beklagt sie – um es gutzuheißen. "In diesem Moment war man vielleicht berechtigt, es zu begrüßen, daß dies kein gewöhnlicher Prozeß war, welcher Erklärungen, die mit der kriminalen Prozedur nichts zu tun haben, als irrelevant und nicht zur Sache gehörig eliminiert. Denn offenbar enthielt der Fall Eichmann Elemente, welche die Gesetzgeber nicht vorausgesehen hatten..." Offenbar, in der Tat; womit Seiten und Seiten ihrer gelehrten Kritik zur bloßen Wichtigmacherei herabsinken.

Mit der Hinrichtung Eichmanns ist sie einverstanden, aber nicht mit dem Urteil, sie hätte es anders, bedeutend geistreicher formuliert; und als Knalleffekt schenkt sie uns zum Schluß des Buches ihre eigene Fassung. Man kann nur bedauern, daß die Richter nicht so waren wie Hannah Arendt, oder daß sie sich nicht von ihr diktieren ließen.

Vielleicht darf der Referent hier hinzufügen, daß er selber sich im entgegengesetzten Gedankenfall befand; Prozeß und Urteil schienen ihm gültig, nicht aber die Hinrichtung gut. Ein Bekannter von mir meinte damals, die Israeli würden besser tun, den verurteilten Verbrecher nach Deutschland zu schicken, mit dem Vermerk, man erwarte ihn als Bürgermeister in Schleswig-Holstein wiederzufinden. Es ist aber eines, als Privatmann das Seine zu denken oder bittere Scherze zu machen; etwas anderes, sich öffentlich die Entscheidung darüber anzumaßen, wie die Lenker und Rechtswalter des gemarterten Volkes von ihrer strafenden Souveränität hätten oder nicht hätten Gebrauch machen sollen. Diese Freiheit, die sie sich durch den Aufbau ihres Staates, und nicht durch lukrative Artikel in Witzzeitschriften gewonnen hatten, mußte man ihnen lassen.

Was den Charakter Eichmanns betrifft, so ist Hannah Arendts Entdeckung die, daß er kein Ungeheuer, kein Sadist, nicht einmal ein fanatischer Judenhasser war, sondern ein sehr gewohnlicher Mensch; ehrgeizig wie die anderen, gehorsam, schlau und dumm wie die anderen; den Gebildeten gegenüber von einer Mischung aus Bewunderung und Ressentiment beseelt; der etwas heruntergekommene Sohn aus guter Familie, den es in die SS trieb, weil er hier Möglichkeiten zu neuem Aufstieg witterte; begierig, die große Mordaufgabe so pünktlich durchzuführen, wie er jede andere ihm gestellte Aufgabe durchgeführt hätte.

Das Porträt scheint im wesentlichen wirklichkeitstreu; treffender jedenfalls als das, welches der Staatsanwalt zeichnete und die Richter übernahmen, weil die Verbindung dieses Verbrechens mit menschlicher Durchschnittlichkeit über ihr Verstehen ging. Frau Arendt liebt die originellen Entdeckungen; in aller Erinnerung ist noch jene, derzufolge wir als wahren Vater und Schöpfer des totalen Staates einen gewissen englischen Verwalter Ägyptens namens Lord Cromer anzusehen haben. Diese ist jedoch längst nicht so originell, wie sie wohl meint; etwa hat François Bondy, der klug genug war, aus seinen Jerusalemer Berichten kein Buch zu machen und nicht sich profunde juristische Kenntnisse beizulegen, die er nicht hat, den Menschen Eichmann ganz ähnlich beschrieben. Hannah Arendt wäre aber nicht sie selber, wenn sie nicht weiterginge und das an sich Zutreffende outrierte bis zu dem Punkt, an dem es falsch wird.

Zum Beispiel behauptet sie, gerade in der Mittelmäßigkeit Eichmanns hätte das wahre Interesse des Prozesses gelegen; zur Verurteilung eines Ungeheuers hätte man die weite Welt nicht geheuer und doch hätte die weite Welt an seinem Prozeß das stärkste Interesse gehabt. Zudem sinkt der Mensch mit seinen infameren Zwecken, selbst wenn sie ursprünglich nicht in ihm angelegt gewesen wären. Eichmann, der ein rationales Wesen und kein Idiot war, der wußte, was er tat, der die Mordfabriken, in die er seine Oper schickte, selber inspiziert hat, kann so hormlos und gutmütig, wie sie ihn ausmacht, während seines Tuns nicht gewesen sein; gegen seine Schlechtigkeit spricht auch nicht, daß er ein zärtlicher Gatte und Vater, ein hilfsbereiter Freund und was noch war. Das war Himmler auch, von Hitlers Hundeliebe und Freundestreue zu schweigen. Mit solchen Beobachtungen löst man das Problem menschlicher Grausamkeit und Teufelei nicht.

"Das andere Deutschland"

Eichmann soll der Soldat gewesen sein, der gehorcht. Viel mehr – hier stoßen wir auf eines der bezeichnendsten Paradoxe des paradoxfreudigen Werkes –, er soll der Soldat gewesen sein, welcher nicht gehorcht. Und zwar, weil er das höhere Gesetz über den verbrecherischen Befehl stellte. Der also genau das tat, was die zu Nürnberg von den Siegern verkündete Rechismoral forderte. Was kam dabei heraus? Er sammelte 1944 unbeirrt seine Opfer weiter zum Morden ein, entgegen dem Befehl Himmlers, mit den Deportationen aufzuhören. Er stellte die höhere, von Hitler inkarnierte Ordnung über den Befehl Himmlers, der für ihn ein Gesetzesbruch war ... Die Ähnlichkeit dieser seiner Haltung in der von abendländischer Moral geforderten findet Frau Hannah "äußerst peinlich"; und ist nicht wenig stolz auf ihr feingesponnenes Argument, in dem sie wirklich wie in keinem andern lebt und lebt.

Nein, sie lebt auch in anderen, in gleicher Weise verbogenen; die Wahl wird schwer. Da sind zum Beispiel jene Deutschen – die "guten Deutschen die Vertreter des "anderen Deutschland" werden sie von der Autorin höhnisch genannt – welche Freiheit und Leben von Juden zu retten versuchten. Was taten sie? Sie retteten oder wollten retten, einzelne Juden oder einzelne Kategorien von Juden, meist solche, die von den Machthaber selber ursprünglich ausgenommen worden waren, Kriegsteilnehmer, Kriegerwitwen, verdiente Patrioten. Aber, so argumentiert messerscharf unsere Scholarin, indem sie solche Ausnahmen gemacht wissen wollten, erkannten sie die Rechtlichkeit des Gesamtunternehmens an. Sie taten im Grund nur, was die Machthaber selber auch taten, indem sie Juden sogar in ihren eigensten Reihen duldeten: keine Regel ohne Ausnahme ...

Was sind das für Fisimatenten? Hätte Probst Grüber den Versuch, gewisse Gruppen von Juden zu retten, nicht machen sollen? Hätte er alle, ohne Ausnahme, retten sollen? Freilich doch, aber wie? Mußte nicht rettender Wille, so wie die Dinge unter der Herrschaft des Verbrechens geworden waren, sich auf einzelne, im besten Fall auf einzelne Gruppen richten? War mit jedem Geretteten nicht ein Opfer weniger, eine Qual weniger?

Es versteht sich, daß, wer die Guten so billig heruntermacht, auch geneigt sein wird, die – weniger Guten mit ähnlichen Künsten zu entlasten. Hannah Arendt hält dem früheren Staatssekretär Globke die Liste seiner Taten im Drittel Reich vor, nur um zu dem Schluße zu kommer, es sei schwer einzusehen, was er denn hätte besser machen können.

Da hier vom "anderen Deutschland" die Rede ist, so verdient eine These der Autorin besonders hervorgehoben zu werden. Sie behauptet, die Männer des 20. Juli seien "nicht durch eine Krise ihres Gewissens anläßlich dessen, was sie über das Leiden anderer Völker wußten, inspiriert gewesen; ihr Motiv war ausschließlich die Überzeugung, daß Deutschland von Niederlage und Ruin bedroht war". In ihren Briefen oder vorbereiteten Manifesten hätten sie Hitler einen Schwindler, einen Dilettanten, einen Verderber der deutschen Heere, aber nie einen Mörder genannt, und die Massenmorde im Osten, von denen gerade sie die präzisesten Kenntnisse haben mußten, "beinahe ganz" ignoriert. "Beinahe" – nun, das ist eine Einschränkung, mit der sich notfalls operieren ließe. Jedenfalls muß man Frau Arendt diese Not bereiten.

Ihre Charakteristik des deutschen Widerstandes enthält die empörendsten Verleumdungen, die je über diese Bewegung verbreitet wurden. Als man Ähnliches, aus dem Munde alliierter Sprecher, im Sommer 1944 zuerst hören konnte, mag es noch allenfalls entschuldbar gewesen sein, da kannte man die Hintergründe des Unternehmens nicht. Heute noch polemisch zu beweisen, daß die Goerdeler, Oster, Adam von Trott, Moltke, Leber aus tiefstem menschlichem Gewissen heraus handelten, hieße ihrem Andenken Unrecht tun; sie bedürfen keines solchen Beweises. Ob sie wirklich von den Mordfabriken in Polen "die genauesten Kenntnisse" haben mußten, wäre zu fragen. Genug wußten sie, um in Hitler nicht nur den Verderber des eigenen Staates, sondern den Verbrecher an der Menschheit zu sehen; genau das haben sie getan.

"Vor einer Woche", schreibt Goerdeler 1943 an den General Kluge, "vernahm ich den Bericht eines achtzehneinhalbjährigen SS-Soldaten, der früher ein ordentlicher Junge war, jetzt mit Gelassenheit erzählte, daß es ,nicht gerade sehr schön wäre, Gräben mit Tausenden von Juden angefüllt mit dem Maschinengewehr abzusägen und dann Erde auf die noch zuckenden Körper zu werfen’! Was hat man aus der stolzen Armee der Freiheitskriege und Wilhelms des Ersten nur gemacht!"

Im Testament des Grafen Schwerin finden sich die Worte: "Ich bestimme ferner, daß an der Stelle im Kieslager meines Sartowitzer Forstes, wo die Ermordeten aus dem Spätherbst 1939 ruhen, sobald die Zeitumstände es erlauben, ein sehr hohes Holzkreuz aus Eiche gesetzt wird mit folgender Inschrift: Hier ruhen 1400–1500 Christen und Juden. Gott sei ihrer Seele und ihren Mördern gnädig."

Das sind letzte Worte, nicht gelegentlich hingesprochene. Aber, nicht wahr, gehandelt hat Schwerin nur, um den nationaldeutschen Staat zu retten, und was den Völkern im Osten geschah, war ihm "beinahe ganz" gleichgültig.

Nur soviel über den politisch-aktiven Widerstand. Der rein geistige, rein menschheitliche, der gar nicht politische, der soviel edle Märtyrer schuf, wird von Hannah Arendt mit keiner Silbe erwähnt. Genauer, sie erwähnt zwei Persönlichkeiten, die in der Tat an die Menschheit und nicht vornehmlich an den deutschen Staat dachten: Friedrich Reck-Malleczewen und Karl Jaspers – Jaspers, der vom ersten bis zum letzten Tag des Dritten Reiches nicht ein Wort über die Obrigkeit verlauten ließ und dessen Widerstand genau von der Art war, über die Hannah Arendt sich sonst lustig macht: So innerlich sei er gewesen, daß man ihn den Leuten beim besten Willen nicht habe anmerken können. Daraus sei dem Philosophen wahrlich kein Vorwurf gemacht; er war zum Martyrium so wenig geschaffen wie der Schreiber dieser Zeilen, der sich genau ebenso verhalten hätte, wäre ihm Jaspers furchtbare Situation nicht durch einen unverdienten Zufall erspart geblieben. Aber Jaspers als den einen großen Menschheitsstreiter darzubieten und von Klaus Bonhöfer und Pater Delp und Kurt Huber und alle den andern zu schweigen – das kann man nur als eine Verhöhnung amerikanischer Unwissenheit bezeichnen. Es ist kaum anzunehmen, daß die deutsche Ausgabe des Buches einen solchen Kohl aufzutischen wagen wird.

Verschobene Argumente

Es zieht sich eine andere These durch Hannah Arendts Buch, die nicht glattweg eine Unwahrheit ist wie die oben erwähnte, die aber, so wie die Akzente gesetzt werden, doch etwas tief Gefährliches und Wahrheitsverwirrendes hat. Man kann sicher sein, daß bei noch bevorstehenden deutschen Kriegsverbrecherprozessen die Verteidigung sich hier wacker bedienen wird. Es ist die These, wonach die Juden Europas bei ihrem Untergang selber mitgewirkt haben, und daß da, wo sie es, aus mehr zufälligen als inneren Gründen, nicht taten, nur der kleinere Teil ihrer Gemeinde von der Katastrophe erfaßt wurde.

Diese jüdische Mitwirkung in Frau Arendts facettenreicher Darstellung konnte die verschiedensten Formen annehmen.

In den ersten Jahren nach der Machtergreifung bestätigte Hitlers Antisemitismus den deutschen Zionisten, den Gegnern der "Assimilation", ihre eigenen Bestrebungen, derart, daß er ihnen vielleicht nicht einmal unwillkommen war. Jedenfalls forderten sie dazu auf, den, gelben Stern mit Stolz zu tragen, lang ehe sie ihn tragen mußten, sprachen von einer jüdischen Erneuerung, die im Zeichen der Nazi-Politik und -Gesetzgebung vor sich gehe, und sahen der Zukunft mit Optimismus entgegen... Daraus wird man folgern: Wenn deutsche Juden freiwillig den gelben. Stern trugen, so war es am Ende so übel nicht, sie zu ihrer eigenen Ehre zu zwingen, und wenn sie so stolz auf ihr Judentum waren, so meinte Onkel Globke es gut mit ihnen, als er sie alle Sarah und Israel taufte.

Die Teilhabe der Juden

Der Haltung der Zionisten entgegengesetzt war jene der Mehrzahl der deutschen Juden, die wohl an die Existenz eines ihnen altvertrauten Antisemitismus, nicht aber an eine neuartige, tödliche Gefahr glaubten und darum nicht auswanderten, solange sie es gekonnt hätten. An dieser Beobachtung ist natürlich etwas. Zwar macht Hannah Arendt die Emigration leichter als sie war; es trifft nicht zu, daß man damals noch den Großteil seines Vermögens mitnehmen konnte, und wie qualvoll schwer, wie praktisch unmöglich es für die meisten war, das Recht zu Niederlassung und Arbeit in einem andern Land zu erhalten, bedarf keiner Ausführung. Richtig aber ist, daß die deutschen Juden das, was ihnen bevorstand, nicht voraussahen, und zwar nicht, weil sie Juden, sondern weil sie Deutsche waren, sich als Deutsche fühlten und den Wahnsinn der Unterscheidung zwischen deutsch und jüdisch nicht in seinem ganzen Ernst nahmen. Waren sie, äußersten Falles, blind, so waren sie nicht blinder als damals die meisten Deutschen – und Franzosen und Engländer – es dem regierenden Bösewicht gegenüber gewesen sind.

Das nächste und, in Hannah Arendts Darstellung, dunkelste Kapitel ist die passive oder aktive Mitwirkung der Juden, als im Krieg die Stunde ihres Untergangs gekommen war, in Deutschland und anderswo. Die hier in Rede stehenden Tatsachen werden aus dem Buch von Raul Hilberg, "The Destruction of the European Jews", gezogen und wirkungsvoll arrangiert, ihre passive Mitwirkung: Daß sie sich nicht wehrten, daß sie selten zu fliehen versuchten, daß sie alle Formulare ausfüllten, die man sie ausfüllen hieß, damit die Konfiskation ihres Besitzes reibungslos vonstatten gehen könnte, pünktlich an den Sammelpunkten erschienen und gleichsam freiwillig die Frachtwaggons bestiegen, die sie in den Tod führten. Hierzu ist zu sagen, was auch Hannah Arendt selber sagt, die, weil sie gern verwirrt, sich gern widerspricht: Das Fliehen, das Sich-Wehren wurde mit Qualen bestraft, verglichen mit denen der Gastod noch eine Gnade war. Die Beispiele, die sie dafür gibt, führen sie zu dem Zirkelschluß, der in ihrem Buche so häufig wiederkehrt: Es sei unbegreiflich, daß die Juden sich nicht wehrten und sei unbegreiflich, daß wenige sich schließlich doch wehrten und daß es zum Aufstand des Warschauer Gettos kam.

Was dann die aktive Mitwirkung betrifft, so ist hier vor allem die Tätigkeit der jüdischen Räte oder "Ältesten-Räte" gemeint, die, auf Befehl, die Listen der zu Deportierenden zusammenstellten und, allgemeiner gesagt, zwischen Mördern und Ermordeten das vermittelnde Glied darstellten; Eichmann hat sie in Jerusalem als für die Lösung seiner Aufgabe völlig unentbehrlich bezeichnet. Dies ist auch die Ansicht Frau Arendts’. Den Tyrannen fehlte, zumal in den späteren Kriegsjahren, das Personal, um ohne die Mitarbeit "prominenter" Juden ihr Mordpensum zu erfüllen, wie ihnen auch die Willenskraft fehlte, es dort zu erfüllen, wo Staaten und Nationen ihnen, sei es auch nur passiven, Widerstand leisteten; die Beispiele und Zahlen, die für dies Argument aus Dänemark, aus Bulgarien, aus Belgien, selbst aus Italien geboten werden, machen es zum eindruckvollsten des ganzen Buches.

Klugheit und Arroganz

Wir lesen auch, und erhalten Beispiele dafür, daß diesem, uns in seinen Dimensionen nie vorstellbaren Verbrechen, in seiner Dummheit, Schlechtigkeit, Sinnlosigkeit, nichts Trübe-Menschliches fremd war; nicht auf der deutschen Seite, und nicht auf der jüdischen, daß auch dort einzelne eine erniedrigende, elend-ephemere Macht über das Schicksal genossen, das zum Schluß sie selber ereilte. Was Wunder? Was weiter? Man mag es erwähnen. Aber man sollte, der Wahrheit halber und aus einem anderen Grunde, nicht soviel daraus machen, wie Hannah Arendt daraus macht; die, wie überall, auch hier viel zu weit geht und sich zu der Behauptung versteigt, die vom Staatsanwalt beliebte "scharfe Unterscheidung zwischen Verfolgern und Opfern" hätte zusammenbrechen müssen, wenn man diesen Aspekt in Jerusalem gründlich zu untersuchen den Mut gehabt hätte. Noch einen Schritt, und die Juden haben sich selber verfolgt und selber ausgemordet – und nur zufällig waren auch ein paar Nazis mit dabei.’Vielleicht werden wir dies demnächst in Deutschland zu hören bekommen.

Nicht als ob Hannah Arendt prodeutsch wäre. Sie ist nichts weniger als prodeutsch, obgleich plumpe Sophisten des Ex-Nazi-Lagers sie in ihrem Sinn ausnutzen werden. Sie handelt von der hohen deutschen Bürokratie, welche die "Endlösung" nicht erdachte, aber mit routinierter, liebevoller Genauigkeit betrieb, mit der Verachtung, welche diese Herren verdienen, sie seien heute im Amt oder in Pension, und mit der gleichen Verachtung von der deutschen Strafjustiz, die den Mord von ein paar tausend Menschen mit ein paar Jahren Gefängnis ahndet. Gegen diese Seiten des Buches haben wir keinen Einwand. Aber den haben wir, daß es in seiner überklugen Dialektik eine Nacht macht, in der alle Katzen grau sind; in der die Guten nicht gut sind und die Schlechten nicht schlecht, die Guten nichts besser machen konnten, die Schlechten kaum etwas schlechter; daß die Autorin verdreht, was sie mit einem Schein von Richtigkeit verdrehen kann aus Freude an der Verdrehung, und mit ihrer Klugheit über allem sein will und nirgends ist.

Was hilft uns Klugheit, wenn sie mit zwei stärkeren Kräften, Originalitätssucht und Arroganz, so unzertrennlich zusammengeschirrt bleibt??

(Die Neue Rundschau, S. Fischer-Verlag, Frankfurt/Main)

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