Von Jürgen Zimmer

Hier wird ein Geheimtip verraten: Soglio, eines der hinreißendsten und am besten versteckten Dörfer der Alten Welt. Die wenigen, die es schon kennen, werden „buh“ rufen und sich ärgern, doch gibt es Symptome dafür, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis Soglio von einem der großen Reiseunternehmen „erschlossen“ und „erweitert“ wird. Nur wenn die alten und neuen Liebhaber, den Ort besetzt halten, wird sich das vielleicht verhindern lassen. Von Mitte April an kann man dort wohnen. Auf denn.

Wer mit dem Automobil von Norden kommt, wird am Bodensee vorbeifahren. Lindau, Bregenz, dann geht es in die Schweiz über Chur zur Lenzerheide und den Julierpaß hinauf: Geruch von Moos und trocknendem Bündnerfleisch an den Holzwänden. Sankt Moritz bleibt ein paar Kilometer nördlich liegen. Unvermittelt spüren die engen Kehren des Malojapasses steil nach unten. Jedermann kann hier seinen Todeswalzer fahren; die Ohren schmerzen, und man muß schlucken wie beim Tauchen. Der südlichste Teil des Engadins öffnet sich, die Bregaglia. Dieses Tal ist von einer Wildheit, die noch nichts an die lauwarme Landschaft des Comersees verloren hat, und doch: Wer im Bergell seine Ferien macht, besitzt psychologische Sicherheiten. Er kann schnell mal nach Como oder Mailand ausreißen, wenn ihm die himmelhohen Gebirgsklötze zu beiden Seiten bedrohlich zu werden scheinen.

Kurz hinter dem Malojapaß, bei Promontogno, verleitet eine abfallende Gerade die Autofahrer zum ersten Vollgas – und just hier übersehen sie dann das unscheinbare Hinweisschild auf der rechten Seite mit der Abzweigung nach Soglio. Eine Art von Feldweg schraubt sich steil hinauf durch einen Riesenwald von Edelkastanien, dem schönsten seiner Art in der Schweiz. Bäuerinnen in Schwarz mit großen Kiepen auf ihren Rücken, im Herbst kullernde Kastanien in den Fahrrinnen, über einer Graskuppe ein Kirchturm, der immer länger wird. Das letzte Stückchen Weg vor dem Dorf ist das steilste und kann alten Motoren zum Verhängnis werden. Es kommen sehr enge Gassen, die sich V-förmig um die Abflußrinne zentrieren. Häuserecken, Brunnen, Kinder; ein Schild, das übersetzt wahrscheinlich Kolonialwarenladen heißt. Kolonialwarenläden sind Restposten einer Zivilisation, die Soglio sonst ziemlich verschont hat. Auf einem Platz endet die Straße. Über Treppchen und schmale Gänge schlängelt es sich jetzt leichter an Ställen und Steinmauern vorbei.

Soglio, das ist ein winziges Dorf aus rohem Stein, ein Schwalbennest, ein Klecks an der gewaltigen Talwand des Bergells. Es liegt auf einem Vorsprung hoch über dem Talgrund, auf der gegenüberliegenden Seite wächst die gletscherbestückte Bondascagruppe in den Himmel. Unten im Tal lange Schatten, bisweilen die verrufene Malojaschlange aus bodenschwerem Nebel; oben in Soglio Sonne, dieselbe Sonne, die ein paar Kilometer südlich über den norditalienischen Seen strahlt.

Die Bergeller haben die umherliegenden Felsbrocken gesammelt, aufeinandergeschichtet und so ihre Häuser gebaut. Die Familie von Salis, jahrhundertelang Beherrscher von Soglio, machte da kaum Ausnahmen. Ihre wuchtigen Palazzi sind mit den gleichen Gneisplatten gedeckt wie die Bauernhäuser. Die Bauern sind Nomaden; außer ihren Stammsitzen in Soglio haben sie am Silser See Weiler gegründet. Dort leben sie im Sommer, besorgen die Ernte im Tal und mähen sich dann die Hänge hinauf. Das Gras ist fest und würzig, läßt aber meist nur einen Schnitt zu. Ihr Vieh treiben sie so ab, daß sie den 9. Oktober nicht verpassen. Da beginnt nämlich die träsa, ein alter Brauch, der dies verheißt: Jedermanns Vieh darf auf jedermanns Weiden grasen, bis der Winter einzieht.

Jedes der alten Bauernhäuser ist ein kleine Trutzburg. Die eisenbeschlagenen Türflügel wurden früher – nach offenbar schlechten Erfahrungen mit durchziehendem Gesindel – mit dicken Querbalken verrammelt. Die Küchendecke trägt schwere Haken und Ringe, sie wiederum halten Holzplatten, an denen die Bäuerinnen die spätherbstlichen Ergebnisse der bacaria, der Hausmetzgerei, aufhängen. Durch ein Loch über dem Ofen zieht die Heißluft in die darüber liegenden Schlaf- und Wohnräume. Die Wände sind holzgetäfelt, das Parkett ist durch Gneisplatten ersetzt. Steine und Rundbalken: Aus den Steinen baut man Häuser, aus den Balken Ställe. Oder man kombiniert und setzt auf ein Steingeschoß eine Holzetage. Die Treppen sind aus Gneis, die Zäune, die Wege, aber zwischen den Fugen wächst zähes Gras. Unzählige Grillen schwärmen auf, wenn man den Hang hinaufgeht.