Von Walter Boehlich

Durch eine Sendereihe des Hessischen Rundfunks angeregt, erscheint im Mai bei Rowohlt ein Buch zu der Frage: „Sind wir noch ein Volk der Dichter und Denker Die Unter-Frage,mit der Walter Boehlich sich in diesem Rahmen auseinanderzusetzen hatte, galt der Rolle der Kritik in Deutschland. Wir veröffentlichen Boehlichs Beitrag in ZEIT-gerecht gekürzter Form.

Kritik in Deutschland hat es schwer, fast so schwer wie Kritik an Deutschland – was daran liegen könnte, daß zu oft Kritik in Deutschland mißverstanden wird als Kritik an Deutschland.

Es muß dafür Gründe geben; denn daß dies Verhalten für eine hochentwickelte Zivilisation charakteristisch, ihr auch nur angemessen sei, wird niemand behaupten wollen, der seinen Blick über die Grenzen Deutschlands, welche die auch immer sein mögen, hinaus auf andere Literaturen oder auch zurück in die eigene deutsche Vergangenheit wendet.

Da trifft er auf die Jahrzehnte, die den Deutschen das erklärungswürdige Epitheton eintrugen, ein, wo nicht das Volk der Dichter und Denker zu sein.

Wo dieser Ausdruck herstammt,’ scheint weniger geklärt, als worauf er sich gründet: auf eine nicht nur für Deutschland auffällige Blütezeit, die dieses Land, das kein Land und noch weniger eine Nation war, dieses Land, das politisch ganz und gar nicht existierte, mit bestürzender Plötzlichkeit auswies als ein Land, in dem in der Tat gedichtet und gedacht wurde, und dies auf eine Weise, die Europa mehr und mehr aufhorchen machte und selbst die Deutschen erstaunte, ihnen zu einem neuen Nationalstolz verhalf.

Dieser Vorgang wurde überschätzt, diente den Einwohnern dieses Nicht-Landes als Mittel der Selbsterhöhung und Selbstüberhöhung, die nicht ohne Folgen bleiben sollten.