Sprung nach Afrika

Tschu En-lai erfüllte seine Mission

Der rotchinesische Ministerpräsident hätte den Zeitpunkt für seine afrikanische Safari kaum günstiger wählen können. Tschu En-lai hatte sich zu der achtwöchigen, strapaziösen Reise durch vier arabische und sechs afrikanische Staaten entschlossen, um die chinesische Mauer zu durchbrechen und sich der „Dritten Welt“ als ein zugänglicher, charmanter Repräsentant einer künftigen Großmacht vorzustellen. Just in diesem Moment präsentierte ihm der französische General auf einem silbernen Tablett die Einlaßkarte zu seinem Auftritt in der weltpolitischen Arena.

Ging das Jahr 1960 als das „Jahr Afrikas“ in die Geschichte ein, so wird 1964 wohl als das „Jahr Chinas“ der Nachwelt überliefert werden. De Gaulles Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Peking, das inzwischen auch von Tunesien anerkannt wurde, werden bald andere afrikanische Staaten folgen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann Rochinas Abgesandte ihre Plätze in der UN-Vollversammlung und im Weltsicherheitsrat einnehmen werden.

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So gelegen nun dem Rotchinesen in Afrika auch die zuvorkommende Geste des französischen Staatschefs war, so vortrefflich sie in sein Werbeprogramm passen mochte – abgesprochen war dieses merkwürdige Zusammenspiel nicht, und darauf angewiesen war Tschu En-lai auch nicht. Er hätte seine Mission so oder so erfüllt. Er hat nicht überall Freunde, aber doch künftige Partner gewonnen. Er fand nicht rückhaltlose Bewunderung, dafür aber nüchterne Anerkennung und gelegentlich sogar Vertrauen. Mehr konnte Tschu En-lai auch nicht erwarten.

Abgesehen davon, daß manche afrikanischen Führer eher geneigt sind, auf das sowjetische Pferd zu setzen und in der Kontroverse zwischen Moskau und Peking den gelegentlich Kredite spendenden Russen den Vorzug zu geben, sind die Reserven gegenüber einem Staat, der Indien angriff und das Atomtest-Abkommen ablehnte, gerade unter jenen jungen Völkern groß, die den Imperialismus und Neokolonialismus in jeder Form verdammen.

Zwar vermied Tschu En-lai wohlweislich in seinen Reden jeden aggressiven Hinweis auf die alten rotchinesischen Guerillaparolen und hütete sich, das klassenkämpferische und weltrevolutionäre Einmaleins Mao Tse-tungs zu predigen. Er räumte sogar ein, daß Revolutionen keine Exportware seien, pries die Nichtangriffs-Thesen der „friedlichen Koexistenz“ und verstieg sich bei einem Musikabend in Guineas Hauptstadt Conakry zu einem freimütigen Lob des Teststoppvertrages. Guineas Beitritt, so applaudierte der geschickte Propagandist, sei ein Zeichen der „unerschrockenen Verteidigung des Weltfriedens und der Sorge für das Schicksal der Menschheit“.

Immer dann aber, wenn er emphatisch die „asiatisch-afrikanische Solidarität“ feierte, von den afrikanischen „Brudervölkern“ sprach oder gar verkündete, die „revolutionären Aussichten in Afrika sind hervorragend“, war die Zurückhaltung bei den Afrikanern meist größer als die Zustimmung. Vor allem die Unruhen in Ostafrika, die Tschu En-lais letzte Reisewoche überschatteten, trugen eher zu skeptischer Einstellung bei. Zweifelhaft ist es auch, ob der „rote Mandarin“ mit seiner Good-will-Kampagne für eine zweite Bandung-Konferenz (von der Moskau ausgeschlossen wäre) bei seinen Gastgebern offene Ohren fand. Die Kommuniques jedenfalls schwiegen sich darüber aus, und noch scheint der Plan der Sowjets, Jugoslawen und Inder für ein Treffen nach dem Muster von Belgrad unter den Politikern weit mehr Anklang zu finden.

War Tschu En-lais Propagandareise durch Afrika im ganzen ein Erfolg? Niemand zweifelt daran, auch die Amerikaner nicht, die doch allen Grund zur Besorgnis über Rotchinas Einbruch in den Schwarzen Erdteil haben. Tschu En-lais Liebenswürdigkeit und Selbstsicherheit, sein schlaues Taktieren, sein gewinnendes Auftreten wurden überall aufmerksam registriert. Registriert wurde allerdings auch, daß der 66jährige Reisende in Ägypten einen Schwächeanfall hatte und daß während seines Rückflugs bei einer Zwischenlandung in der pakistanischen Hauptstadt Karatschi ein Herzspezialist auf ihn wartete.

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