Eines ist sicher: seine trotzige Grundpositi’on bleibt nützlich und gut. Daß nämlich große Literatur stets eine Ausnahmeleistung darstellt. Nicht bloß inmitten einer Epoche, sondern nicht selten auch innerhalb des Gesamtwerkes eines Schriftstellers. Nichts also wäre verhängnisvoller, als die Gesammelten Werke der wahrhaft Großen pauschal als große Werke zu akzeptieren, während die poetae minores ein für allemal dazu verurteilt wären, mindere Dichtung darzubieten. Es gibt aber – um in Schwaben zu bleiben – herzhaft schlechte Verse Mörikes und sehr schöne Gedichte bei Justinus Kernen

Er nun wird seit Jahren nicht müde, beides an stets neuen Fällen zu demonstrieren: Brüchigkeit im Werk der Meister und ungerechte Verkennung in zahlreichen – scheinbar abgetanen – Fällen der Literaturgeschichte. Bisweilen mißlingt die totale Aufwertung, die – etwa im Falle Fouqués – beabsichtigt war. Aber selbst dann hat Arno Schmidt ein neues Gespräch über das Aktenstück erzwungen. Er stört die Ruhe der Toten und der Archive, der germanistischen Seminare und der verbrieften Wertsysteme. Gut so. Auch wenn man beim Lesen immer wieder Ärger mit ihm hat –

Arno Schmidt: „Dya Na Sore“ – Gespräche in einer Bibliothek; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 425 S., 17,80 DM.

Arno Schmidt: „Belphegor“ – Nachrichten von Büchern und Menschen; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 453 S., 23,– DM.

Der Ärger beginnt bereits auf der ersten Seite des „Vorspiels“ zu „Dya Na Sore“, wo Schmidt den toten Literarhistoriker Georg Witkowski rüffelt, der „noch 1933 Professor für deutsche Literatur an der Universität Leipzig, und auch ansonsten im Umgang mit Klassikern wohlbewandert“ gewesen sei. Schmidt mag sich beruhigen. Der alte Mann war dann nicht mehr lange Professor in Leipzig. Er starb im Exil – ein paar Jahre nach jenem 1933. Es gibt Fälle, wo auch Arno Schmidt ein bißchen Umschau halten sollte, ehe er furios loslegt.

Was aber lockt ihn eigentlich immer wieder zur Bücherwelt, so daß er stets neue Wünschelrutengänge unternimmt? Eine gebieterische Verlautbarung in Schmidts Polemik gegen Stifters „Nachsommer“ spricht es fast überdeutlich aus: „Eines aber sollte jeder Dichter einmal leisten: ein Bild der Zeit uns zu hinterlassen, in der er lebte! – Denn wenn ich Zustände und Denkweisen einer Epoche erfahren will, benütze ich mitnichten die Messtischblätter der Historiker – auf denen kann ich allenfalls exakt Namen und Daten abgreifen –, sondern ich nehme für, sagen wir 1770, den Werther zur Hand.“ Dessen Urfassung ist zwar erst von 1774 (was soziologisch ziemlich relevant ist), aber es stimmt natürlich, daß der „Werther“ heute von uns (auch) wie ein Kompendium damaliger Sozialkonflikte gelesen werden kann. Daß er weit mehr ist, weiß Arno Schmidt natürlich sehr gut: in seiner Goethe-Studie preist er den berühmten Roman der Empfindsamkeit nicht bloß als Dokument der Zeitgeschichte.

Der Werther hat jedoch nicht bloß Zustände gespiegelt, er hat sie auch ins Bewußtsein gehoben. Werther erzeugte den Wertherismus, veränderte also die Umstände. Die Haupthese Arno Schmidts findet sich übrigens schon bei Karl Marx. Der Verfasser des „Kapital“ bekannte, aus Balzacs Romanen mehr Wirtschaftswissen gelernt zu haben als aus vielen Traktaten von „Vulgärökonomen“.

Aber Marx konnte so sprechen, weil er vorher seinen Ricardo und (sogar) Proudhon sehr genau studiert hatte. Schmidt geht es nicht anders. Er vermag den Werther als Zeitdokument zu lesen, weil er vorher bei den verachteten Historikern eine ganze Menge über die Wertherzeit erfahren hatte. Abermals – wie so oft in Arno Schmidts Reflexionen – die Verkennung der Tatsache, daß Wirkungen selbst auch wieder Ursachen setzen.

Vulgärsoziologie der Literatur. Der Begriff drängt sich stets von neuem auf, wenn man Schmidts Selbstgesprächen in der Bibliothek lauscht. Überall dort vor allem zeigt es sich, wo Schmidt bemüht ist, große Gestalten und Werke umzudeuten.

„Goethe / und Einer seiner Bewunderer.“ Der Einfall ist prachtvoll; die Ausführung ist es wahrhaftig nicht. Goethe darf für kurze Zeit wieder einmal an die „Oberwelt“, und Arno Schmidt dient ihm für ein Tagegeld von DM 66 als „Betreuer“. Gespräche mit Goethe im realen Wohnzimmer der Familie Schmidt. Ganz ohne Eckermann. Plötzlich erkennt man, daß Arno Schmidt vor Goethe eigentlich die Haltung gewisser Jungdeutscher zwischen 1830 und 1840 einnimmt. Es steckt überhaupt viel Ludwig Börne in Arno Schmidt, was ein hohes Lob ist. Aber auch etwas Wolfgang Menzel oder Karl Grün („Goethe,vom menschlichen Standpunkte betrachtet“), was durchaus kein Lob sein soll. Goethe fragt seinen Fremdenführer in der Lüneburger Heide: „Wen halten Sie denn für den größten deutschen Schriftsteller überhaupt?“ Schmidt möchte den erlauchten Gast zuerst mit den Namen Wieland und Jean Paul ärgern, schreibt aber dann auf ein Zettelchen: „Der junge Goethe, ehe er Frankfurt endgültig verließ.“

Ungefähr so hätte wohl auch Börne entschieden. Für den waren Goethe und Hegel bloß „der gereimte und der ungereimte Knecht“. Aber nach welchen Kriterien wird hier eigentlich entschieden gegen Meister und Faust, Wahlverwandtschaften und Divan? Deutschtümelei wie bei Menzel ist es doch wahrlich nicht. Was Schmidt davon hält, sagt er aus Anlaß von Wilhelm Friedrich Meyers „Dya Na Sore“. In der – hochinteressanten – „Historischen Revue“, die er für Christian von Massenbach veranstaltet, wird dem Dichter des „Tell“ sogar das Predigen eines „Nationalismus in schärfster Form“ vorgeworfen. „Dabei war er (Schiller) mit Massenbach auf der Karlsschule gewesen!“ Schiller mit Massenbach!

Der Vorwurf vom „undeutschen Goethe“ ist es auch nicht. Die Weimaraner sind ihrem Richter Schmidt im Gegenteil viel zu national. „Aber die Aufgabe, die ihr Herz mit rotem Feuer hätte erfüllen müssen, die ihnen ins Gesicht brannte: Europa! Das sahen sie nicht.“ So der Dialogpartner „Arno“ in dem dramatisierten Massenbach-Essay.

Der Hauptvorwurf gegen Goethe und Schiller läuft also darauf hinaus, daß sie nicht Stürmer und Dränger zu bleiben gedachten. Wobei Schmidt völlig naiv die weltanschauliche Abkehr gleichsetzt mit künstlerischem Abstieg. Und wenn nun die Positionen von „Kabale und Liebe“ oder „Götz“ in der deutschen Wirklichkeit unhaltbar geworden waren – und die Autoren das erkannt hatten? Schiller über dem „Don Carlos“ und Goethe über dem „Egmont“? Solche Fragen sind an die deutsche Geschichte zu stellen, nicht bloß an die Belletristik. Es rächt sich eben doch, wenn man Zeitgeschichte bloß aus Romanen lernen will.

Nun also Stifter. „Der sanfte Unmensch. Einhundert Jahre Nachsommer Die Überschrift sagt bereits, was den Leser erwartet. In Sachen Arno Schmidt gegen Adalbert Stifter. Man ärgert sich sehr – und freut sich doch ein bißchen, weil dieser ruppige Ton nach allzuviel seraphischem Getue mit Stifter einmal ganz erholsam wirkt. Abermals die vulgäre Soziologie. „Eine noch eindringlichere Magna Charta des Eskapismus ist schwer vorstellbar.“ Arno Schmidt zählt alle Kriege, Bürgerkriege und sozialen Verbrechen der Stifterzeit und des Habsburger Staates auf, um festzustellen, daß nichts dergleichen im „Nachsommer“ vorkommt. So weit ist Franz Mehring nie gegangen; auch Lukács nicht.

„Die unmenschliche Sanftheit eines aller Autopsie und Erfahrung baren Aberwitzes wirkt nicht nur lächerlich und gespreizt, sondern abgesprochen empörend!“ Hebbel bekommt zvar als Eskapist des Jahres 1849 gleichfalls sein Fett, aber als Kronzeuge gegen Stifters „sanftes Gesetz“ ist er dem Polemiker trotzdem willkommen. Nietzsches Lob des „Nachsommer“ dagegen wird von Schmidt mit Befriedigung in Zarathustras großes Schuldbuch eingetragen. Und den Eckermann hat Nietzsche auch noch gelobt!

Kein Grund, über dergleichen zu lachen. Alles, was Schmidt hier gegen Stifter vorbringt, gehört heute zu einer sorgfältigen Stifterdeutung. Aber dann erfolgt die Gegenrechnung – und die eben fehlt bei Schmidt. Der verstorbene Walter Reim war doch wohl kein Ausbund von einem reaktionär. Vielleicht liest Schmidt einmal nach, wie der den „Nachsommer“ interpretiert hat. Und noch eins: „Wie hieß doch jener nicht unverständige Griechenländer, der schon damals feststellte: ‚Die Optimisten schreiben schlecht?“ So fragt Arno Schmidt. Er hieß Paul Valéry.

Immer wieder Anlaß zu Freude und zu Ärger. Schmidt ist überaus hellhörig für alles, was mit deutscher Misere zu tun hat: aber bei Johann Gottfried Schnabel, wo man sie besonders klar spürt, sieht er sie nicht. Karl Philipp Moritz: Kann man den „Anton Reiser“ nicht auch weitaus pessimistischer beurteilen, als das hier geschieht? Ein Prachtstück über Johannes von Müller. Da ist Schmidt nicht bloß genau und unterrichtet, sondern im wesentlichen sogar gerecht. „Man muß, als extremer menschlicher Fall, sich eben damit abfinden: entweder charakterlich schwach; oder geistig schwach.“ Geistig schwach aber war Müller nicht, das „Gehirntier“, wie ihn Schmidt nennt.

Manchmal vermag man zu ahnen, wen Schmidt demnächst entdecken wird. Daß er den „Belphegor“ von Johann Karl Wezel ausgraben würde, durfte man vermuten. (Übrigens kann Schmidts „Verdacht“, daß E. T. A. Hoffmann den Wezel gelesen habe, bestätigt werden: Sie trafen sich in Dresden. Weshalb übrigens bei Schmidt die ständige Sorge um eine „Priorität“ solcher Entdeckurigen?) Ein Hippel könnte jetzt fällig sein und ein Thümmel, ein Klinger und vor allem ein Seume. Schmidt hält es mit den vergessenen deutschen Aufklärern, das ist gut so. Ebenso gern glaubt er vergessene Vorläufer des Dritten Reiches zu entdecken. Da kommt es nicht selten zu falscher Aktualisierung.

Ein – nur wenig lädiertes – Meisterstück ist die literarische Vision „Tina – oder die Unsterblichkeit“. Die umgekehrte Technik des Goethegesprächs. Dort: der Unsterbliche in unserer Oberwelt. Hier: Arno in der Unterwelt. Haß der Abgeschiedenen gegen alle Arten des „Fortlebens“, insbesondere jenes durch die Literaturgeschichte, wird hier mit der Visionskraft eines Grabbe verkündet. Daneben wirkt dann „Doktor Murkes Gesammeltes Schweigen“ überaus idyllisch. Freudige Hinweise auf die Mannestüchtigkeit des Verfassers wären freilich zu entbehren.

Schade, daß man nicht lesen kann, wie ein künftiger Arno Schmidt in hundert Jahren über Arno Schmidt urteilen wird. Vielleicht so: Ein Schriftsteller und Forscher, der sich in Sehnsucht nach Weite und Welt verzehrt, aber stärker als die meisten seiner Zeitgenossen von stickiger Enge kündet und vom Unglück im Winkel.