Mutmaßungen wurden Gewißheit

Uwe Johnson macht es sich zu leicht

Von Marcel Reich-Ranicki

Um Uwe Johnson ist in den letzten Jahren häufiger und heftiger gestritten worden, als es gedruckte Äußerungen über diesen Schriftsteller vermuten lassen. Während seine beider. Romane „Mutmaßungen über Jakob“ und „Das dritte Buch über Achim“ fast von der gesamter Kritik mit Bewunderung oder wenigstens Zustimmung aufgenommen wurden und jetzt in vielen Sprachen erscheinen, während sich manche deutschen Universitäts-Germanisten 6veranlaß; sahen, ihre traditionelle Abneigung gegen junge Autoren zu überwinden und sich seiner Prosa ernsthaft anzunehmen, ist es nicht nur ein beträchtlicher Teil des Lesepublikums, dem es schwerfällt, sich mit ihr zu befreunden.

Denn auch in Kreisen, die sich mit der Literatur beruflich befassen und denen Sachkenntnis bestimmt nicht abgesprochen werden kann, zweifelt man Johnsons Talent oft an: Der Kritik wird vorgeworfen, sie habe ihn stark überschätzt. Es ist jedoch bemerkenswert, daß wohl seine Anhänger, nicht aber seine Gegner bereit waren – von gelegentlichen Ausfällen können wir absehen –, ihr Urteil in der Presse zu begründen. Über die Bücher von Böll oder Grass wurde in aller Öffentlichkeit diskutiert, über den Autor der „Mutmaßungen“ hingegen eher hinter den Kulissen unseres literarischen Lebens.

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Die Skeptiker, scheint es, vertrauen der Zukunft, meinen also, die nächsten Arbeiten Johnsons würden ohnehin seine künstlerische Fragwürdigkeit zeigen. Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Was immer ein Schriftsteller schreiben mag – er kann, schlimmstenfalls, nur sich selber kompromittieren, nicht sein früheres Werk. „Narziß und Goldmund“ spricht zwar gegen Hesse, doch nicht gegen den „Steppenwolf“, „Die Rote“ gegen Andersch, nicht gegen „Sansibar“.

Vielleicht werden uns die beiden Romane, denen Johnson seinen Ruf und bereits einen Platz in der neuen deutschen Literaturgeschichte verdankt, mit der Zeit weniger, vielleicht auch mehr bedeuten. Aber auf eine etwaige Revision des Urteils über diese Bücher, zu der ich übrigens vorerst keinen Grund sehe, sollten dieses jungen Autors gegenwärtige und künftige Bemühungen ohne Einfluß sein. Leider ermangelt dieser Hinweis nicht des aktuellen Anlasses.

Als nach dem 1961 edierten „Dritten Buch über Achim“ die Stunde für Johnson besonders günstig war, vermochte er der Verlockung zu widerstehen: Im Gegensatz zu manchen seiner älteren und ebenfalls in kurzer Zeit berühmt gewordenen Kollegen ließ er dem erfolgreichen Roman nicht rasch ein nächstes, möglicherweise halbfertiges Buch folgen. In den Jahren 1962 und 1963 wußte er eindrucksvoll zu schweigen. Wie sehr wir ihm für diese konsequente Zurückhaltung dankbar zu sein haben, können wir erst jetzt ganz ermessen. Denn seine neue Publikation liegt nun vor –

Uwe Johnson: „Karsch, und andere Prosa“ – Nachwort von Walter Maria Guggenheimer; edition suhrkamp 59, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 103 S., 3,– DM.

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