H. W., Kiel

Seit Ende des vergangenen Monats verhandelt das Kieler Schwurgericht gegen den Textilkaufmann Hans Graalfs aus Neumünster. Der ehemalige SS-Obersturmführer und Angehörige des berüchtigten Einsatzkommandos 8 ist des Mordes an 1500 polnischen und russischen Juden angeklagt. Es ist einer von vielen Prozessen, die in den letzten Monaten und Jahren vor deutschen Gerichten abrollten, und er unterschied sich bis zum letzten Donnerstag auch nicht von den übrigen Verfahren dieser Art.

Am vergangenen Donnerstag aber hatte dieser Prozeß doch einen Höhepunkt. Bemüht, alles zur Klärung der Rechtsfrage „Befehlsnotstand – ja oder nein“ zu tun, hatte das Kieler Schwurgericht dem Antrag der Verteidigung stattgegeben und den früheren Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Dr. Hans Globke, als sachverständigen Zeugen zur Hauptverhandlung geladen. Er sollte über das Problem des Befehlsnotstandes aussagen. Nun hatte der ehemalige Adenauer-Intimus schon vorher dem Gericht geschrieben, aus seiner dienstlichen Tätigkeit im früheren Reichsinnenministerium wisse er darüber nichts. Was er berichten könne, wisse er nur vom Hörensagen.

Dessenungeachtet: Globke wurde geladen und erschien auch. Das Fernsehen wollte den Zeugen auf den Bildschirm bekommen. Photoreporter warteten vor dem Gerichtsgebäude. Der Zuhörerraum war überfüllt. Polizeibeamte kontrollierten auf den Fluren und auf den Treppen Presseausweise und Eintrittskarten. Ohne Kontrolle kam niemand in den Saal. Doch die Sensation blieb aus.

Der Zeuge Globke, eine halbe Stunde vor seiner Vernehmung in Kiel eingetroffen, stieg 300 Meter vor dem Gericht aus seinem Taxi und ging den Rest des Weges zu Fuß. Er vermied jedes Aufsehen. Er versuchte, so unauffällig und zurückhaltend aufzutreten, wie er seine Amtsgeschäfte geführt hatte. Aus einer Kollegmappe zog er die Aussagegenehmigung von Bundeskanzler Erhard hervor. Und ehe er die Fragen des Vorsitzenden beantwortete, wiederholte er, was er schon in seinem Brief festgestellt hatte. Nur vom Hörensagen könne er berichten, daß die ersten Nachrichten über die Massenmorde im Osten von Urlaubern stammten. Sie hätten damals auch berichtet, daß jene, die Mordbefehle nicht ausführten, mit Erschießen, Konzentrationslager und Strafkompanie rechnen mußten. Weiter sagte Globke: Er halte es für möglich, daß sich jemand unter günstigen Umständen den Schießbefehlen entziehen konnte. Die Beteiligten hätten aber nicht den Versuch gemacht, weil sie Strafen befürchteten. „Denn eine Staatsführung, die solche Massenmorde anordnet, wird auch nicht davor zurückschrecken, Befehlsverweigerer mit harten Strafen zu belegen.“

Schon nach einer knappen halben Stunde war die Vernehmung Globkes beendet. Er reiste wieder nach Köln zurück. Im Gerichtssaal wandte man sich anderen Dingen zu. Für den Prozeß war seine Aussage bedeutungslos.