Großmacht-Politik?

De Gaulle und die Dritte Welt

Von Rolf Zundel

De Gaulle ist in Mexiko wie ein Triumphator empfangen worden. El Macho, der Große und Mächtige, wurde er genannt, Konfetti regnete auf ihn herab, Beifall umbrandete ihn; wo er sich zeigte, wurde er von der begeisterten Menge fast erdrückt. Die Bewunderung, die ihm in Mexiko entgegenschlug, pflanzte sich fort. Kein Staat will zurückstehen, wenn der französische Präsident im Herbst seine Reise nach Südamerika antritt. Die Einladungen an den General werden immer drängender. Kein Zweifel: Auch seine nächste Tour wird ein großer Erfolg werden. Die südamerikanischen Staaten haben sich den Satz zu eigen gemacht: Es ist unmöglich, von de Gaulle nicht besucht zu werden. In Washington indes zollt man ihm widerwilligen Respekt: „Der General scheint sogar Fidel Castro den Rang abzulaufen.“

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Was eigentlich macht de Gaulle und Castro in den Augen der Lateinamerikaner so attraktiv? „Das einzige, was der hitzige Fidel Castro und der fürstliche Präsident de Gaulle gemeinsam haben“, bemerkte bissig die amerikanische Journalistin Marguerite Higgins, „ist die Neigung, Amerika zum Teufel zu wünschen.“ An dieser Bemerkung ist gewiß soviel richtig, daß de Gaulles demonstrativ zur Schau getragene Unabhängigkeit gegenüber den USA eine Vorbedingung für seinen Erfolg war. Die Lateinamerikaner, an Nationalstolz hinter de Gaulle kaum zurückstehend, empfinden die Nachbarschaft der mächtigen USA als bedrückend; daß die amerikanische Wirtschaftshilfe reichlich fließt, versöhnt sie nicht mit der Tatsache, daß sie von dieser Hilfe abhängig sind. De Gaulle, der nie müde wird, nationale Unabhängigkeit zu predigen, de Gaulle, der die Amerikaner das Bangen gelehrt hat – er ist ihr Mann.

Weltweiter Gegensatz

Washington verfolgt diese steigende Popularität de Gaulles mit wachsendem Unbehagen. Es sieht so aus, prophezeite kürzlich der New-York-Times-Kommentator Sulzberger, als ob „das amerikanisch-französische Verhältnis, das sich ständig verschlechtert hat, am Ende auf eine weltweite Konfrontation hinausläuft. Wir haben radikal verschiedene Ansichten über Strategie und Kernwaffen, über die Bedeutung der NATO, den Wert der UN und die Existenz der SEATO. Wir konkurrieren in Europa und Asien, sind in der Chinafrage schon zusammengestoßen und werden uns wohl auch bald in Lateinamerika in die Haare geraten“. Vielleicht ist diese Prophezeiung etwas zu kassandrahaft ausgefallen. Tatsache aber bleibt, daß sich de Gaulle in das politische Weltbild der USA nicht einfügen will. Er ist für Amerika die zweite bittere Enttäuschung seit 1945.

Die erste Enttäuschung lösten die Kommunisten aus. In den letzten Kriegsmonaten und unmittelbar nach dem Krieg war die amerikanische Politik von der Vorstellung ausgegangen, nach dem Sieg über die faschistischen Diktaturen gäbe es nur noch one world – eine Welt –, die mit politischer Vernunft und im Geiste der Völkerfreundschaft aufgebaut und geordnet werden könne. Stalin hat diesen Traum rasch zerstört.

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