Von Theo Fürstenau

Die Diskussion über Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen“ erhält immer dann einen sonderbaren Akzent, wenn der Versuch unternommen wird, die Ablehnung mit ästhetischen Argumenten zu stützen. Die massivste Behauptung lautet etwa „Ein Film zwischen Kunst und Kitsch“.

Zweifellos liegt der solchermaßen geäußerten Aversion eine berechtigte Annahme zugrunde: jene Annahme nämlich, es gebe eine innere Beziehung zwischen Form und Moral. Genauer ausgedrückt: Nicht die Behandlung eines bestimmten Motivs sei zu erörtern, sondern die Besonderheit der formalen Verwandlung eines Motivs auf einen bestimmten Sinn hin.

Ist aber, um einen bestimmten Sinn zu stiften, jedes Mittel erlaubt? Diese Frage ist mit einem klaren „Nein“ zu beantworten. „Jedes Mittel“ braucht indessen nicht der Künstler, und zwar ganz einfach deshalb nicht, weil das seinen Absichten nicht dienlich wäre. Der Künstler wählt aus, er formuliert, er macht durch Form Inhaltliches transparent.

Man wirft Bergman vor, er habe „Tabus“ verletzt, er habe in rücksichtsloser Indiskretion Dinge auf die Leinwand gezerrt, die sich – von vornherein und ein für allemal – der Darstellung entzögen. Ist dies wirklich der Fall?

Bergman hat etwas getan, was nur dem Künstler erlaubt ist: Er hat das Heikle, ja, man kann ruhig sagen das „Schamlose“, als Motiv zitiert. Nicht um es zu zeigen, sondern um es zu entlarven. Dieses Entlarven aber ist ein Vorgang künstlerischer Konzentration. Das heißt: diese Szenen sind im Tiefsten unnaturalistisch, sie haben etwas schrecklich Zeremonielles. Sie bezeichnen die Schamlosigkeit, zeigen sie aber nicht als naturalistische Indiskretion.

Es gibt besorgte Kritiker, die das Schamgefühl gegen Bergmans Provokation in Schutz nehmen. Sie nehmen – sonderbares Mißverständnis – etwas in Schutz, das, genau besehen, gar nicht verletzt worden ist.