Ingmar Bergmanns "Schweigen"
Die erste Kritik über „Das Schweigen" in der ZEIT schrieb Martin Ripkens, einige Wochen vor der deutschen Erstaufführung (Nr. 5063). In der Nr. 1264 begannen wir dann, da die Debatten in der Bundesrepublik und im Ausland inzwischen hohe Wellen geschlagen hatten, mit einer Diskussion — nicht etwa in der Absicht, unseren Lesern eine einzige Auffassung zu oktroyieren, sondern um ihnen zu helfen, einen eigenen und möglichst fundierten Standpunkt zu gewinnen. Daß dabei professionelle ebenso wie nicht professionelle Filmkritiker (Ludwig Marcuse, Peter M. Ladiges, Theo Fürsteaau und Marcel Reich Ranicki) zu Worte kamen, hatte seinen Sinn: Es handelt sich bei den Brennpunkten der Diskussion oft gar nicht mehr um filmische Fragen im engeren Sinne, sondern zum Beispiel um moralische oder theologische. Heute meldet sich unser Redaktionsmitglied Dieter E. Zimmer mit einem Beitrag zu Worte, der unter anderem eine Kritik der Kritik enthält — nicht in der Meinung, daß sich nicht erneut Widerspruch melden und andere Auffassungen dargelegt werden könnten. Im Zusammenhang mit Bergmans „Schweigen" fiel oft das Won Exhibitionismus. Sicher ist, daß der Film die ungewohnt zahlreichen Scharen seiner Kritiker zu einer lärmenden Orgie des Exhibitionismus verleitet hat.
Sie alle sind sich ihrer Sache ja so sicher. Fast jeder meint mit schöner Zuversicht, als erster und einziger das Rätsel der Sphinx gelöst zu haben. Seht, was ich hier habe — und schon zeigt er seine Blöße. Der eine (wie Marcel Reich Ranicki in der letzten Ausgabe der ZEIT) rechtfertigt „Nacktszenen" gegen prüde Vorwürfe, die es schon darum nicht gegeben haben kann, weil der Film keine „Nacktszenen" enthält (den Anstoß erregte anderes). Der andere (wie Ludwig Martus Szene in einem Kino, allem ausführlichen Augenschein entgegen und nur, weil Anna es ihrer Schwester später so erzählt (es handelt sich um einen Tingeltangel namens „China Variete"). Die Entschiedenheit der Urteilssprüche ex cathe„verlogen"), denen oft genug auch nicht der Anschein einer Begründung mitgegeben ist, ist nicht immer von einer entsprechenden Sicherheit der Beobachtung gerechtfertigt.
Und dann, mit wenigen Ausnahmen, diese sekundanerhafte Fixierung der Diskussion auf die drei Stellen manifestierter fleischlicher Lust und Ql — ls bestehe der Film aus wenig mehr, als erschüttere er einen allgemeinen Glauben an den Klapperstorch und als enthalte er nicht mindestens einen genauso schwerwiegenden (und für meine Begriffe viel schlimmeren) Verstoß gegen die Diskretion: die Großaufnahmen der erstikkenden Esther.
Schon darum fehlt mir jegliches Verständnis für die bis zum Staatsanwalt und bis in den Bundestag getragene Empörung über die angebliche Obszönität des Films, weil sie eine unendliche Roheit dieser Gesellschaft offenbart: Die Gesichtszuckungen der Lust werden ihr zum Ärgernis, die (von Bergman allzu offensichtlich in Parallele gesetzten) Gesichtszuckungen der Sterbenden verletzen niemandes „natürliches Schamgefühl". Jene sollen gesunde Ehen gefährden und Jugendliche für ihr Leben mit Traumata behaften — aber den Tod kann man selbstverständlich mit ansehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Liebe ist verpönt, das Sterben läßt ungerührt.
Es liegt mir fern, mir nun meinerseits eine Amtstracht Nr l (für feierliche Anlässe) anzulegen und mit schneidender Stimme der Weisheit letzten Schluß zu verkünden. Der Film ist dunkel und bleibt es, und ich kann ihm das ganz und gar nicht zum Verdienst anrechnen. Was ich zu einem Verständnis im folgenden unterbreiten möchte, sind lediglich Vorschläge. Vorschläge, von denen ich immerhin hoffe, daß sie einige Logik und den Augenschein für sich haben. Nehmen wir zunächst den Titel. Wer spricht hier, spricht und schweigt? Mit großer Einmütigkeit ist behauptet worden, auch von Leuten, die dem angeblich religiösen Sinn des Films skeptisch gegenüberstehen, gemeint sei das Schweigen Gottes, das auf der „Hölle, in der wir leben" lastet. Der Vorspann, den der Verleih dem Film mit auf den Weg gegeben hat, trägt das Seine dazu bei, diese Auslegung unter die Leute zu bringen (und wäre dem Film diese Theologie nicht angedichtet worden, er wäre jetzt kaum unverstümmelt zu sehen): Er zitiert eine Dialogstelle aus einem früheren BergmanFilm, die sagt, Christus habe am Kreuz am meisten gelitten, „weil Gott schwieg". Es ist indessen höchst problematisch, wenn nicht überhaupt unzulässig, diese Äußerung einfach auf den neuen Film zu übertragen und sie als Schlüssel zu seinem Verständnis zu benutzen.
Außerdem ist es nicht notwendig. Mir scheint, der Film macht selber deutlich genug, was sein Titel meint. Als Anna mit ihrem — stummen — Beischläfer im Bett liegt, sagt sie: „Wie schön ist es mit dir. Wie schön ist es, daß wir nicht miteinander reden können Schnitt. Und gleich darauf die Frage des kleinen Johan an ihre Schwester: „Warum bist du Übersetzerin?" Das erste Wort, das in dem Film gesprochen wird, lautet: „Was heißt das?" Johan fragt es, angesichts einer unverständlichen Aufschrift in dem Eisenbahnabteil. In einem ähnlichen Abteil, ganz am Ende des Films, lernt Johan die ersten Worte dieser Sprache verstehen.
Immer von neuem wird dieser Gegensatz ausgespielt: Anna, in deren Leben wenig und am liebsten gar nicht gesprochen wird, selbst ihrem Sohn weiß sie sich nur durch Liebkosungen zu nähern; und Esther, die bemühte Übersetzerin, die die Mauer des Schweigens zwischen den Menschen niederreißen möchte. Die Einkapselung des „animalischen" Menschen in Stummheit und Schweigen — und die Möglichkeit, dieses Schweigen zu überwinden: oder doch zumindest die Mühe eines Versuchs auf sich zu nehmen. Eine Notwendigkeit, Gott ins Spiel zu bringen, sehe ich nicht. Gott wird verschwiegen.
- Datum 03.04.1964 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.4.1964 Nr. 14
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