Wuchernde Kurzgeschichten

Heinz Piontek stellt sich als Erzähler vor von Elisabeth Endres

Von Elisabeth Endres

Kurz nach der Währungsreform veröffentlichte Heinz Piontek seine ersten Gedichte. Ei wurde 1952 – zu Recht – als literarische Hoffnung angesprochen. Die Zeit war seinem Stil, den man gemeinhin Naturlyrik nennt, sehr günstig. Piontek segelte im Wind von Wilhelm Lehmanns und Karl Krolows Gnaden, wobei er das Ziel, eine überragende Bedeutung, die etwa der Peter Huchels vergleichbar wäre, nicht erreichte, wobei er allerdings auch nicht scheiterte. Heinz Piontek gehört heute zum Fundus unserer Lyrik, gern gesehen in jeder Anthologie, ohne daß seine Werke dazu angetan sind, Begeisterung oder Verärgerung auszulösen.

Eine etwas abgestandene Hoffnung zu sein – das ist zweifellos kein angenehmer Zustand. Ich habe den Eindruck, der Geschichtenerzähler Piontek legt es darauf an, aus einer solchen Fixierung auszubrechen. Zumindest ließe sich damit manche Spannung erklären, die seinen neuen, zweiten Prosaband –

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Heinz Piontek: „Kastanien aus dem Feuer“, Erzählungen, Kurzgeschichten, Prosastücke; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 218 S., 16,80 DM

– kennzeichnet. Erzählungen – Kurzgeschichten: Ich möchte kein Fanatiker literarischer Distinktionen sein, doch es ist interessant, daß in der Anordnung des Bandes zwischen beiden Erzählformen nicht weiter unterschieden wird.

Piontek greift, wie es sich für einen shortstory-Schreiber ziemt, hinein ins volle, gegenwärtige Menschenleben. Er schildert Situationen, die – sieht man von den Geschichten „Verlassene Straßen“ und „Auf dem Lande“ ab – keine harte dramatische Zuspitzung erfahren, die dennoch die Verlorenheit des Menschen in der modernen Welt dartun.

Den Hintergrund bilden durchschnittliche, ungute Verhältnisse: Das Leben eines Angestellten im Office einer Luftfahrtgesellschaft, der in seinem Leben die rechte Chance verpaßt hat, einmal und immer – „das Tor zur Welt“ (so der Titel der Geschichte) blieb ihm verschlossen. Die Empfindungen eines Literaten, der von Kongreß zu Kongreß reist – auf der Flucht vor dem Gefühl seiner Unfähigkeit und der Erinnerung an seine tote Frau; die Tiefe seiner Seele wird aufgerissen, als er die Liebesbegegnung einer Pianistin namens Undine mit einem erfolgreichen literarischen Kollegen beobachtet. Die Spannungen zwischen einem unfreiwilligen und erfolglosen Unternehmer und seiner Frau; über ihrer Autofahrt zu zweit liegt der Schatten eines Toten; der Vater der Frau, kraftstrotzender und entsprechend grober Geschäftsmann, ist auf dieser Strecke tödlich verunglückt – nicht ohne Schuld seines Schwiegersohnes. „Die Traurigkeit in eines Bären Brust“ ist zu spüren, wenn für einen jungen Mann, der mit der Welt nicht fertig wird, eine Liebelei sich in Bindung verwandelt.

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