Von Theo Löbsack

Kann das Wetter krank machen? Stimmt es, daß Druck, Zusammensetzung, Feuchtigkeit und elektrische Ladung der Luft, Stürme oder plötzliche Temperaturänderungen den Menschen in seinem Wohlbefinden und seiner Aktivität beeinflussen? Gibt es die sogenannte Wetterempfindlichkeit, über die gegenwärtig viel häufiger geklagt wird als früher? Wetterempfindlichkeit gibt es und gab es schon seit eh und je. Vor über 2000 Jahren wies bereits der griechische Arzt Hippokrates auf den Zusammenhang zwischen Wetter und Gesundheit hin. Und Berichte über Menschen, die sich seltsam erregt verhalten, wenn der Föhn von den Alpen her weht, der Schirocco in den Mittelmeerländern, der Chamsin in Israel oder der Chinook auf dem amerikanischen Kontinent, sind jahrhundertealt.

Gewiß, der Föhn ist oft eine billige Entschuldigung dafür, daß man sich gehenläßt, faul oder schlecht gelaunt ist, aber es gibt auch objektive Befunde: Während des Föhns steigt die Zahl der Verkehrsunfälle, mehr Menschen sterben, epileptische Anfälle häufen sich und die Notrufe nach ärztlicher Hilfe nehmen zu. Für den Skeptiker, der dies alles mit psychosomatischen Reaktionen erklären will, hat Professor H. Ungeheuer ein rein physiologisches Beispiel aus der Tierwelt bereit: Der Zuckergehalt in Stierspermien erhöht sich bei Föhn um fünf Prozent.

Das Beispiel Föhn beweist, daß die Behauptung, Mensch und Tier reagierten physisch und psychisch auf bestimmte Wetterlagen, nicht aus der Luft gegriffen ist. Wetter kann Unwohlsein und Krankheit auslösen, daran besteht heute kein Zweifel mehr.

Die meisten Wissenschaftler, die sich mit diesem Problem beschäftigen, bezweifeln auch nicht, daß die krankhafte Reaktionsbereitschaft der Menschen auf wetterbedingte Reize zugenommen hat. Der Grund dafür soll in unserer fortschreitenden Naturentfremdung liegen, wodurch uns immer weniger Gelegenheit zur Abhärtung gegeben wird. Der Mensch hat sich viele Fähigkeiten zur Anpassung an widrige Umweltbedingungen verloren. Aber er fand gleichzeitig Mittel und Wege, sich von solchen Widrigkeiten unabhängig zu machen. Vor Kälte schützt uns der Ofen und vor der Erkältung die Vitamintablette. Gegen Wetterempfindlichkeit freilich ist die Wissenschaft noch ziemlich machtlos, weil niemand mit Sicherheit weiß, wie das Wetter krankheitsauslösend wirkt.

Ein Forschungsinstitut in Westdeutschland, das sich besonders eingehend mit der praktischen Seite dieser Fragen beschäftigt, ist die Medizin-Meteorologische Beratungsstelle des Deutschen Wetterdienstes in Bad Tölz. Unter Leitung von Dr. H. Brezowsky sind hier Untersuchungen angestellt worden, die etwas Klarheit in das komplexe Problem bringen.

Brezowsky und die meisten seiner Fachkollegen sind der Meinung, daß es das vegetative Nervensystem ist, an dem das Wetter seinen Hebel ansetzt. Dieses System steuert und überwacht die unbewußten Tätigkeiten unseres Körpers, zum Beispiel den Blutkreislauf, die Verdauung und die Arbeit der Drüsen. Es besteht aus zwei sich gegenseitig kontrollierenden Teilen: dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem – wo das eine hemmend auf eine Körperfunktion wirkt, regt das andere an. Während nun beim gesunden Menschen Sympathicus und Parasympathicus in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen, ist ihr Gleichgewicht bei den wetterempfindlichen Menschen gestört. Ihr vegetatives System kann die überhöhten Anforderungen eines Wetterreizes nicht mehr so rasch und so vollständig ausgleichen, wie es notwendig wäre.