Die Geschichte der Dichtung gleicht in vielem der Geschichte der Religion. Außerordentliche Menschen wecken durch ihre Person, ihre Werke ein Bedürfnis der Verehrung, das sich bis zur Anbetung steigern kann. Man stiftet ihnen Kirchen und Kapellen, ihr Leben wird zur Legende, auf dem Schauplatz ihres Daseins erheben sich Tempel, hinter denen die armselige Wirklichkeit verschwindet. Der tote Heilige oder Dichter gehört nicht mehr sich selbst, sondern der Nachwelt. Seine Kanonisierung ist mit Täuschungen verbunden, die die historische Wahrheit oft auf lange hinaus verdunkeln. Die Literaturgeschichte ist ein Labyrinth voller Irrgänge und Verliese, in denen immer wieder. Großes vergessen oder zertreten wird, aber aus Ungerechtigkeit und Verkennung oft wieder Großes entsteht.

Das Eindringen Shakespeares in die deutsche Literatur ist ein Beispiel dafür. Hundertfünfzig Jahre nach seinem Tod erlebte er in Deutschland eine Entdeckung, die erst seinen Weltruhm begründete und von der sein Übersetzer August Wilhelm Schlegel sagte, Shakespeare sei von den Deutschen „wie ein obgleich in der Fremde geborner Landsmann“ aufgenommen worden, weshalb man ihn noch heute gern den „dritten deutschen Klassiker“ nennt.

Es war aber nicht der wirkliche Shakespeare, den man damals entdeckte, sondern ein Mythus, dem man seinen Namen gab.

Der junge Herder, der diesen Mythus begrünlete, konnte sich auf englische Vorgänger berufen, steigerte aber ihre Hinweise zu einer nur in Deutschland möglichen Begeisterung. Sein Aufsatz über Shakespeare, als Zusammenfassung seiner Gespräche mit Hamann und Goethe 1773 gedruckt, legte den Grund zu einer neuen Auffassung des dichterischen Schaffens. Er kannte

Shakespeare nur aus der Lektüre und sah in ihm eine nur mit Ossian und den Liedern der Edda zu vergleichende Offenbarung des nordischen Geistes, einen Naturdämon, von dem er als ein zur Nachfolge aufrufender Apostel in dichterischen Bildern sprach. Vor allem „King Lear“, „Othello“, „Macbeth“ und „Hamlet“ hatten es ihm angetan, und er pries ihren Verfasser als „Dolmetscher der Natur in all’ ihren Zungen“, als einen Weltschöpfer, dessen Werke nichts mit Literatur zu schaffen hätten. Sie seien „lauter einzelne im Sturm der Zeiten wehende Blätter aus dem Buch der Begebenheiten, der Vorsehung der Welt“, die Hinterlassenschaft eines Genius, der eine zweite Welt hervorgebracht, sein Gesetz in sich selbst getragen habe. „Wie vor einem Meere von Begebenheit, wo Wogen in Wogen rauschen, so tritt vor seine Bühne. Die Auftritte der Natur rücken vor und ab; würken ineinander, so disparat sie scheinen; bringen sich hervor und zerstören sich, damit die Absicht des Schöpfers, der alle im Plane der Trunkenheit und Unordnung gesellet zu haben schien, erfüllt werde ... und das Ganze mag jener Riesengott des Spinosa ‚Pan! Universum!‘ heißen.“

Zu diesem Naturdämon namens Shakespeare bekannte sich auch der junge Goethe. In seiner exaltierten „Rede zum Shakespeares-Tag“ vom Oktober 1771 nahm er Herders Ton auf, stellte den Briten als zeitlosen Koloß der jämmerlichen Gegenwart gegenüber und rief in wildem Enthusiasmus: „Natur, Natur! Nichts so Natur als Schäckespears Menschen!“

Er sprach aber bereits unverhohlen in eigener Sache, seine Rede war im Grund ein Monolog, in dem er sich über sein eigenes Wollen Rechenschaft gab. Er redete Shakespeare als „meinen Freund“ an und betonte ausdrücklich, er habe noch wenig über ihn gedacht; die erste Seite, die er von ihm las, habe ihn ihm für immer zu eigen gemacht, und nach der Lektüre des ersten Stücks habe er wie ein Blindgeborner dagestanden, dem das Augenlicht geschenkt wurde. Als Grundthema hörte er aus diesen Dramen den Konflikt des Individuums mit dem Schicksal heraus. „Seine Pläne sind nach dem gemeinen Stil zu reden keine Pläne, aber seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt, den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat, in dem das Eigentümliche unseres Ichs, die prätendierte Freiheit unseres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.“