„Manchmal mußten wir massiv werden“

Euthanasie-Prozeß in Limburg

Limburg

Bis vor wenigen Tagen war im Limburger Euthanasie-Prozeß den beiden Oberstaatsanwälten Zinmal und Wenzge wenig Erfolg vergönnt gewesen: In zwei Monaten mit insgesamt siebzehn Verhandlungstagen hatte der Prozeß gegen den Angeklagten Dr. Hans Hefelman zwar glänzendes Material für die Archive der Historiker zutage gefördert, aber kaum stichhaltige Beweise für die Anklage. Sie war auf den Euthanasie-Professor Heyde vorbereitet gewesen, der sich vor Prozeßbeginn das Leben genommen hat. In seinem Schatten schrumpfte Hefelmann zu einem mittleren Rädchen in der Vernichtungsmaschiniere. Umfangreichster Anklagepunkt ist die Ermordung von 70 000 Erwachsenen innerhalb der „T-4-Aktion“, mit der Hefelmann nie etwas zu tun gehabt haben will.

Dafür gilt er als Organisator des „Reichausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“. Unter dieser Firmenbezeichnung wurde in der „Kanzlei des Führers der NSDAP“ die Ermordung der geistig oder körperlich behinderten Kinder betrieben. So hart nennt Hefelmann das allerdings nicht, denn seine Motive bei der „Einschläferung“ waren „rein ethischer Natur“. „Ich bin nie im Zweifel darüber gewesen“, sagte er, „daß ich mich im rechtlichen Sinne und in Fragen der Humanität richtig verhalten habe.“

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Seine Gelassenheit zu erschüttern, bemühten sich die Staatsanwälte siebzehn Tage lang vergebens. Während sie die Vernichtungsaktion eine „wohlbedachte Irreführung“ nennen, bei der Hitler sich die Parteidisziplin zunutze gemacht habe, bezeichnet Hefelmann die Tötungen als „völlig legalen Verwaltungsakt“. Erleichterung in dem zähflüssigen Verhandlungsverlauf verschafften auch die ersten Zeugen nicht.

Von sechs geladenen erschienen zwei überhaupt nicht, einer verweigerte die Aussage, weil ihm in der gleichen Sache noch ein Verfahren bevorstand. So halten es die Euthanasie-Täter, die noch bekannt sind, in der Regel. Ein ehemaliger Adjutant des Führers, heute schwerhörig und senil, brachte das Gericht lediglich zum Lachen. Opfer, die noch reden könnten, gibt es nicht. So konnte Hefelmann bisher die Fäden der Verhandlung souverän in der Hand halten, während den Geschworenen nicht selten die Verzweiflung in den Augen stand. Einer von ihnen bekam Gallenkoliken, ein Ersatzmann mußte einspringen.

Die Ahnung, daß Hefelmann vielleicht nicht immer nur „das Gute“ gewollt hat, bestätigte zum erstenmal nach zwei Monaten in dieser Woche der Zeuge Richard von Hegener, einst Sachbearbeiter im Vorzimmer Hefelmanns in der Kanzlei des Führers (KdF) und heute Angestellter einer Hamburger Werft. Er stellt dem Gericht seine Sachkenntnis gern zur Verfügung. Denn rechtskräftig verurteilt hat ihn bereits ein Gericht der DDR. 1956 wurde er begnadigt. Die Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik braucht er nicht zu fürchten. Schon rund fünfzehnmal wurde er zum Euthanasie-Komplex vernommen.

Richard von Hegener führte im „Reichsausschuß“ die Kasse, bearbeitete die Meldebögen, auf denen die Amtsärzte und Hebammen die Geburten mißgebildeter Kinder melden mußten, und beaufsichtigte zusammen mit Hefelmann die Ärzte, die die Kinder durch Spritzen oder „herz- und kreislaufstörende“ Tabletten „erlösten“. In seine Arbeit wurde er von Hefelmann eingeführt, von dem er sagt: „Er war derjenige, der sich in der KdF mit der Kinder-Euthanasie befaßte und ihre Verwirklichung anstrebte.“ Durch die „verhältnismäßig kurze Willenskundgebung des Führers“, der mit Erlaß vom 1. September 1939 zur Gnadentötung von unheilbar Kranken ermächtigt hatte, fand von Hegener seine Arbeit im Reichsausschuß hinreichend legitimiert. Ob Staat oder Partei die Verantwortung für die Aktion trugen, darüber hat er sich „persönlich keine Gedanken gemacht“.

Daß er und sein Vorgesetzter dennoch Zweifel gehabt haben müssen, bestätigt ein Vorfall, der dem Zeugen vorgehalten wurde: Zu Beginn des Jahres 1944 wandte sich ein Leutnant an das baden-württembergische Gesundheitsministerium und bat um Tötung seines mißgestalteten Kindes. Ein Ministerialrat wandte sich daraufhin besorgt nach Berlin und bat den Reichsausschuß um Hilfe. Von Hegener beantwortete diese Bitte am 22. April 1944 abschlägig und schrieb: „Es darf keinesfalls zugegeben werden, daß staatlicherseits solche Maßnahmen getroffen werden.“ Die Arbeit des Reichsausschusses sei streng geheim gewesen, erklärt der Zeuge. Denn in der Öffentlichkeit galten immer noch jene Gesetze, nach denen Tötung strafbar war.

Vom Beginn der Aktion bis zum Ende des Krieges erhielt von Hegener mit der Post täglich zwischen zehn und vierzig Meldebögen der Amtsärzte. „Ich sortierte sie grob und warf die weg, bei denen übereifrige Amtsärzte nur einen Daumen zuviel oder einen Zeh zuwenig gemeldet hatten. Das war dann Makulatur. Damit hätten wir uns bei den Gutachtern nur lächerlich gemacht.“ Übrig blieben seiner Meinung nach „unheilbare Krüppel und Idioten“. Den Eltern wurde angeboten, ihr Kind „zur Ausschöpfung der letzten Möglichkeiten zur Behebung seines Zustandes“ in eine Kinderfachabteilung einzuliefern. Als Gründe für die „Anstaltspflege“ gab von Hegener an, die Eltern sollten von der „seelischen Belastung befreit und zur Zeugung weiterer Kinder ermutigt werden“. Daß das Ziel des Reichsausschusses die Tötung des Kindes war, wußten weder die Eltern noch der Amtsarzt. „Sie hatten keine Ahnung und sollten auch keine haben.“

Was der Angeklagte Hefelmann schon immer beteuert hatte, bestätigte auch sein früherer Mitarbeiter: „Jawohl, die Eltern waren in den meisten Fällen gern bereit, uns das Kind zu übergeben. Die Kosten trugen wir ja.“ Auf die Frage, ob manche Eltern nach dem Tod des Kindes nicht protestiert hätten, sagte er: „Die Eltern haben sich außerordentlich einsichtig oder sogar erfreut gezeigt.“ Und ein andermal meinte er: „Vielleicht weinten sie ein bißchen. Aber die Entscheidung wurde ihnen abgenommen.“ Gezwungen sei jedoch niemand gewesen, sein Kind abzugeben.

Richard von Hegener ist aber auch bereit, das Gegenteil einzuräumen, als ihm die Anklage Briefe des Reichsausschusses präsentiert, unterschrieben von Hefelmann, gerichtet an einen Amtsarzt und ein Arbeitsamt: Der Arzt wurde gebeten, die Gründe zu prüfen, mit denen sich die Mutter eines geistig behinderten Kindes widersetzte, ihr Kind der Pflege des Reichsausschusses zu übergeben. Das Arbeitsamt wurde gebeten, die Angaben zu prüfen. Die notung ubernesen sie den Austersaterten die in der Regel jung und von Hefelmann und seinem Mitarbeiter vorher sorgfältig ausgesucht waren. Die Namen erhielten sie vom Referatsleiter für „Heil- und Pflegeanstalten“ im Reichsinnenministerium. Bevor sie mit den Zielen des Reichsausschusses vertraut gemacht wurden, forderte Hefelmann über die Ärzte ein politisches Führungszeugnis von der zuständigen Gauleitung an. „Wenn ein Arzt irgendwelche Hemmungen hatte, das von uns an ihn herangetragene New land zu betreten, dann wurde er auch nicht gezwungen“, meinte von Hegener. Er kann sich jedoch nur an einen einzigen Arzt erinnern, der die Mitarbeit strikt verweigert hatte.

Die Kinderfachabteilungen des Reichsausschusses, von denen bei Ende des Krieges etwa siebzehn existierten, waren in normalen Krankenhäusern untergebracht. Monatlich schickten die Tötungsärzte eine Liste nach Berlin, auf der die Zahl der Gestorbenen angegeben war. Auf diese Weise übersah von Hegener, in welcher Abteilung Betten frei waren. Nicht alle eingelieferten Kinder starben, meinte der Zeuge, aber die meisten.

Transport und Behandlung zahlte der Reichsausschuß. Da Geld reichlich zur Verfügung stand, die Kinder jedoch nicht viel verbrauchten, wurden mitunter auch einmal die Räume einer Abteilung neu gestrichen, „damit es ein bißchen netter aussah“.

Die Zahl der gemeldeten Kinder schätzt Richard von Hegener auf 40 000 bis 50 000, die der getöteten auf knapp 5000 bei Ende der Aktion.

Nina Grunenberg

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