Eine der steilsten Schauspieler-Laufbahnen unserer Tage ist in der Mitte des Lebens beendet worden. Vor Jahresfrist war Klaus Kammer offiziell arriviert, als ihm der Preis „Junge Generation“ von der Stadt Berlin zugesprochen wurde. Noch keine 35 Jahre alt, trug er schon den Titel „Staatsschauspieler“ – äußerer Ausdruck einer künstlerischen Leistung, deren zuletzt unheimlicher Anstieg sich entscheidend in Berlin, im Rahmen der Barlog-Bühnen, vollzogen hat.

Als Typ war Kammer ein jünger Mann aus unserer Zeit. Sein Peter, Partner der Anne Frank in ihrem dramatisierten Tagebuch, zeigte das scheue Lächeln und die unterspielte Liebe eines jungen Menschen, der seine Gefühle nicht leicht preisgibt.

Laut, tobend, beleidigend brach die verletzte Seele auf in John Osbornes Jimmy. Die Jugend im Zuschauerraum hörte weniger auf den Wortlaut dieser Anklage gegen englische Verhältnisse. Man spürte in Kammers „Blick zurück im Zorn“ jene Innenspannung, die eine weit verbreitete Enttäuschung und Ziellosigkeit heutigen Jungseins ausdrückt.

Schon im Hamburger Thalia-Theater, wo ihn Boleslaw Barlog sah und engagierte, war Klaus Kammer aufgefallen. In „Picnic“ von William Inge hatte er dort einen jungen Mann gespielt, der durch seine Triebhaftigkeit die Frauenwelt in Verwirrung und sich selber in ausweglose Schwierigkeiten bringt. Dabei wurde deutlich, daß Kammer ein Nervenschauspieler war, geladen mit explosivem Temperament.

Seine Berliner Laufbahn seit 1955 bedeutete dann einen Weg vom Gefühl zur Form, von der nervösen Eruption zum Geist. Dabei konnte sich Kammer der Anerkennung auch so bedeutender Regisseure wie Willi Schmidt und Fritz Kortner erfreuen.

Der große Uraufführungserfolg von Leopold Ahlsens „Raskolnikoff“-Dramatisierung (1960) durfte zu einem wesentlichen Teil auf das Konto Kammers verbucht werden. Da wurde in der tragenden Gestalt plötzlich reiner Dostojewskij sichtbar. Kammer machte, ohne sich im „Typ“ zu verändern, intimste Gedankenentwicklungen sichtbar.

Wegen ähnlicher Konzentration der dramatischen Figur war Klaus Kammer in einem halben Dutzend „Andorra“-Vorstellungen, die ich gesehen habe, Max Frischs bester Andri. Indem der Schauspieler mehr und mehr das Fatum, die tiefe Wesensbestimmung jeder Gestalt aufspürte, konnte er ihre peripheren Äußerungen um so breiter, oft brillant ausfächern.