Pilze, Plastik, Zelte

von Aufn.: Moniquc Jacot

Von Silvia Kugler

Der Strom der Besucher zur Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne – Expo 1964 – hat eingesetzt. In der ZEIT Nr. 18 gaben wir einen ersten Überblick über den „Schweizer Spiegel“ am Genfer See und untersuch; ten, ob er seinem Anspruch, eine Manifestation zu sein, gerecht wird, oder doch nur Mustermesse ist. Und da die vorletzte Expo, die „Landi 39“, auch auf architektonischem Gebiet anregend und stilbildend gewirkt hatte, haben die Initiatoren diesmal wieder namhafte Architekten zur Mitarbeit aufgefordert. Wir baten eine Schweizer Architektin und Architekturkritikerin, diese Hallenkonstruktionen und Bauten zu schildern, die das Bild der „Landi 64“ prägen, die jedoch verschwinden, wenn im Herbst die Expo ihre Tore schließen wird.

Was fällt auf in Lausanne? Es gibt nur eine Antwort: Plastik Das künstlich hergestellte und bisher meist unangenehm künstlich wirkende Material wird Menschen mit Gefühl für Struktur hier zum erstenmal sogar sympathisch, denn man hat endlich darauf verzichtet, ihm eine falsche Fassade aufzukleben. Man zeigt den Kunststoff so roh, so echt in seiner synthetischen Natur wie nur möglich.

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Ich begegnete diesem Plastik dort zuerst als Dachhaut: Sie legt sich unsichtbar-sichtbar, eher als Lichtfilter denn als Bedeckung wirkend, über die derben Holzträger der ideell wichtigsten Pavillons: Unter den spitzen Dächern wird der „Weg der Schweiz“, wird Demokratisches gezeigt. Und Plastik ist der Hintergrund der ersten Halle, die den Auftakt zur Begegnung mit dem Vaterland bildet. Aus den milchig stumpfen Plastik-Bahnen, aus senkrechten Holzstützen und einer alten hölzernen, rieselnden Wasserleitung wurde ein Raum unter freiem Himmel geschaffen, der ohne peinlichen Patriotismus viele Schweizer anrührt: denn er ist ebenso herb und karg wie er selbst.

Der Verzicht auf traditionelle Materialien, auf vorgetäuschte Bruchsteinmauern oder handgeschnitzte Balken und der Griff zu völlig neu konzipierten Konstruktion von Wänden und Bedeckungen sind für die „Expo 64“ in Lausanne typisch. Wollte man einen „Stil“ feststellen, so fände man ihn hier – es sei denn, man zöge ihm den schwerelosen Zirkushimmel aus Plastik vor, der seine raffiniert aufgeteilten Dächer über die Ausstellungshalle „Waren und Werte“ schwingt. Rote Stützen tragen die zarten und durchscheinenden Pilze, die der junge Basler Ingenieur Roßdorf in Monate langer Laboratoriumsarbeit entwickelt hat. Auch diese besonders zierlichen Pilze, unter dem Filigran gespannter Drahtseile, sind typisch für den Stil dieser Exposition: Konstruktion, mit denen ein intelligenter Ingenieur ein akrobatisches Ausstellungsspiel treibt.

Drahtseile sind das zweite auffallende Element der Expo. Man sollte bei der Ankunft in der neugebauten Gare, dem Ausstellungs-Bahnhof der Schweizerischen Bundesbahnen, nicht allzu eilig sein. Ein paar Schritte auf den Parkplatz genügen, um den eleganten Schwung des Bahnsteigdaches wahrzunehmen. Es ist an einem Netz von Stahltrossen, die wiederum mit einer Rohrkonstruktion verstärkt sind, aufgehängt. Ein paar schwere Betonlager geben dem Gespinst das Erdgewicht. Drahtseile halten auch die unzähligen Gemeindefahnen, die ein flatterndes Zelt und den Abschluß, der spitzgiebligen Multicellulaire am Hauptwege bilden. Drahtseile verankern die gesteilten, schon etwas formalistischen Segel der Restaurants im Hafenviertel an ungeheuren Betonklötzen.

Als drittes: Die Freude an der Bewegung. Sie beginnt gleich hinter den Eingangs-Schranken. Das Tele-Canape, ein kleines Bähnchen, wird über zwei, sich stets schneller drehende Drehscheiben betreten und verlassen, was Sensible in ein leichtes Schwindelgefühl versetzt. Möglich, daß sie dann der Inkarnation der Bewegung nicht mehr ganz klaren Kopfes begegnen: Der Altmetallplastik des Künstlers Tinguely. Sie möchte – schiebend, tretend, rollend, klingelnd, stampfend – so etwas wie ein Perpetuum mobile sein, und überraschenderweise wirkt sie bei längerem Betrachten sogar attraktiv.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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