Kürzlich waren gute Freunde aus Deutschland in London. Was ihnen auffiel, waren nicht unsere neuen Wolkenkratzer, es waren die Teenager. Meine Freunde meinten, die Londoner Jugend benehme sich geradezu „shakespearehaft“, und man müsse das Bild, das man sich auf dem Kontinent gemeinhin von ihnen mache, mächtig korrigieren. Da zögen also Londons Teenager mit Gesang und Tanz durch Westend und seien überhaupt außer Rand und Band. Wo sei da eigentlich die englische Steifheit und Kühle geblieben?

Der Ausdruck „shakespearehaft“ war gut; schließlich war Shakespeare ein Volksschriftsteller, der die Menschen seiner Epoche beschrieben hat. Es waren die Ahnen der jungen Leute von heute: abenteuerlustig und leidenschaftlich. Weshalb sollten diese Charakterzüge gänzlich verschwunden sein? Cromwell und die Königin Victoria konnten Lebenslust nur immer für eine Weile dämpfen – wobei man sich über den Begriff von Lebenslust kaum streiten kann, höchstens über den Geschmack bei der Ausübung.

Ich will hier nicht wieder von den „Mods“ und den „Rockers“ reden, auch nicht von den Beatles, denn die vier Musikanten sind nun offenbar dabei, passé zu werden. Eine junge Dame erklärte mir den Grund: Die jungen Leute liebten nur noch Popsänger, die nur für sie singen. Sobald diese Sänger von den Erwachsenen, den Squares, gestohlen und akzeptiert werden, lasse die Gefolgschaft der Jugend spontan nach, denn:-Eltern und Kinder könnten nicht am selben Schrein anbeten. Daher auch die dumpfe Wut gegen die Squares. Von dem Mädchen Nora erfuhr ich, die Beatles verdienten jetzt soviel „Erwachsenengeld“, daß sie die Gefolgschaft der Teenager nicht mehr brauchten: „Es ist schwer, die Beatles noch zu lieben, wenn die ganze Welt sie auch liebt.“

Aber auch die Eltern fühlen sich ein bißchen betrogen. Kaum, so sagen sie, hätten sie sich bemüht, Popmusik zu verstehen und die Beatles mit einem Hauch bürgerlicher Respektabilität zu umgeben, da wolle die Jugend nicht mehr und suche nach neuen Idolen. Nach Ansicht des englischen Nachwuchses seien die Beatles ein Symbol menschlicher Schwäche: Sie tragen erstens Schlips und Kragen; zweitens gehören Eltern, Chefs, Politiker und selbst gekrönte Häupter zur Anhängerschaft, und Prinz Philip unterhält sich öfter mit ihnen. Auch anderen Popsängern, wie Cliff Richard und Tommy Steele, paßten sich dem Geschmack der Erwachsenen an. Teenager, die früher zu kreischen anhüben, wenn man bloß Namen nannte, würdigen die früheren Idole heute keines Blickes mehr.

Das wirkt sich natürlich auch wirtschaftlich aus, zuerst auf dem Plattenmarkt. Er wird von den Teenagern diktatorisch beherrscht, und wenn der Name eines Popsängers nicht oft genug unter den zwanzig Bestsellern zu finden ist, kann der Sänger seinen Beruf wechseln. Natürlich, bei den Beatles ist das noch nicht soweit, weil sie, geschäftstüchtig wie sie sind, erkannt haben, wie man zwischen Teenager- und Erwachsenengeschmack pendeln kann. Doch das genügt schon, um von ihresgleichen um neuer Musikanten willen mißachtet zu werden. So wird jetzt eine neue Gruppe angebetet, die, wie die Beatles, aus Liverpool kommmen: „The Rolling Stones“, fünf wuschelige junge Männer, die bei ihren Zuhörern eine merkwürdige Mischung von Zuneigung und Abscheu erregen. Man möchte ihnen den Hals umdrehen und sie gleichzeitig beschützen. Die Mädchen sehnen sich danach, ihnen die Haare zu kämmen, sie zu waschen und zu pflegen; die Jungen hingegen lieben „die rollenden Steine“, weil ihre Musik eine Mischung von Twist und Blues und „das Smarteste unter den Sternen“ ist.

Von den Erwachsenen freilich werden die fünf Sänger aufs äußerste verabscheut – vermutlich, weil sie das Gegenteil von Maskulinität verkörpern und jegliche männliche Konvention verhöhnen. Sie sind sehr salopp gekleidet, tragen keine Krawatten, dafür mit Vorliebe lila Hemden. Die Haare legen sich auf den Rockkragen und geben den Gesichtern das Aussehen von Neandertalern. Die „Steine“ haben Erfolg bei den Teenagern, weil sie nicht bürgerlich sind.

Teenager sind big business, und es ist klar, daß auch die Unterhaltungsindustrie die Popsänger nicht nur auf gut Glück produziert, sondern sich vom „Consumer Committee for Teenager“ beraten läßt. Nun, alles ist berechenbar, nur nicht die Wankelmütigkeit des jugendlichen Publikums. Daß es.sich gegen die Erwachsenenwelt stellt, war schon vor Shakespeare bekannt; heute kritisieren die jungen Leute nicht nur, wenn sie über den Zustand der Welt herziehen, heute haben sie auch. Geld, um ihren Protesten Nachdruck zu geben.

HMO