Oksar Maria Graf zum Gruß

Von wenigen bemerkt lebt seit einigen Wochen Oskar Maria Graf in Deutschland. Er ist von New York herübergekommen, um an der Tagung der Akademie der Künste in Berlin teilzunehmen, zu deren ältesten Mitgliedern er zählt, und um seinen Geburtstag, den siebzigsten, in München zu begehen. Graf kommt zurück als ein fast Unbekannter. Während die Welt ihn kennt, seine Werke in fast alle Kultursprachen übersetzt wurden — soeben bringt Polen vier Bücher von ihm heraus —, sucht man in Deutschland Buchhandlungen und Bibliotheken vergeblich nach seinen Werken.

Oskar Maria Graf ist Bayer von Geblüt, ein Bäckerssohn aus Berg am Starnberger See. Als Siebzehnjähriger bricht er aus, geht nach München, ist Liftjunge, Plakatausträger, Müller, Bäcker, Postaushelfer, schreibt erste Gedichte, erhält ein Stipendium, findet Anschluß an die revolutionären und anarchistischen Kreise, wird von Rilke gefördert, gerät mitten im Ersten Weltkrieg in Konflikt mit der Armee, flieht aus Rußland nach München, wo er sich dem revolutionären Kreis um Mühsam, Toller, Landauer anschließt, ruft mit Eisner zusammen die Republik aus, und geht schließlich, nach dem Scheitern der Revolution, als Dramaturg an eine Arbeiterbühne, wo seine lebenslange Freundschaft mit Bert Brecht beginnt. Erst spät kommt Graf zur Literatur, mit ein paar Malerbiographien debütiert er, bis schließlich Wieland Herzfelde das Manuskript der Autobiographie entdeckt.

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Es folgen wenige Jahre des Ruhms, die 1933 jäh enden, als Hitler zur Macht kommt, Hitler, der schon 1927 in einem Leitartikel im „Völkischen Beobachter" gedroht hatte, man halte für den „Kriegsdrückeberger, der aus dieser Schande von einem schamlosen Judenpublikum hochgelobt und mit schwindelnden Honoraren bedacht wird, den Galgen bereit". Wider Erwarten kam Graf jedoch nicht an den Galgen — ihm gelang die Flucht nach Wien —, sondern auf die „Weiße Liste" der zu fördernden Autoren. Seine Bauernromane sind zwar alles andere als Blut und Boden Literatur, aber auf den ersten Blick schienen sie genehm.

Am 11. Mai 1933 veröffentlichte Graf in der „Wiener Arbeiter Zeitung" den Aufruf, der sofort die Runde machte: „Verbrennt mich In den Feuern, die die Werke aller seiner Freunde verzehrten, sollten auch seine Bücher einen ehrenvollen Tod sterben; er habe immer die Wahrheit geschrieben und es nicht verdient, ausgenommen zu werden. In deutscher Korrektheit veranstaltete man daraufhin in München ein privates Autodafe, Grafs Bücher wurden aus der deutschen Literatur gestrichen und sind in ihren Bestand nie wieder aufgenommen worden.

Jahre des Exils in der Tschechoslowakei, in Rußland und schließlich in den Vereinigten Staaten, weitere zwanzig Jahre des Wartens auf die amerikanische Bürgerschaft. Als Deutschland schließlich wieder offen ist, sind neue Namen, neue Ansichten, neue Stile durchgedrungen. Aber in Amerika beginnt die Wirkung seiner Schriften. Dort hat er seinen Verleger, dort werden Dissertationen über sein Werk verfaßt, dort macht man ihn zum Ehrendoktor.

Und doch möchte Oskar Maria Graf zurückkehren. Die Stadt, die ihn am meisten anlockt, ist Berlin. Er kennt es aus den zwanziger Jahren, wo er hier mit Leonhard Frank, Franz Jung, Mühsam und vielen anderen revolutionär orientierten Schriftstellern zusammengearbeitet hat. Berlin ermöglicht ihm Kontakt mit beiden Teilen Deutschlands, und in diesem Klima glaubt der Siebzigjährige die günstigsten Arbeitsbedingungen zu finden.

Arbeit und Pläne gibt es genug. Der große Emigrationsroman „Der Abgrund" soll umgeschrieben und als „Der Weg in den Schrecken" neu ediert werden; unter dem Titel „Gelächter von außen" wird eine Auseinandersetzung mit Deutschland vorbereitet, und schließlich soll die Fortsetzung von „Wir sind Gefangene" erscheinen, die Autobiographie bis auf den heutigen Tag. Ob Graf von New York nach Deutschland zurückkehrt, hängt auch davon ab, ob das Land, das ihn ausgebürgert hat, es für sinnvoll hält, den Schriftsteller in würdiger Form wieder aufzunehmen.

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