Im größten Hörsaal der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen schienen die schweren Fälle einer „geschlossenen Abteilung“ ihren Kameradschaftsabend zu feiern: Ein Mann mit Gasmaske und blauer Glühbirne auf dem Kopf schleppte keuchend Säcke mit gelbem Farbpulver herbei und entleerte sie auf die Bühne des Hörsaals. Acht junge Männer wälzten sich in der Farbe. Strohballen flogen durch das Auditorium, einer der Akteure biß in einen Blumenstrauß, ein anderer sprang barfüßig über die Pulte und versprühte Tannenduft. Papierflugzeuge schwebten durch die Luft, schrille Töne, auf kleinen Trillerpfeifen geblasen, mischten sich mit sinnlosen Lautsprecherdurchsagen: „Den Speck in Streifen zerteilen und kreuzweise garnieren ... Immer noch schmeckt das Bier... Man darf die Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden...“ Auf einem Elektrokocher bruzzelte Margarine. Der Geruch des Fettes zog durch den Hörsaal. Die vom Allgemeinen Studentenausschuß an der Technischen Hochschule veranstaltete Gedenkfeier für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 war in vollem Gange.

In dem Bemühen, „eine neuartige kulturelle Veranstaltung am 20. Juli durchzuführen“, war der Kulturreferent des AStA, Valdis Abolins, an die Fluxus-Gruppe geraten, eine internationale Vereinigung junger Maler, Musiker und Poeten, die sich vorgenommen hat, 50 Millionen Menschen („Fifty Million sleeping people must be woken up!“) durch ihre Kunst zu schockieren und aufzurütteln. Ihr Rezept: „Happenings“, Ereignisse, die keinem logischen Prinzip folgen und das Publikum in die Aktionen der Schauspieler verwickeln sollen. So ließ der Kölner Fluxus-Jünger Tomas Schmit einmal bei dem Happening „sanitas nr. 79“ in Kopenhagen das Publikum ohne weitere Erklärungen einen Bus besteigen und fuhr die Zuschauer, die vielleicht irgendeine Freilicht-Aufführung erwarteten, 75 Kilometer vor die Stadt auf ein kleines Dorf, ließ sie aussteigen, und ehe sie sich’s versahen, fuhr der Bus eilig und leer wieder zurück. Indem er das Publikum, das verlassen in einem fremden, nachtdunklen Dorf zurückblieb, dazu zwang, allein wieder nach Hause zu kommen, wollte Schmit ihm „am eigenen Leib und am eigenen Geist“ sein Anliegen deutlich machen: „Leute, ihr müßt selber handeln!“

Die Fluxus-Gruppe schien dem Kulturreferenten des AStA gerade recht, mit ihren Aktionen im Auditorium maximum eine Brücke zu schlagen „zu der Aktion im Jahre 1944“. Denn, so erfuhr man aus dem Programm der Veranstaltung: „Es ist wesentlich und wichtig, die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Aktionen zu erahnen, zu sehen, zu erleben, um ihre Notwendigkeit zu erfassen.“

Der Rektor der Aachener Technischen Hochschule, Professor Volker Aschoff, hatte schon Ende Juni die „simultanen, szenisch-musikalischen Aufführungen“ in seinem größten Hörsaal genehmigt – freilich ohne zu wissen, daß als Veranstaltungstag der 20. Juli vorgesehen war, und ohne genaue Kenntnis, was im einzelnen aufgeführt werden sollte. Denn darüber pflegen die Fluxus-Künstler sich vorher auszuschweigen. Erst einige Tage vor der Veranstaltung fand Rektor Aschoff im „Aachener Prisma“, der Studentenzeitschrift der Technischen Hochschule, einen Bericht über frühere Fluxus-Aktionen. Bestürzt nahm er zur Kenntnis, daß bei derartigen Gelegenheiten einer der Künstler ein nur mit Schlagsahne bekleidetes Mädchen hatte auftreten lassen und ein anderer Glühbirnen und Cremetorten ins Publikum warf.

Von dieser Lektüre erschreckt, war Rektor Aschoff zunächst entschlossen, den Veranstaltern sein Placet zu entziehen. Nach einem Gespräch mit zwei der prominentesten Fluxus-Herren, dem Frankfurter Bazon Brock und dem Düsseldorfer Kunstakademie-Professor Joseph Beuys, schien es ihm jedoch angebracht, Toleranz zu üben und, statt die Veranstaltung in den Räumen der TH zu verbieten, sich von ihr zu distanzieren. Er machte zur Bedingung, daß die Plakate für die Veranstaltung mit einer Erklärung überklebt wurden, aus der hervorging, daß es sich um eine Gedenkfeier internationaler Künstler zum 20. Juli handele, für die der AStA die volle Verantwortung trage. Damit nicht genug, ließ Rektor Aschoff der Aachener Presse ein Kommuniqué übergeben, aus dem man entnehmen konnte, daß er den Studenten das Recht, der Widerstandskämpfer des 20. Juli – „wenn auch auf exceptionelle Art“ – zu gedenken, nicht streitig machen wolle. Überdies solle sich eine Technische Hochschule prinzipiell nicht vor neuartigen Strömungen verschließen, „auch wenn ihr Erkenntniswert nicht ohne weiteres abschätzbar ist“.

Nach derlei Vorbehalten stand dem „Happening“ am Abend des 20. Juli im Auditorium maximum der Aachener TH nun nichts mehr im Wege. Nahezu tausend Studenten füllten den Hörsaal, als die Fluxus-Gruppe mit einer Wiedergabe der Goebbelsschen Sportpalastrede und der Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ begann. Gleichzeitig hielt einer der Akteure, auf dem Kopfe stehend, eine Ansprache, ein anderer rezitierte im Publikum aus eigenen Werken, zwei weitere führten eine Bulldogge durch die Sitzreihen, die ersten Säcke mit gelber Farbe wurden auf der Bühne ausgeleert: Aktion, wohin das Auge blickte!

Bei soviel Handlung wollte auch das Publikum nicht länger unbeteiligt bleiben. Es tat, was die Fluxus-Schar von ihm erwartete: es handelte. Zunächst erklangen schrille Pfiffe, dann wurden Sprechchöre laut und schließlich strömte man zur Bühne, auf diese Weise „die distanz publikumdargestelltes aufhebend“, wie Fluxus-Schmit es als erstrebenswerte Reaktion des Publikums dargestellt hatte. Auf der Bühne war Professor Beuys unterdessen dazu übergegangen, mit Hilfe einer Flasche Salzsäure ein Klavier seinem Zweck zu entfremden. Im Gedränge fielen ein paar Tropfen auf das Hosenbein eines Studenten, der sich mit einem Fausthieb auf des Professors Nase revanchierte. Inmitten des Tumultes warf Professor Beuys, mit blutender Nase zwar, sonst aber unbeirrt, Schokoladentäfelchen unter das Publikum, während bereits die ersten, inzwischen alarmierten Polizeibeamten durch die Saaltüren schritten.

Sie brauchten nicht mehr einzugreifen, denn mittlerweile hatte der AStA-Vorsitzende Gotschlich der Feier ein Ende bereitet und die Veranstaltung vorzeitig abgebrochen. Vierzehn Kilogramm Ölfarbe, die, wie man hörte, über das Publikum entleert werden sollten, sowie 150 Tomaten und 400 Eier waren nicht mehr zum Einsatz gekommen.

Am nächsten Tag hatten auch die AStA-Mitglieder, nachdem sie sich von der nächtlichen Reinigungsaktion erholt hatten, endgültig genug: Sie distanzierten sich nun ihrerseits von der Gedenkfeier und gaben zu, daß es für einen großen Teil des akademischen Publikums eben doch äußerst schwierig gewesen sei, „dem eigenwilligen Geschehen zu folgen“. Der Chefredakteur der Aachener Studentenzeitschrift, Dietmar Spiegel, gewann dagegen der mißglückten Veranstaltung auch eine positive Seite ab. Zwar sei es bedrückend gewesen zu erfahren, daß das studentische Publikum heute auf Herausforderungen mit hilflosem Gejohle und primitiver Gewalt antworte, aber: „Es ist etwas in Bewegung geraten. Zu Wachsamkeit und Selbstprüfung rufen uns die Opfer des 20. Juli auf. Es ist zu bezweifeln, ob durch eine der üblichen akademischen Feiern ein so starker Impuls ausgelöst worden wäre.“ Und: „Wir sehen jetzt klarer.“ Peter Squenz