Von kalter Widmer

Der Herr Geheimrat in Weimar, Exzellenz von Goethe, mochte ihn nicht. Er äußerte sich nur selten und ganz obenhin über den unvertrauten Erzähler: „Er bekam mir nicht.“ Ihn zu lesen, sei Zeitverschwendung, es lohne sich nicht, sagte er zu Eckermann und nannte ihn in einem Atemzug mit zwei unsäglichen Vielschreibern seiner Zeit, Franz Horn und dem Hofrat Clauren. Nicht einmal den Titel des unbekömmlichen Werks zitiert er richtig, spricht vom „Goldnen Becher“ statt vom „Goldnen Topf“. Man bekommt heiße Ohren bei soviel Unverständnis und Überheblichkeit des Olympiers, Seine – sagen wir es rundheraus – seine neurotische Angst vor dem nicht Ausgeglichenen, vor dem Krankhaften (was er krankhaft nannte), kurz, vor dem ihm Ungemäßen, Wesensfremden verleitete ihn immer wieder zur Ungerechtigkeit. Hoffmann ist es nicht besser ergangen als etwa Heine und Kleist.

Goethe hat seine Fehlurteile 1824 und 1827 gefällt, immerhin nach E. T. A. Hoffmanns Tod, als sein Ruhm und vor allem seine Wirkung auf die Literatur, vielmehr auf die Literaturen anderer Länder, auf die Frankreichs zumal, aber auch Englands, Rußlands und Amerikas, sich bereits abzeichneten. Doch wer einmal abgestempelt ist, bleibt es. überquellende Phantasie, Engagement, Anderssein überhaupt gehen gleich als krankhaft, und Lange-Eichbaum verzeichnet denn auch in seinem „Genie, Irrsinn und Ruhm“ betitelten diagnostischen Werk einen ganzen Katalog von Urteilen über E. T. A. Hoffmann, die allesamt zu seinen Ungunsten sprechen.

Da liest man (ich zitiere auszugsweise): „Degeneriert‘ und pathologisch, wäre aber ohne dies nicht so wertvoll geworden. Chamäleonartig, zappelig, reizbar, empfindlich, schroffe Stirnmungswechsel. Trank Rotwein. Gewisse Alkoholintoleraoz... Halluzinationen, sah oft sein Spiegelbild. Angst, wahnsinnig zu werden... Disharmonisch, stark überempfindlich, ausschweifende Phantasie. Egozentrisch, ‚égotisme‘, starke affektive Leidenschaftlichkeit. Starb an Leberzirrhose und Alkohol-Polyneuritis. War Eidetiker. Alkohol steigerte die Fülle und Deutlichkeit der Anschauungsbilder. Sah dann ungewöhnliche Bilder in unnatürlicher Bewegung. Zeichnete sich selbst oft, konnte sich selbst als Anschauungsbild sehen. Daher die quälenden Spekulationen über das Doppel ich ... Eine umfassende Pathographie fehlt...“

So gesehen, bleibt freilich vom Genie nur mehr ein klinischer Rapport übrig, und alle die Imponderabilien, die just das Genie ausmachen, gehen unter in der Drastik medizinischer beziehungsweise psychiatrischer Nomenklatur. Der richtige Weg, an E. T. A. Hoffmann heranzukommen, scheint mir das nicht zu sein. Auch wird man ihm, glaube ich, nicht ganz gerecht, wenn man in ihm „einen verzückten Gaukler der Rauschphantasie“ sieht, wie Walter Muschg es tut. Mir scheint, man kann Hoffmann nur aus seiner individuellen und sozialen Entwicklung, nur auf Grund der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit näherkommen. Und da hilft uns die Erklärung des Krankhaften seines Wesens nicht viel weiter. Welcher „normale“ Mensch geht schon hin und schreibt Bücher oder komponiert Sinfonien?

Sieht man nämlich ungetrübten Blickes hin, erweist sich sein Leben und Wirken, als gar nicht so anormal, wie man es darzustellen liebt. Ricarda Hoch bescheinigt ihm einen „Überschuß an Willenskraft“ und sagt: „Er behielt bei allem Hang zur Ungebundenheit und der Lust am Abenteuerlichen, bei heftigem Abscheu gegen das Regelmäßige und Pedantische doch die Kraft, sich in die bürgerliche Ordnung zu schicken, der er hinter dem Rücken Grimassen schnitt. Obwohl ihm die Rechtswissenschaft, sein eigentlicher Beruf, zuwider war, stand er seinen Mann darin; was so selbstverständlich erscheint und was die meisten Romantiker doch nicht konnten, brachte er fertig: das als notwendig Erkannte zu tun.“ Mit einem Wort, er „suchte Rückhalt in einem bürgerlichen Amte“ und war ein gewissenhafter, zuverlässiger Beamter. Auch seine Trunksucht deutet Ricarda Huch positiv: „Wie er jedes einzelne Mal durch den Alkohol sich Konzentration verschaffte und seine Schaffenskraft steigerte, nicht bedenkend oder geringschätzend, daß eine desto größere Erschlaffung erfolgte, hat er dadurch vielleicht auch im ganzen seinem Leben größere Energie und Einheit auf Kosten der Dauer gewonnen.“

Jedenfalls hat er noch auf dem Kranken- und Sterbelager meisterhafte Novellen geschrieben, die seinen übrigen Werken in nichts nachstanden.