Bekannt geworden ist Konrad Bayer nur wenigen. Vermutlich hätte er den üblichen Erfolg auch nicht ertragen: Lektoren zu haben, Verleger, Kritiker, Bücher zu signieren, im Fernsehen aufzutreten, Einkommensteuerformulare auszufüllen, Bedeutendes schaffen zu müssen.

Was er geschrieben hat, ist nur zu einem geringen Teil gedruckt worden, und das meiste davon mehr oder minder unter Ausschluß der Öffentlichkeit, in esoterischen Zeitschriften, Reihen und Anthologien, von denen sich der normale Bücherleser nichts träumen läßt. Ein einziges dünnes Buch gibt es von ihm: die pseudo-alchimistische Dichtung „der stein der weisen“, verlegt bei Wolfgang Fietkau in Berlin. Seine montierte Biographie „vitus behring oder die theorie der Schiffahrt“ soll noch im nächsten Frühjahr im Walter-Verlag erscheinen. Und Ledig-Rowohlt, unter den Verlegern einer, der zwar einen großen Produktionsapparat bedient, dem dabei aber doch die bürokratisierten Formen des sogenannten literarischen Lebens ein Greuel geblieben sind, der sich die Sympathie bewahrt hat auch für abartigere Lebensäußerungen, wollte einen Kurz-, roman von Bayer veröffentlichen, „der sechste sinn“. Ausschnitte daraus stehen in den akzenten (1/64) und in der ZEIT (46/63); Bayer hatte sie im vorigen November in Saulgau gelesen, vor der Gruppe 47, die erstaunt war und vielleicht zu überschwenglich lobte („eine neue Kosmologie!“), als daß die Reaktion ausbleiben konnte („Kabarett!“): In diesem Jahr, in Sigtuna, soll harte Kritik an Bayer verübt worden sein.

Er gehörte zur „wiener dichtergruppe“, die sich 1952 um den Poeten Hans Carl Artmann zusammenfand – mit dem Komponisten Gerhard Rühm (dem Erfinder der Eintonmusik), mit Oswald Wiener, mit Friedrich Achleitner. Artmann, schreibt Bayer, „war mir anschauung, beweis, daß die existenz des dichters möglich ist“. Die Existenz des Dichters – es ging hier, in den Kellern und Bars Wiens, weniger um „das Werk“ und um dessen mögliche Wirkung auf irgendein Publikum; es ging um die Verwirklichung einer dichterischen Existenz, in einer unerwarteten Umkehrung des Wortes „le style est l’homme même“: das Leben ist der Stil.

Noch vor kurzem beschrieb Bayer diese Jahre der „wiener gruppe“, knapp im Times Literary Supplement, ausführlicher in einer neuen Wiener Zeitschrift mit dem Namen Werkstatt aspekte, beide Male aus gehörigem Abstand. Es wurden damals. Proklamationen verfaßt, „Tätsachen“ präsentiert, „poetische acte“ vollzogen (als erster eine Prozession durch die Straßen Wiens: „Die damen und herren der procession mögen in absolut schwarzer Kleidung und wol auch mit weißgeschminktem gesicht erscheinen. Während der procession werden die weißen blumen einer subtilen morbidität vor sich getragen wie auch herbstlich und ultimat brennende lampions und candelabres. Die melancholie eines flötenspielers geleitet den mit feierlichkeit und tiefer stille schreitenden zug... An den markantesten stellen der procession – werden passagen aus den oeuvres von Ch. Baudelaire, Edgar A. Poe, Gérard du Nerval, Georg Trakl und Ramon Gomez de la Serna im original deklamiert“), Surrealismus, .Manierismus, Lettrismus, „konkrete poesie“ wurden erkundet, es wurde Theater und Kabarett gemacht, die Liebe zur Geometrie und mathematischen Reihe entdeckt, Bayer arbeitete an Experimentalfilmen und führte die Montagetechnik in die Gruppe ein, welche nun aus Leibeskräften Texte montierte. Höhepunkt sollte die Montage über die Montage werden („ein montierter text aus einem fachbuch über montage von maschinen. Dieser text soll in der maschinenhalle einer großen fabrik verlesen werden. Wir werden Overalls tragen“). Gestört wurde die Eintracht der Gruppe, die die Kunst als „Volkssport“ betrieb, hauptsächlich durch etwaigen äußeren Erfolg – wie er, als erstem, H. C. Artmann zuteil wurde. Als Bayer sich eines Tages porträtieren ließ, wurde er „wegen unsittlichen Lebenswandels“ ausgeschlossen.

Wer will, mag diese Verrücktheiten der Gruppe als kindische oder genialische Albernheiten nehmen. Aber denkbar ist es auch, sie als die Äußerungen eines Produktionsdrangs zu verstehen, der sich von den Vergangenheiten erdrückt fühlt und keine vernünftigen Ziele mehr für sich weiß; eines Willens, der das Arrangement mit den als unzulänglich erkannten Lebensformen ablehnt.

Der Humor Konrad Bayers hatte nichts Gelöstes, nichts Abgeklärtes, er selber nannte ihn tödlich. Er entsprang der Radikalität seines Fragens und seiner Betrachtungsweise. Besonders deutlich zeigt sich das in seinen letzten Arbeiten, den Abschnitten aus dem „sechsten sinn“, in denen sich seine Eigenart wahrscheinlich am sichtbarsten ausgeprägt hat. Hier herrscht der Blick, der – auch im buchstäblichen Sinn – unter die Haut gerichtet ist, der das Geschehende aus dichtester Nähe oder weitester Ferne sieht, von innen, unwahrscheinlich vergrößert, unwahrscheinlich verkleinert, zusammen mit seiner Geschichte, zusammen mit seinen physikalischen oder anatomischen Ursachen: eben ein sechster Sinn. Ein Biß in eine alte Birne erweist sich ihm als ein Akt mit einer nicht zu bewältigenden Vorgeschichte. Im Wirtshaus klingelt eine Tischglocke – und Bayer beschreibt den verwickelten Hörvorgang. Andere Texte wundern sich darüber, daß es überhaupt Menschen gibt, daß sie alle Namen tragen, alle ein Bewußtsein haben; daß jedes Bewußtsein „ich“ heißt.

Diese Methode durchstößt die Oberfläche der Dinge (und der Sprache); das Selbstverständliche erscheint als eine trügerische Kruste; die alltägliche Sicherheit als eine Ermüdungs- und Abstumpfungserscheinung. Denn unter der Oberfläche gibt es die Welt nur als Labyrinth.