Scharfrichter Reichart ist gegen die Todesstrafe

München

Den Adenauer kann ich nicht begreifen. Ich tät’s nie wieder.“ Mit diesen Worten reagiert der letzte aus dem Geschlecht der bayerischen Scharfrichter auf die Forderung des Altbundeskanzlers nach Wiedereinführung der Todesstrafe. In der Familie Reichart war der Posten des Scharfrichters seit über 150 Jahren Tradition. Johann Reichart blickt auf eine Zahl von Exekutionen zurück, die wohl einmalig genannt werden kann – Hinrichtungen, die „legal“, unter Mitwirkung und Überwachung durch die Justiz, vor sich gegangen sind, was angesichts der unweit zurückliegenden Vergangenheit registriert werden muß. Nach 3010 Exekutionen und mit 71 Jahren ist Johann Reichart heute ein Gegner der Todesstrafe.

Hocherhobenen Hauptes trugen die Reicharts ihren offiziellen Titel „Nachrichter“, der die Vollstreckung nach dem richterlichen Urteil bezeichnet. Sie fühlten sich berufen im Beruf, und mit geradezu handwerklichem Stolz kümmerte sich Johann Reichart um die Details der Hinrichtungen. Bei der Guillotine schaffte er das Richtbrett ab, auf dem die Delinquenten angeschnallt werden sollten. In der Dunkelheit des Morgengrauens konnten die Gehilfen oft die Riemen nicht schnell genug befestigen. Auch streiften Verurteilte mit der Schulter die Augenbinde ab, die angelegt wurde, um ihnen den Anblick der Richtmaschine zu ersparen. Das geschulte Team des Scharfrichters Reichart trat in Aktion, sobald der amtierende Staatsanwalt die letzten Worte des Urteils wiederholt hatte. Der Scharfrichter riß den Vorhang zurück, der bis dahin die Guillotine bedeckt hatte. Die Gehilfen zogen dem Verurteilten die Beine weg, während sie ihm gleichzeitig die Augen verdeckten; dann wurde der Delinquent blitzschnell auf den Richtblock unter das Messer geschoben, das Reichart im rechten Augenblick mit kundiger Hand auslöste. So schnell wie möglich, so human wie möglich, lautete die Devise.

Vom Metzger zum Henker

Johann Reichart zögerte lange, ehe er, der gelernte Metzger, der in Hamburg arbeitete, das Amt des Scharfrichters von seinem Onkel übernahm. Familientradition und das Drängen der bayerischen Regierung brachten ihn schließlich dazu. Am 4. Juni 1924 führte er seine erste Enthauptung als verantwortlicher „Nachrichter“ in Landshut durch. Sie sollte gleich eine Doppelhinrichtung sein. Die der Hinrichtung vorausgehende Nacht beschreibt er so:

„Sie war fürchterlich. Ich glaube, ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan, weil es mir sehr schwer ankam, einem Menschen, was immer er auch getan haben mochte, das Leben nehmen zu müssen. Schließlich gab die Tatsache, daß eine höhere Macht mir im Namen der Staatsautorität diesen Beruf in die Hände gelegt hat, einige Beruhigung, und ich dachte, ich müsse die mir auferlegte Pflicht erfüllen. Die lange Nacht, die für mich sicher nicht weniger lang als für die Delinquenten gewesen sein mag, ging vorbei, der Tag brach an und ich mußte erstmalig dieses seltene Handwerk ausüben.“