"Was habe ich denn Schlimmes getan?"

Der Fall des judwigsburger Oberstaatsanwalts Erwin Schule / Von Dietrich Strothmann

Das Mädchen reißt die Blütenblätter einer Marg; rf te ab: ,Ich war nicht in der Partei — ich war nicht in der SA. Ich war fast in der Partei — ich war fast in der SA. Ich war in der Partei — ich war in der SA Aus dem Hinter:grund fragt jemand: ;Was machste denn da?" Antwort des Madchens: ,Ich spiele Schiile Dies war der Auftaktsketch zur letzten Kabarettsendung ,Hallo Nachbarii" des Norddeutschen Rundfunks. Und der Mann, der so auf die Schippe der Spafimacher genommen wurde, hatte es sich wohl nie traumen lassen, einmal zum Gespott zu werden. Verachtung, den Hafi so manches ,Ehemaligen" mit Vergangenheit — sie hatte er oft zu spiiren bekommen, an sie hatte er sich gewohnt. Derlei gehorte einfach zu seinem ,Geschaft". Nun aber solch sarkastischer Hohn. Dies hatte Erwin Schiile, Leiter der Ludwigsburger ,Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklarung nationalsozialistischer Verbrechen", wahrlich nicht erwartet.

Uber Nacht, so scheint es, ist der Sljahrige Stuttgarter Oberstaatsanwalt um zehn Jahre alter geworden. Wenn er seinem Arger Luft macht, bekommt er einen hochroten Kopf, reifit den rechten Arm hoch, als mufite er sich gegen einen unsichtbaren Feind verteidigen, verschwindet das verschmitzte Lacheln des Schwaben aus seinen Augen, ist seine Stimme voller zorniger Resignation. Dann wieder, wenn er nach einer Antwort, einer entschuldigenden Erklarung sucht, wirkt er plotzlich wie leblos, blickt unverwandt aus dem Fenster, als ware dort ein Souffleur, der fiir ihn das erlosende Stichwort parat hatte. Die Hande liegen schwer auf dem Tisch. Die buschigen Brauen hochgezogen, die Lippen zusammengekniffen, ringt er um das treffende Argument. Aber auf die Frage weifi er dann doch nur eine Gegenfrage: ,Was habe ich denn eigentlich ,Westdeutschlands oberster Nazijager selber ein Nazi So stand es Anfang Februar im englischen ,Guardian" ,Schiile mufi weg. Nachfolger fiir Stuttgarts Justizminister Haufimann gesucht So verlangten es unlangst einige badische Blatter. Die Uberraschung iiber die Parteimitgliedschaft des Ludwigsburger Oberstaatsanwalts schlug selbst bei denen sogleich in helle Empbrung um, die an sich nichts von einer ,zweiten Entnazifizierung" halten und nichts davon, jeden ,kleinen Pg" zur Rechenschaft zu ziehen. Die Tatsache jedoch, dafi gerade der Mann, bestellt zur Aufklarung nationalsozialistischer Verbrechen, selber zur grofien Schar der Mitlaufer eines Adolf Hitler gehorte, mochten auch sie nicht akzeptieren. Nicht, dafi sie Schiile nun etwa iiberhaupt nicht mehr iiber den Weg trauten, dafi sie zweifelten, ob er auch wirklich seinen Auftrag pflichtgemafi erledigte, daK er vielleicht den einen oder anderen gar durch die Maschen seines Fangernetzes schliipfen liefi. Solchen Verdacht hegen nur Boswillige.

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Betroffen sind jene, die von Schiile und seinen Erfolgen bei der Entdeckung vergessener Mordtaten und untergetauchter Massenmorder sonst nur voller Hochachtung sprachen, vor allem iiber die Art, wie er versuchte, die ganze Angelegenheit ,unter den Tisch zu wischen". Sogar jene, die es unter Umstanden noch hinnehmen, dafi der Leiter der Ludwigsburger Ermittlungszentrale eine ,braune Vergangenheit" hat, mifibilligen sein Verhalten in letzter Zeit.

In Warschau war es passiert, dafi Erwin Schiile, der bis dahin untadelige Hiiter der Wahrheit und des Rechtes, nicht die Wahrheit sagte und nicht das Rechte tat. Es war am 4. Februar, einem Freitag. Endlich hatten die Ludwigsburger Rechercheure von den polnischen Behorden die Visa zur Einreise erhalten. In den mit NS Akten vollgestopften Archiven der Warschauer Kriegsverbrecher Kommission wollten sie, noch rechtzeitig vor dem yerjahrungstermin am 8. Mai, nach neuem Belastungsmaterial suchen.

Was sich bei seiner Ankunft auf dem "Warschauer Flugplatz zutrug, schildert Schtile so: ,Bis 11 30 Uhr habe ich mit dem Herrn Justizminister im Ministerium gearbeitet. Dann bin ich zum Flughafen gehetzt. Endlich in Warschau;, ich verlasse die Gangway, und dann bricht das iiber mich herein " Das, was dort auf ihn einstiirzte, spielte sich in Schiiles Erinnerung dann in dieser Weise ab: ,Im Trubel der Ankunft horte ich bruchstiickweise Vorwiirfe wie, ich sei ein treuer Gefolgsmann Hitlers gewesen, ein Protege des Nazigauleiters Murr, ein Nazi Richter, meine Reise nach Warschau sei nur eine zur Schau gestellte Aktivitat, um bestimmte Personen abzuschirmen, ich hatte mich politisch im Dritten Reich stark engagiert und so weiter, und so fort. Konfrontiert mit solchen, in der Tat, unsinnigen Behauptungen, tat Schiile in seiner Erregung alles ,als einen Haufen Liigen" ab und weigerte sich, den Journalisten genaue Auskunft zu geben (Ahnlich reagierte er nun auch auf die neuesten ,Beschuldigungen" aus Ostberlin: Dafi er 1949 vor ein sowjetisches Kriegsgericht gesteik wurde, bezeichnete er kurzerhand 1 als ,alten Seine spontane, unwirsche Reaktion auf dem Warschauer Rollfeld mag verstandlich sein. Unverstandlich aber ist auf jeden Fall, dafi er dann, am Abend des gleichen Tages, zu einer Meldung der DDR Nachrichtenagentur ADN den Kommentar abgab: Er sei niemals in der Partei, niemals in der SA gewesen. Die Angaben iiber Schiiles Vergangenheit aber stimmten. Kein Wunder, dafi sein Dienstvorgesetzter in Stuttgart, Justizminister Wolfgang Hauftmann , das Dementi aus Warschau erst nicht fiir bare Miinze nehmen wollte. Dann aber mufite er Schiile doch korrigieren: Er sei, so stehe es in seiner Anstellungsakte klar und deutlich, Mitglied der NSDAP seit 1937 gewesen; von Schiiles Verbindungen zur SA freilich war auch ihm nichts bekannt. Dies hatte der Ludwigsburger damals verschwiegen.

Doch damit nicht genug. Schiiles diinner brauner Faden verwirr te sich immer mehr zu einem festen Knauel: Kaum war ihm die Stuttgarter Richtigstellung in Warschau zu Ohren gekommen, da suchte er sich — ungeschickt, so schien es, wie beim erstenmal — aus der Affare zu ziehen: Er sei nur Parteianwarter gewesen; alles sei lediglich ein Mifiverstandnis seiner Frau, die nach 1945 vor einem Entnazifizierungsausschufi angegeben habe, er sei 1937 in die Partei eingetreten. Er habe damals zwar einen Aufnahmeantrag gestellt; ein Parteibuch sei ihm nie zugestellt worden, ein Hakenkreuzabzeichen habe er niemals getragen. Und weil seine Frau, irrtiimlich, seine Mitgliedschaft aktenkundig gemacht habe, sei er eben dabei geblieben und habe 1950 bei seiner Bewerbung geschrieben: „ seit 1937 in der Partei", obwohl das eigentlich gar nicht stimme. Es stimmte freilich doch.

Hier nun wird der Fall Schiile, diesmal ohne sein Zutun, yollends verworren. Der Ludwigsburger Chef Fahnder, der alle westalliierten Quellen wie seine Westentasche kennt, hatte sich einmal an Ort und Stelle nach seiner eigenen NS Akte erkundigt, wenn auch erst recht spat. Die Auskunft lautete: Fehlanzeige. Aufier einer roten Parteianwarterkarte gab es kein belastendes Schiile Dossier. Nun erst, nachdem sich die Stuttgarter noch einmal vergewisserten, kam es an "den Tag: die Partei hatte ihn damals doch aufgenommen, ohne ihn davon zu unterrichten. In Stuttgart schickte man sich an, das angekratzte Bild des honorigen und von alien geschatzten Mitarbeiters aufzupolieren. Schiile, so versuchte Haufimann einzulenken, sei schliefilich als Vierundzwanzigjahriger zur Partei gestofien und auch das nur, weil er wegen seiner ablehnenden Haltung gegeniiber dem Nationalsozialismus in Schwierigkeiten gekommen sei. In die SA sei er ,automatisch" iiber das Tiibinger Hochschulamt geraten. Es sei unfair, ihm, der doch fest auf dem Boden des demokratischen Rechtsstaates stehe und dessen Erfolge als Leiter der Zentralen Stelle im In- und Ausland vorbehaltlos anerkannt werde, dies nun alles nachtraglich anzukreiden. Zudem sei die Parteimitgliedschaft Schiiles alien Landerjustizministern bekannt gewesen, als er 1958 mit dem Posten in Ludwigsburg betreut wurde. Gott sei Dank sei es aktenkundig, seufzte Haufimann erleichtert auf, dafi sich gegen Schiiles Wahl kein Wjderspruch erhoben hatte. Und aufierdem: Die Polen hatten sich ihrem Gast gegenuber sehr anstandig verhalten; sie wiifiten, so sollen sie Schiile in Warschau freundschaftlich aufgemuntert haben, iiber alles genau Bescheid, aber sie stellten seine Verdienste um die Aufklarung der Nazi Verbrechen hoher als seine Jugendsiinden ,Die jungen Polen wissen selber nur zu gut", so meinte Haufimann gar, ,dafi man Mitglied der Partei sein mufi, um im Beruf vorwartszukommen " Wollte auch der junge Erwin Schiile, der 1937 dabei war, ein normales Jurastudium abzusolvieren, nichts anderes, als in seinem Beruf vorwartskommen? Er selber weigert sich, die Motive fiir seinen Antrag zur Aufnahme in Hitlers Partei zu nennen: ,Dann heifit es nur, ich wollte mich reinwaschen. Es soil meinetwegen ruhig heifien, ich sei ein Opportunist gewesen, es stort mich schon gar nichts mehr Immerhin lafit er durchblicken, dafi er aus privaten Griinden gezwungen war, diesen Schritt zu tun, der ihm heute ub;l genommen wird.

Schon eher ist Schiile bereit, aus seiner Ludwijsburger Zeit die Pluspunkte zu sammeln, hilfreich assistiert von seinen Stuttgarter Diensthejren. Da erfahrt man zum Beispiel dafi ein so unverdachtiger Kronzeuge wie der inzwischen abl) erufene Botschaftej: j efe; :5i?>?:wdr, i Leiter der Kclner Israel Mission, sdion seit langem wufite, daS Schiile ein kleiner Pg war; wie iiberhaupt die Israelis kein Aufhebens ,von der ganzen Sache" gemacht hatten.

Seinen Warschauer Eklat aber versucht Schiile datiit zu erklaren, dafi es ihm einzig und allein darum gegangen sei, den ,Polen, die mich ja eingekden hatten, das Gesicht wahren zu helfen". Do:h das, so entriistet er sich, wolle niemand waarhaben.

Irwin Schiile, von dem es heifit, er hatte das Zeng zum Generalstaatsanwalt, ist nicht nur verbinert; er glaubt auch nicht mehr an seine Karrieie: ,Das mit dem General in Stuttgart ist aus und vorbei Er, der alte Haudegen, der sich in der Wehrmacht vom einfachen Muschko zum Oberleutnant hochdiente, der an der Ostfront schver verwundet wurde, bis 1950 Kriegsgefangener war und in russischen Bergwerken und Striflagern durchhielt, der mit 37 Jahren noci einmal von vorn anting, als Staatsanwalt und Amtsgerichtsrat — dieser Mann will nun nicht mehr. Ob er noch weiter die Ludwigsburjer Zentrale leiten wird, weifi er noch nicht. ,Er>t mufi sich das einmal alles setzen, ehe ich weB, ob ich an Deck bleibe " Bleibt Schiile ,an Deck", dann wird er nicht mehr, wie in den letzten sechs Jahren, der tatenduntige Detektiv sein, dem nachgeruhmt wird, er tabe eine Spiirnase wie ein waschechter Krimimlist, ihn treibe die Leidenschaft eines Jagers an, er habe alle Einzelheiten der MassenmordMaterie im Kopf wie ein Lexikon. Schiile ist, wie er e; in seinem Landserjargon ausdriickt, ,fertig". Bei einer seiner letzten Besprechungen mit Haufimann brach er zusammen. Seit er wieder heimgekehrt ist, drohen Unbekannte, sie wiirden seine Familie und ihn umbringen. Inzwischen stehl Schiile unter Polizeischutz, seine, Telefonnummer wurde geandert. Die Briefe und Postkarten aber, in denen sein baldiges Ende angekiindigt wird, flattern ihm Tag fiir Tag ins Haus: ,Ubsr Deine herrliche Gesinnung wirst Du noch rechtzeitig stolpern! Rollkommando Gotz von Berlichingen — ,Mehrere zum aufiersten entschlossene ehemalige Verfolgte (Nichtjuden) sind berek, das Urteil an dem Schwein Schiile ohne Riicksicht auf das eigene Leben zu vollziehen. Beeilen Sie sich, Sie Nazilump!" — Sie mit dem Tod rechnen miissen. Ich bin in unmittelbarer Nahe und wir sehen uns ofters " Wen nimmt es da Wunder, dafi sich der einst so forsche Oberstaatsanwalt Schiile allmahlich in die Eolle des Unverstandenen und Gedemiitigten, des Martyrers fliichtet? Es will ihm einfach nicht in den Kopf, dafi es wohl doch kliiger gewesen ware, gleich, an Ort und Stelle, zu sagen: ,Ja, ich war damals in der Partei und in der SA Da beharrt er eigensinnig darauf, dafi er ,nicht jedeni seinen Steckbrief zu zeigen" brauche, dafi er, ein Waidmann aus Passion, ,ja auch nicht in den Xald geht, um Hasen zu schiefien, und dazu einen Biittel mit der Schelle vorausschickt". Soldier Starrsinn mag dem Oberstaatsanwalt Schiile in seiner Ludwigsburger Zentrale zustatten kommen, zur Rechtfertigung seines Verhaltens in Warschau reicht er sicher nicht aus. Schiile hat sich die Schelle nun selber umgehangt.

 
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