Der Streit um Nehrus MantelSeite 2/2

Nasser ist indessen nicht der einzige, der sich gern den Mantel Nehrus um die Schultern legen würde. Vor einigen Jahren noch war Tito für ihn ein ernsthafter Konkurrent. Der jugoslawische Staatschef übte damals einen großen Einfluß im Lager der Blockfreien aus. Heute ist Tito nur noch ein Außenseiter im Kampf um die Führungsposition. Denn er ist Europäer. Die „Dritte Welt“ hat sich zudem in den letzten achtzehn Monaten, vor allem seit der Gipfelkonferenz in Kairo, immer mehr von einer Gruppe der Neutralen zu einer Interessengemeinschaft der Farbigen, der Asiaten und Afrikaner, entwickelt. In ihrem Kreis kann ein Europäer wie Tito zwar noch Ehrenmitglied sein, aber nicht mehr bestimmenden Einfluß ausüben.

Auch unter den afrikanischen Politikern gibt es vorläufig niemanden, der in der Lage wäre, die Nachfolge Nehrus anzutreten. Die Männer, die Nigeria regieren, das wirtschaftlich gesündeste Land mit der größten Bevölkerungszahl des Kontinents, sind damit beschäftigt, einen Zerfall ihres Staates zu verhindern. Nkrumah und Sekou Touré, die vermutlich davon träumen, regieren über zu kleine Länder mit zu wenig realer politischer Macht.

Der schärfste Rivale Nassers ist der indonesische Staatspräsident Achmed Sukarno. Er regiert über ein Volk von hundert Millionen Menschen, war Gastgeber der ersten Gipfelkonferenz der Farbigen im April 1955 in Bandung und spielt daher schon seit einem Jahrzehnt eine wichtige Rolle im Kreis der blockfreien Nationen. Und er ist seit langem einer der Führer des linken Flügels im blockfreien Lager.

Sukarno ist kein Kommunist. Aber er steht – im Gegensatz zu Nasser – vielen kommunistischen Ideen sehr aufgeschlossen gegenüber. Sukarno war ein erbitterer Gegner Nehrus. Heute ist er ein Parteigänger Rotchinas, trotz des instinktiven Mißtrauens, das er wie alle Südostasiaten gegenüber der erdrückenden Macht der Chinesen empfindet. Im Gegensatz zu der von Moskau propagierten Parole der Koexistenz vertritt er die chinesische These einer unvermeidlichen Auseinandersetzung mit den „Imperialisten“. Und im Gegensatz zu Shastri und Tito plädiert er für ein zweites „Bandung“, für eine Gipfelkonferenz nicht der Neutralen sondern der Farbigen mit Rotchina, aber ohne die Sowjetunion. Dieses Treffen soll im Mai in Algier stattfinden.

Wenn Nasser nun aber die Führungsposition in der „Dritten Welt“ gewinnen will, so muß er vor allem die Staaten des linken Flügels hinter sich scharen. Denn auf der Rechten gibt es keinen ernsthaften Konkurrenten und auch keine Parolen, die eine Gefahr für ihn wären. So lange die Erinnerungen an die Kolonialzeit noch lebendig sind und so lange es noch Kolonien gibt, kann kein Politiker die blockfreien Staaten für ein Bündnis mit dem Westen gewinnen. Dazu sind in der jungen, intellektuellen Führungsschicht dieser Völker die Ressentiments noch zu stark.

Die ernsthaften Rivalen Nassers kommen von der Linken. Sie stützen sich nicht auf Moskau sondern auf Peking. Für sie gehört die Sowjetunion heute schon zu den „Reichen“, zu den „Satten“, die im Grunde ähnlich wie die USA die heutige Verteilung von Wohlstand und Macht auf der Welt nicht verändern sondern erhalten wollen. Sie dagegen wollen den Umsturz und dem weißen Mann, der heute die Welt regiert – und auch der Russe ist ja ein weißer Mann – seine Herrschaft streitig machen.

In der Auseinandersetzung zwischen Asien und Europa, zwischen den „konservativen“ weißen Völkern und den revolutionären farbigen Staaten unter der Führung von Peking, bezieht Nasser (wie Nehru) eine mittlere Position. China und seine Freunde in der „Dritten Welt“, geführt von Sukarno, wollen die Macht des Westens und der Weißen zerschlagen. Nasser weiß (wie Nehru), daß dies der „Dritten Welt“ gerade die Existenzbasis nehmen würde, denn sie lebt ja vom Gegensatz der beiden Lager. Daher demonstriert Nasser heute Sympathien für Moskau und für die Koexistenz zweier Blöcke.

Peter Grubbe

 
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