Nicht ungefährlich ist es, ein fremdes Land durch seine Satiriker kennenlernen zu wollen. Aber es ist vorteilhaft und nützlich, denn man erfährt mit Sicherheit Wahreres als aus amtlichen Verlautbarungen. Satiriker sind sensible Menschen. Die Methode der witzigen Übertreibung macht auch Verstecktes sichtbar, und nebenher zeigen die nötigen Abstriche zuverlässig die Temperatur der landesüblichen Toleranz an.

Wer das hämisch triumphierende Lächeln des Antikommunisten zu Hause Zu lassen sich zutraut, könnte nach diesem Rezept eine Reise antreten in die Sowjetunion des Tauwetters; Es lädt ein –

Arkadij Wassiljew: „Montag ist ein schwerer Tag“ – Eine Satire aus Sowjetrußland, aus dem Russischen von Valerian P. Lebedew; Paul List Verlag, München; 310 S., 16,80 DM.

Genauere Daten Ihres Aufenthalts: Drei Tage in der sowjetischen Kleinstadt Krajucha. Ihr Reiseführer ist ein älterer Mann mit verdächtig frommem Augenaufschlag. Er wird Sie, dank seiner profunden Kenntnis der Lage, bestens mit den Verhältnissen vertraut machen, Sie werden sehen, wie es dort zugeht, Sie werden – wenn Sie sich auch zu Hause eines ungetrübten Blickes erfreuen – zu interessanten Vergleichen angeregt.

So wird man die Bürokratie aus nächster Nähe von ihrer natürlich lachhaften Seite kennenlernen, nicht als abstrakt-anonymes Sammelschimpfwort. Und man wird feststellen, daß auch Parteifunktionäre ganz gewöhnliche Leute sind, daß sie klatschen und katzbuckeln wie alle anderen ganz gewöhnlichen Leute, eben wie Beamte in öffentlichen Diensten. Man wird eine Lektion erhalten über die sozialistische Variante des „comme il faut“. Man wird wertvolle Einblicke gewinnen in die Psychologie sozialistischer, aber wenig sozial denkender Chefs und anderes mehr aus dem sowjetischen Alltag erfahren.

Man wird außerdem – dies ist der Vorwand für all die interessanten Führungen – Zeuge eines Kriminalfalles: Bestechung und wiederholte Veruntreuung von Volkseigentum. Für Sowjetbürger heißt das: Mangel an sozialistischem Bewußtsein, und das ist schlimm, so schlimm, daß der Hauptschuldige zum Schluß Selbstmord begeht. (Eigentlich schade um ihn, er war so sympathisch, fast ein „positiver Held“, dieser nette, kleine Mann und Gauner.)

Wassiljews Gaunerjagd im fiktiven Krajucha ist verblüffend „wirklich“ geraten. Sein charmanter Schelmenrealismus hat illustre Vorfahren in den Klassikern der sowjetischen Satire (Awertschenko, Kawerin, Katajew, Ilf-Petrow). An Soschtschenkos Kurzgeschichten wird man erinnert, ohne daß Wassiljew deren pessimistische Ironie erreichte. Auch Jurij Oleschas Donquichotterie aus den zwanziger Jahren, „Neid“ (nämlich der Neid des letzten Idealisten auf neureiche NEP-Funktionäre), ist spitziger und kompositorisch straffer. Wassiljews „Montag“ ist, als Roman betrachtet, wenig bedeutend, um nicht zu sagen: mißlungen. Die Stärke Wassiljews liegt offenbar in der kleinen Form der Humoreske. Dennoch ist diese Sammlung satirischer Streiflichter das Amüsanteste, was im letzten Jahrzehnt an zeitgenössischer Literatur aus der UdSSR nach Deutschland gelangt ist.